Das Haus ungezieferfrei singen!

Stefan Vinke und Cornelia Horak in "Intolleranza" Foto: Ida Zenna

Der Heldentenor Stefan Vinke singt den "Emigrante" in Luigi Nonos "Intolleranza 1960" am Münchner Gärtnerplatz-Theater

Ein Porträt von Klaus Kalchschmid

Als Stefan Vinke vor drei Jahren erstmals in Saarbrücken die Rolle des "Emigrante" in Luigi Nonos "Intolleranza 1960" sang, da befand die Zeitschrift "Opernwelt", der Tenor hätte damit die Rolle seines Lebens gefunden. Das spürt man auch jetzt, wenn Vinke von den "eisigen Höhen" spricht, die diese Partie fordert ("locker eine Terz über der Tessitura, die ich normalerweise singe"). Allein 21 mal muss das hohe C da bereits in den ersten Minuten erklommen werden! ?Aber ich habe eine hohe kräftige Stimme und finde es wunderbar, mich in dieser Aufführung (Münchner Erstaufführung am Sonntag, 13. Mai, 20 Uhr) auf der Bühne mitten durchs Orchester bewegen zu können. Ich bin auch mit der hohen Lage des Bacchus in der 'Ariadne' sehr glücklich - etwa gerade wieder in Genf mit Nina Stemme - und freue mich jedes Mal auf die Intensität der großen Szene des Matteo im dritten Akt der 'Arabella' von Strauss."

Bekannt geworden ist Stefan Vinke allerdings als herausragender Heldentenor mit Wagner; sei es als Tristan, Siegfried oder Parsifal. Zunächst als Ensemble-Mitglied in Mannheim, jetzt fest engagiert in Leipzig, wo er nächste Spielzeit am 16. November in einer seltenen szenischen Produktion von "Rienzi", Wagners früher "großer tragischer Oper in fünf Akten" auftreten wird - und 2008 in Eutin erstmals als Tannhäuser.

Kaum zu glauben, dass der Tenor erst 1992 - mit 26 Jahren - eine Oper sah. Da war er als ausgebildeter Kirchenmusiker, der die Orgel ebenso spielen konnte wie Chöre leiten  schon ein Sänger mit großer Oratorien-Erfahrung im WDR-Rundfunkchor. Um ihn allerdings auf die Bühne eine Opernhauses zu bekommen, war sanfter Druck nötig. Denn eine Verantwortliche von der zbf (der wichtigsten Institution zur Vermittlung von Sängern) hörte den jungen Studenten in einer Hochschulaufführung und vermittelte resolut die entsprechenden Termin zum Vorsingen: Als Buffo(!)-Tenor im "Anfängervertrag wider Willen" in Karlsruhe von 1994 bis 1996 mußte Vinke im ersten Jahr an 111 Abenden kleine und kleinste Partien singen. Die größten davon: Wenzel in der "Verkauften Braut", Freddie in "My Fair Lady" und der erste Strolch in Carl Orffs "Die Kluge".

Danach wollte Vinke eigentlich nichts mehr von der Oper wissen, doch seine Stimme hatte sich für einen Chor schon zu charakteristisch und individuell entwickelt, derart an Volumen gewonnen, dass sie in kein Kollektiv mehr passte. Es half kein Flehen ("ich kann mich ja ein- und unterordnen") den Chorleitern gegenüber, wie in Hamburg, wo die Ablehung mit 17 zu 16 erfolgte. Da es überall "Nein" hieß, gab es keinen Weg mehr zurück.

Und wieder kam es zu einem Glücksfall für Stefan Vinkes Karriere, als in Krefeld-Mönchengladbach händeringend ein Tony für die "Westside Story" gesucht wurde. Vinke blieb schließlich insgesamt drei Jahre blieb. Dort konnte Vinke alles ausprobieren, von Johannes-Passion bis Verdi-Requiem, vom Hauptmann im "Wozzeck" bis Hoffmann: ?Ich habe alles gesungen, wo 'Tenor' drüber, drunter oder davorstand. Das war eine ganz wichtige Zeit für mich."

1999 wurde in Mannheim ein Ersatz für den mittlerweile in Bayreuth und international vielbeschäftigten Robert Dean Smith gesucht und nun kam es zum eigentlichen Durchbruch, auf den schon Edda Moser, Vinkes Lehrerin, hingearbeitet hatte. Denn im ersten halben Jahr seines Engagements unter Jun Märkl in Mannheim absolvierte Vinke eine beispiellose Serie von Rollenbebüts: Wagners Erik, Siegmund, Lohengrin und Parsifal, dazu Beethovens Florestan!

Kein Wunder, dass Freunde scherzhaft sagten: "Komm doch mal wieder, und sing das Haus ungezieferfrei!" Vinke jedenfalls hat eine gute Portion Humor, wenn er demonstriert, wie sein fünfjähriger Sohn im Kindergarten mit dem kleinen Holzhammer Siegfrieds Schmiedelieder schmettert und in der Badewanne Isolde singt, oder er vom Erdbeben während einer Straßburger "Arabella"-Aufführung erzählt, in der die Kulissen gefährlich wackelten und die Vorstellung abgebrochen werden musste.

Der 40-jährige ist aber auch ein mutiger, unerschrockener Mann (eben ein "Helden"-Tenor), wenn es darum geht, Vorstellungen in letzter Sekunde zu retten. Sei es, weil ein Hauptdarsteller eine Stunde vor Beginn in der Garderobe zusammenbricht ("Verkaufte Braut" in Saarbrücken) oder er nach einem Siegfried zwischen 10 und 15.30 Uhr in Köln (dort gibt man die vier Teile des "Ring" an einem Wochenende!) noch einen Lohengrin nachschiebt. Endlich genüßlich Pizza essend und Bier trinkend, bekam Stefan Vinke die Anfrage per Handy, ob er nicht in Aachen am selben Abend einspringen könne: "Da war gottseidank der Adrenalin-Pegel noch hoch genug und ich hatte schneller ja gesagt, als dass meine Frau mich für verrückt erklären konnte."