Das Streichquartett als Lebensschule

Walter Levin beim Unterrichten

Seit siebzig Jahren setzt sich der Geiger Walter Levin für's genaue Zuhören ein. 

Ein Porträt von Benjamin Herzog

Es ist Mitte Oktober, und die Kälte kriecht schon langsam übers Land. Das Ehepaar Walter und Evi Levin ist soeben zurückgekehrt aus Flims. In der Gemeinde im Graubünden bewohnen die beiden seit Jahrzehnten ein Sommerhaus. Geniessen die alpine Frischluft bevor sie wieder nach Basel zurückkehren, wo Walter Levin unterrichtet und Streichquartettkurse gibt. Etwas, was er auch in Lübeck tut und in Madrid und Paris, und dabei besucht wird von Ensembles aus ganz  Europa. Seit neuestem kommen sogar Musiker aus China zu Walter Levin.
Die Quartettschmiede des Dreiundachtzigjährigen arbeitet unermüdlich, bringt junge Ensembles hervor, unterstützt bereits bestehende und pflegt den Kontakt mit etablierten Quartetten. Kaum ein Streichquartett in Europa, das in seiner Biographie nicht irgendwo den Vermerk "Unterricht bei Walter Levin" hätte und in Klammern dahinter "LaSalle-Quartett". Wie zum Beispiel das Wiener Hugo Wolff-Quartett oder die Berliner Quartette Kuss und Artemis.
Das LaSalle-Quartett gehörte über Jahrzehnte zu den ganz Grossen der europäisch-amerikanischen Quartettszene und rangierte in der gleichen Liga wie das Emerson-Quartett, das Juilliard-, Guarneri- oder Amadeus-Quartett. Hier spielte Walter Levin während fast vierzig Jahren die erste Geige zsammen mit dem zweiten Violinisten Henry Meyer, dem Bratschisten Peter Kamnitzer sowie, in chronologischer Reihenfolge, den Cellisten Richard Kapuscinski, Jack Kirstein und Lee Fiser. Und zwar von 1949 bis zur Auflösung des Ensembles 1988.
In seiner Sommerpause in Flims erarbeitete das LaSalle-Quartett regelmäßig die grossen Stücke, die es im Laufe seiner Karriere auf- oder sogar uraufgeführt hat. Man traf sich morgens zur Probe - in der Skischule, denn die war sommers nicht benutzt - und arbeitete dort in Ruhe und ohne viel Druck. "Wir nahmen uns so viel Zeit, wie es für die anspruchsvollen Werken eben nötig war", sagt Walter Levin. Eine solche zeitintensive Gründlichkeit ist heute wohl nicht mehr möglich, oder? Levin: "Es wäre schon möglich, aber die Leute nehmen sich die Zeit einfach nicht mehr. Es gibt Druck vom Management, aber auch den Druck, möglichst schnell viel Geld zu verdienen. Der war bei uns nicht da."  
Das LaSalle-Quartett profitierte früh von einer "Residence" am Colorado-College und später am Cincinnati College-Conservatory of Music, wo alle vier Mitglieder eine Anstellung hatten und somit ein gesichertes Einkommen.
An der Hochschule für Musik Basel hält der Streichquartett-Professor noch heute Residenz. Lange Zeit unterrichtete er zusammen mit dem ehemaligen Bratschisten des Alban Berg-Quartetts, Hatto Beyerle. Seit Herbst 2007 ist Rainer Schmidt Walter Levins Partner. Auch Schmidt, zweiter Geiger des Hagen-Quartetts, ist einer der vielen ehemaligen Streichquartettstudenten von Walter Levin. Nicht alle bleiben dem Quartettspiel später auch treu. Ist das Unterrichten dann nicht verlorene Mühe? Walter Levin: "Das Streichquartett ist in hervorragendem Maße auch eine Schule für ein Musikerleben ausserhalb der Viererbesetzung. Die Fähigkeit ernsthaft ein Quartett zu erbarbeiten, befördert alle Tugenden, die man als Musiker braucht. Das heisst also Genauigkeit, Ensemblespiel, Hören, Partiturlesen. Und man lernt, wie man mit anderen Menschen auskommt."  
Das ist sowohl für das Quartettspiel, das schon als "Ehe zu viert" bezeichnet wurde, von grösster Bedeutung als auch für das  "Zusammenleben" in jedem anderen Ensemble bis hin zum grossen Sinfonieorchester. Nicht umsonst gilt das Streichquartettspiel als musikalische Königsdisziplin. Im Orchester zu spielen wäre für den 1924 in Berlin geborenen und Ende 1938 aus Hitlerdeutschland nach Palästina emigrierten Walter Levin keine Alternative gewesen. Die Liebe zum Quartett hatte sich bei dem Jungen schon so früh gezeigt, dass ihm seine Eltern zur Bar Mizwa mit dreizehn Jahren eine Notensammlung schenkten mit der damals wichtigsten Musik für vier Streichinstrumente. Von frühen Purcell-Fantasien bis zum zweiten Quartett von Arnold Schönberg. "Das hat mich ungeheuer angeregt", erinnert sich Levin.

Überhaupt war das Klima für einen jungen Musiker in Tel Aviv günstig, bei aller dahinter stehenden Emigranten-Tragik. In Levins Schule wimmelte es von begabten Streichern und Pianisten. In den Pausen, so erzählt er, habe man Brandenburgische Konzerte gespielt. Auch ein Streichquartett zusammenzustellen, sei überhaupt kein Problem gewesen. "Wir spielten vor allem ältere Sachen, obwohl mich das avancierte Repertoire von Anfang an interessierte. Nur hatte ich das ja alles noch nie selbst gehört."
Die Initialzündung für Levins lebenslange Beschäftigung mit der kammermusikalischen Gegenwart war ein "Schallplattenkonzert" bei dem Schönberg-Experten Peter Gradenwitz in Tel Aviv. An einem ungewöhnlichen Ort. "Auf dem Flachdach seines Hauses hatte er einen Plattenspieler aufgestellt. Eines Tages spielte er dort die gerade aus Amerika angekommene Privataufnahme des Kolisch-Quartetts mit  allen vier Schönberg-Quartetten. Das war für mich etwas Unglaubliches. Auf Gradewitz' Dach begann ich mich für diese Art von Musik zu interessieren." Spielen aber konnte Levin die Schönberg’schen Quartette erst in den USA. Mit dem LaSalle-Quartett.
Im Lauf der Jahre hat das LaSalle-Quartett die nicht gerade einfache Musiksprache von Schönberg, Berg und Webern verinnerlicht. 1987 erschien eine Box mit allen Quartetten der so genannten Wiener Schule bei der Deutschen Grammophon - sie wurde zu dem am meisten verkauften Tonträger des Ensembles. Neben seinem Einsatz für die Wiener Schule sorgte das LaSalle-Quartett auch für die nachhaltige Wiederbelebung der Quartette von Schönbergs Lehrer Alexander Zemlinsky und engagierte sich darüber hinaus auch für die aktuelle Streichquartettproduktion.

Das Streichquartett ist eine Gattung, die sich in den späten 1750er Jahren entwickelt hat. Ist es somit nicht ein bisschen anachronistisch im einundzwanzigsten Jahrhundert noch Streichquartette zu schreiben?
Levin: "Das Streichquartett ist eine attraktive Herausforderung. Die Komponisten wissen, dass man hier nichts verbergen kann. Dass man da nicht hinter grossen Klangflächen eine innere Leere verstecken kann." Gut nachhören kann man diese Feststellung Levins in Streichquartetten von Witold Lutoslawski, György Ligeti, Mauricio Kagel oder Michael Gielen: Werke, die alle auf Anregung des LaSalle-Quartetts entstanden sind.
Auch Luigi Nonos einziges vollendetes Streichquartett "Fragmente - Stille. An Diotima" ist ein "LaSalle-Stück". 1980 führte es "Fragmente - Stille. An Diotima" in Bonn zum ersten Mal auf. Walter Levin spricht immer wieder gerne über dieses Stück. Darüber, wie sich die auffällig langen Pausen im Laufe der Arbeit mit Nono noch verlängert haben. "Bei der Uraufführung hat das Stück noch etwas über dreissig Minuten gedauert, bei der Plattenaufnahme waren es dann schon um die vierzig Minuten."
Was wollte Nono mit diesen langen Pausen erreichen? "Die Versenkung in die Zeit, in das Nachdenken, das Nachhören. Und in die gespannte Erwartung dessen, was kommen wird. Nono wollte, dass sich der Hörer mehr und mehr konzentriert. Dass er nicht von der Musik unterhalten wird und abgelenkt, sondern, dass er - im Gegenteil - auf etwas gelenkt wird: auf's genaue Zuhören." Ein sehr kammermusikalischer Gedanke. Und eine heikle Mission, denn im Konzert ist eine solche Konzentrationsstille schwer herzustellen.

Wer das LaSalle-Quartett heute hören will, muss zur CD greifen. Das Ensemble hat sich mit Einspielungen des Standardrepertoires zwar eher zurückgehalten. Kein Haydn, kein Mozart. Aufgenommen hat es aber die späten Beethoven-Quartette, die Werke der Wiener Schule und die verschiedenen Auftragskompositionen. Ausserdem hat das LaSalle-Quartett alle seine Konzerte aufgezeichnet. Vieles davon liegt allerdings nur auf Tonbändern vor. Diese Bänder sind, zusammen mit  Komponisten-Briefwechseln und anderen Dokumenten, im Jahr 2002 an die Paul Sacher-Stiftung in Basel übergegangen. Hier wurde die Sammlung archiviert und die Tonbänder auf in der Stiftung zugängliche CDs überspielt.
Tonträgern steht Levin dennoch kritisch gegenüber. Konzentriertes Hören von CDs sei selten. Im Gegenteil: Musikaufnahmen würden oft als Geräuschkulisse missbraucht. Als Folge dieser Dauerbeschallung leide nicht nur die Konzentrationsfähigkeit, sondern auch die häusliche Musizierpraxis. "Zuhause habe ich meine erste Musik überhaupt gehört. Unter dem Klavier, an dem meine Mutter mit Freunden zusammen Kammermusik gespielt hat", erinnert sich Levin. Eine solche Situation ist heute nur mehr schwer vorstellbar. Gute Streichquartett-Ensembles gibt es  - zum Glück - aber immer noch.

Derzeit erhältliche CDs des LaSalle Quartetts (alle bei Deutsche Grammophon):
György Ligeti: Streichquartette u.a. (DG 474 3272)
György Ligeti: "Clear or Cloudy. Complete Recordings on Deutsche  
Grammophon", 4 CDs. (DG 477 6443.)
Alban Berg: "The Alban Berg Collection" (8 CDs) (DG 474 6572)
Arnold Schönberg: Verklärte Nacht op. 4, Streichtrio op. 45 (DG 423  
2502)

www.paul-sacher-stiftung.ch