Prometheus starrt

Wolfgang Newerla als regungsloser Widerstandsgeist © Paul Leclaire

170 Meter Hallentiefe! - die Kraftzentrale im ehemaligen Duisburger Thyssen-Stahlwerk, heute Landschaftspark Duisburg-Nord, ist ein räumlicher Superlativ auf der Ruhrtriennale. Im Rahmen der Ruhrtriennale ist dort jetzt Orffs "Prometheus" zu sehen.

(Duisburg, 16. September 2012) Die Industriearchitektur im Ruhrgebiet um 1900 wartet mit erstaunlich sakralen Bezügen auf, etwa die dreischiffige Kathedrale der Bochumer Jahrhunderthalle oder die neoromanischen Rundbogenfenster und die umlaufenden Ornamente unterhalb der Traufe der Kraftzentrale, die mit ihren gigantischen Ausmaßen - Breite: 35 Meter, Höhe: 20 Meter - fünf Hochöfen umschloss! In dieser Kultstätte der Eisenschmelze einen archaischen Ritus zu zelebrieren, hat seinen Reiz. Und die Bilder, Bewegungen, Kostüme, die der samoanische Regisseur Lemi Ponifasio für Carl Orffs mit schauerlichen Rhythmusattacken durchzogenen antiken "Prometheus"-Oper präsentiert, schaffen rituelle Atmosphäre. Allein, das reichte nicht ganz aus, um ins Mysterium von Orffs Stück vorzudringen. Orff vertonte den original überlieferten Prometheustext des vorchristlichen Tragödiendichters Aischylos in altgriechischer Sprache, lediglich mit Akzent- und Betonungszeichen versehen, um die Qualität der Sprachmelodien anzudeuten. Und Ponifasio wollte keine Übertitel, weil er die Sprachmelodie nicht einer psychologischen oder intellektuellen Durchdringung ausliefern wollte. Doch wovon sollte das Publikum nach der Präsentation Zeugnis ablegen können?

Diese Tragödie, die dritte und letzte aus Orffs Werkgruppe der griechischen Tragödien, blieb schon für den Münchener Komponisten "sakrosankt wie ein Tempelbau". Bei der Uraufführung 1968 in Stuttgart unter Ferdinand Leitner konnte es keine Übertitel geben, wegen der noch nicht vorhandenen Technik. Und mag sein, dass in den späten 1960ern noch ein Großteil des Bildungsbürgertums des Altgriechischen mächtig war. Denn der Inhalt, der ist sicherlich auch für Orff entscheidend gewesen, diese Tragödie gerade jetzt aufzugreifen. Der Prometheusstoff des Aischylos war vor allem seines explosiven Helden wegen aktuell. Die im Text widergespiegelten, gottlosen - modern gesprochen: "außerparlamentarischen", aber der Wahrheitsfindung dienenden Aktionen, so modern wie irgendetwas. Zumal sich Prometheus sowohl in seinen Monologen, als auch in den Dialogen mit den Okeaniden (Frauenchor mit drei Solistinnen) und Io über machtbesessene Willkür austauscht, der man nicht unbedingt gehorchen solle, sich aber auch den Usurpationsgedanken des an die Macht strebenden Götterboten Hermes entgegenstellt. Prometheus ist vor allem eines, ein Verweigerer. Mit langen Haaren und Christusbart - wenn auch im grauen Anzug - auf einer altarähnlichen schwarzen Bank sitzend, stellt er noch zusätzlich einen Seher, einen Propheten, einen Lehrenden, wenn nicht sogar eine Art Christusfigur dar. Was Prometheus aber sieht, prophezeit, lehrt geht im rezitierten Sprachklang oder mit psalmodierten Wortkaskaden leider nicht auf. Als Ritusformel - Quasi-Liturgie- taugt diese Aischylostragödie nicht. Da helfen keine trippelnden asiatischen Mönche, die asienuntypisch schwarze Gewänder tragen oder die Okeaniden, die wie die Jungfrauen der Hildegard von Bingen entlang der schwarzen Spiegelfläche meditierend wandeln. Oder eine Ido, die mit Turmfrisur wie die syrische Sternengöttin Astarte eine Bahn hin zu Prometheus und wieder zurück schritt und ihren Auftritt mit Mark und Bein erschütternden Schreien begleitet. Ponifasio hat sich zu sehr von Orffs archaischen und pseudorituellen Musikeinlagen verführen und reduzieren lassen. Prometheus sitzt ununterbrochen unbeweglich nach vorne ins Publikum starrend - er ist ja angekettet an den Felsen. Hinter ihm liegt eine Verdopplung auf einem Altartisch, wird mit Wasser überschüttet, das langsam wie die Erkenntnis, auf der inzwischen grünlich schimmernden Spiegelfläche der Welt in einer großen Schliere Richtung Publikum fließt. Rechts aus 10 Meter Höhe, auf einer reliefartig schwarz schimmernden senkrecht abfallenden Felsenwand positioniert, hämmert die musikFabrik, das SPLASH-Perkussion NRW und das Orchesterzentrum NRW unter der Leitung von Peter Rundel wie ein entarteter Engelschor wuchtige Klänge in die Halle: sechsfach besetzte Flöten, Oboen, Trompeten (sie hatten insgesamt rund 3 Minuten zu spielen), Posaunen (nicht viel länger im Einsatz), acht Pianisten an vier Flügeln, neun Kontrabassisten und jede Menge Pauken auch asiatische Taikos. Die Halle hat sicherlich schon mehr Lärm erlebt!

Zweieinhalb Stunden Sitzen, mal Stehen, mit Rezitationen, durchbrochen von Gesangseinlagen, die den Einsatz des Kopfregisters verlangen, absolviert der Bartion Wolfgang Newerla ohne aus seiner starren Rolle herauszufallen. Er ist ja ein Leidender, der sich nicht unterkriegen lässt. Ab und zu leistet er sich also einen kleinen schwarzen Wasserkelch, den er unter seiner Bank hervorzieht oder streicht sich mit seiner Hand über den Bart. Mit ihm regungslos auf der Bank geht die Welt auch unter - eine Gestalt mit Riesenräucherstab auf der Stirn quirlt mit rudernden Armbewegungen eine malerische Rauchwolke in den schwarzen Bühnenhimmmel. Auch Brigitte Pinter als schreiende, singende Ido, die sich eine rhythmisch perfekt ineinandergreifende Schlagabtausch mit Prometheus leistet, kann man nur bewundern. Das perfekte Zusammenspiel aller Figurengruppen, der "nonnischen" Meeresnymphen (Frauenchor vom ChorWerk Ruhr) ebenso wie die drei Okeanidinnen Olga Vilenskaia, Hasti Molavian und Johanna Krödel als auch die schauspielernden Götter Kratos, Bia und Hephaistos oder Dale Duesing als singender Okeanos vor seinen Okeanidinnen vermittelten bedeutungsschwangere Antike. Aber die ganze Zeit über wurden die Gedanken schwerer, der Vorsatz um so kräftiger, den im Programmheft in der Übersetzung von Heiner Müller abgedruckten Aischylostext lesen zu müssen, sobald diese Kritik geschrieben ist!

Sabine Weber


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