
Porträt des Minguet Quartett, das mit dem Echo Klassik für seine Einspielung aller Streichquartett von Peter Ruzicka ausgezeichnet wurde.
"Stille Angreifer" hat man sie genannt und damit die Kontinuität gemeint, mit der sich das Minguet Quartett nicht nur der zeitgenössischen Musik, sondern insgesamt dem Quartettspielen über die Jahre gewidmet haben. "Eine positive Aggressivität könnte man uns auch attestieren", sagt Matthias Diener. Auch wenn es mal nicht so rund läuft, ob finanziell oder beim Proben, haben wir immer das Gefühl, etwas Neues in Angriff zu nehmen. "Wir brauchen wie ein Komponist die Stille in einem kleinen Raum", ergänzt die zweite Geigerin Annette Reisinger. Und gleich sprudelt es aus dem Cellisten heraus: "Wir gehen mit der gleichen Selbstverständlichkeit und Lust an moderne Musik heran, wie an die Klassiker und das merkt das Publikum. Da denkt kaum einer, 'Oh, jetzt kommt das Stück das ich eigentlich gar nicht hören will, sondern er wird mitgenommen qauf die Reise ins Unbekannte!" Im Schnitt sind - wie bei kaum einem Streichquartett, von den Ardittis einmal abgesehen - in ihren Konzerten zur Hälfte "moderne" und rein klassische Musik zu hören, aber selten ist die Balance in einem Konzert für sich ganz ausgewogen. Mal steht viel Schubert auf dem Programm, dann wieder ist es ein ganzer langer Abend mit allen Quartetten Peter Ruzickas, wie eben in München, wo das Minguet Quartett vor allem in der Akademie der Schönsten Künste oft mit zeitgenössischer Musik zu hören ist. [Kritik lesen]
Für diese Gesamtschau auf CD, erschienen bei Neos, erhielt das Minguet Quartett gerade den Echo Klassik, die Frucht einer jahrelangen Beschäftigung gerade mit dieser Musik: "Das dritte Quartett war die Initialzündung, denn wir haben es als erstes seiner sechs Quartette 2003 beim Kissinger Sommer gespielt, Ruzicka hat das schon bei den Proben gehört und war vollkommen sprachlos, hatte Tränen in den Augen und lud uns sofort für das nächste Jahr nach Salzburg ein, wo er damals Intendant war", erinnert sich Annette Reisinger. Und Matthias Diener fügt hinzu: "Alles, etwa die Mahler-Allusionen sind bis ins Kleinste fein ausgestaltet, jedes Mal verändert sich etwas minimal, gerade eben hat noch ein Flageolett wie ein Tinitus geklungen, beim nächsten Mal ist es verschwunden."
Ruzicka ist ein skrupulöser Arbeiter. Das merkte man auch an seinem bislang letzten Quartett, das er explizit für das Minguet Quartett komponierte. Mitten im Schaffensprozeß kam plötzlich ein Anruf mit dem lapidaren Hinweis, dass das Material nach einer weiteren, einer Sing-Stimme verlange! "Das hat uns natürlich erst einmal erschreckt, wir hatten ja schon das Quartett an Konzertveranstalter verkauft, die jetzt noch eine Sängerin bezahlen sollten - und wir mussten die für den anspruchsvollen Part erst einmal finden! Aber als wir dieses Quartett dann spielten, haben wir die ungemein hohe Sopranstimme als große Qualität empfunden. Da wird dem Material demütig nachgefühlt, ihm Raum gelassen, Weite zugelassen", so der Cellist. Außerdem ist das Stück ja so etwas wie eine Ur-Zelle der Hölderlin-Oper, in der KEINE Texte des großen Dichters vertont wurden - und dank des Zitats eines ganz frühen Quartetts erhält das Ganze etwas fast Autobiographisches. Ruzickas Quartette sind zwar nie Programm-Musik, aber immer an außermusikalisches angebunden, an Mahler, an Hölderlin, an den Tod der Mutter, an den Tod Celans. Und Matthias Diener analysiert das mit bestechender Schärfe: "Daraus spricht eine Zurücknahme des eigenen Ichs, des eigenen tiefen Empfindens, und es erlaubt andererseits eine große Offenheit, wie ja Ruzicka das Komponieren von Streichquartetten mit dem Tagebuchschreiben vergleicht."
Nicht nur in die Musik Ruzickas - oder auch Jörg Widmanns - ist das Minguet Quartett tief eingedrungen, auch die zwölf Rihm-Quartette hat das Ensemble mehrfach an drei aufeinanderfolgenden Abenden gespielt, etwa in Tokio oder in Madrid, und auf vier CDs für col legno aufgenommen. "Wie unterscheidet sich der Quartett-Kosmos Rihms von dem Ruzickas oder Widmanns, der seine Quartette als zusammenhängenden 75-minütigen Zyklus komponiert hat? "Rihm erfordert viel mehr Körperlichkeit, es ist eine richtige Körper-Musik. Das ist rein physisch, was die Muskelkraft angeht, anstrengend zu spielen. In der Haltung könnte man Rihm mit der Strukturiertheit eines Brahms oder Beethoven vergleichen, Ruzicka mehr mit Debussy oder Ravel, die immer ganz subtil dem Klang nachhorchen. Widmann ist vielleicht der Wildeste, der kreativ Verspielteste, ja auch der Jüngste von den dreien - und selbst ein wunderbarer Klarinettist." 2002 hat Rihm für das Minguet Quartett - und Jörg Widmann - die "Vier Studien zu einem Klarinettenquintett" komponiert, ein dreiviertelstündiges, höchst anspruchsvolles Werk, das ebenfalls auf CD (ars musici) vorliegt.
Dieses Quintett beweist aufs Schönste, wie inspirierend das Spiel des Minguet Quartetts ist, aber auch dass sich seine Neu-Gier nicht nur auf neue Werke erstreckt, oder eine unverstellte Sicht auf die Klassiker zur Maxime macht, sondern auch auf die Kommunikation mit Musikerkollegen Wert legt: "Wir finden es sehr schön, Gäste zu integrieren, ob das ein Klarinettist, ein Sänger oder ein Pianist ist. Bei der Mozartwoche 2012 machen wir als Quartet in residence die vier großen Streichquartette mit Singstimme: Das Schoeck-Notturno mit Gerhaher, Schönbergs erstes Quartett und Widmann mit Clairon McFadden, Ruzickas sechstes - wie auf CD - mit Mojca Erdmann."
Klaus Kalchschmid
Am 6. November spielt das Minguet Quartett ein Porträtkonzert mit Werken Wolfgang Rihms in der Berliner Akademie der Künste. Weitere Termine und Infos unter www.minguet.eu