CD-Rezension

Sergej Prokofjew: Sinfonien Nr. 1 bis 7. London Symphony Orchestra, Valery Gergiev. Philips/Universal 4 CD 475 7655

Es ist schon ein wenig merkwürdig: Einerseits gehört Sergej Prokofjew zu den beliebtesten und meistaufgeführten Komponisten des 20. Jahrhunderts, andererseits scheint es so, dass er zumindest als Sinfoniker nach wie vor eine Ehrenrettung nötig hat: Von seinen sieben Sinfonien erklingen lediglich die Erste ("Symphonie classique") und die Fünfte regelmässig im Konzert, alle anderen sind für die meisten Musikfreunde vor allem hierzulande größtenteils (und unverdientermaßen) terra incognita. Valery Gergiev, der sich bereits seit langer Zeit für das Opernschaffen Prokofjews einsetzt, legt nun mit dem London Symphony Orchestra - dessen Chefdirigent er momentan ist - eine (live aufgenomme) Gesamtaufnahme von Prokofjews sinfonischem OEuvre vor. Sie kann momentan Referenzwert für sich beanspruchen, und dies nicht nur aufgrund der Tatsache, dass beide Versionen der Sinfonie Nr. 4 enthalten sind - die Originalfassung sowie die spätere Neubearbeitung.

Gergiev enthüllt den gesamten emotionalen Reichtum der Partituren, die zahlreichen Schärfen und Bruitismen (damit konnte man bei diesem Dirigenten rechnen) ebenso wie ihre oft, und nicht nur unter der Oberfläche, spürbare Nachdenklichkeit und Melancholie. Damit verhilft er besonders den unbekannteren Sinfonien zu ihrem Recht - der Zweiten und Dritten mit ihren geradezu schmerzhaften Dissonanzballungen, und allen voran der genialen Sechsten: Prokofjews Musik zeigt sich hier von einer geradezu tragischen Doppelbödigkeit und spricht gleichzeitig unverstellter aus, was ihn bewegte, als in vielen anderen seiner Werke. Dass es durchaus subtilere, funkelndere Einspielungen der Sinfonien eins und fünf gibt, ist angesichts einer solch meisterlichen Leistung leicht zu verschmerzen.

Thomas Schulz

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