Jean-Philippe Rameaus Ballett-bouffon "Platée" als großartiger musiktheatralischer Spaß in Augsburg
(Augsburg, im April 2009) Was für eine wunderbar schräge Handlung hat doch diese komische Ballett-Oper aus dem Jahr 1745: Die häßliche, liebestolle Sumpf-Nymphe Platée fällt auf einen Heiratsantrag des Gottes Jupiter herein, der mit dieser "unmöglichen" Affäre seine eifersüchtige Gattin Juno düpieren will. Das Ganze wird eingeleitet duch einen Prolog, in dem sich Thespis (Erfinder des antiken Dramas), Thalia (die Muse der Komödie), Momus (Gott der Satire) und Amor daran machen, ein spritziges, witziges, durchaus böses Stück zu entwerfen.
Peer Boysen, wie so oft Regisseur und Ausstatter in einer Person, lässt seiner Phantasie freien Lauf. Ein modernes, vollgemülltes und doch theatralisch-poetisches Gewässer mit Gestrüpp, Weiden und allerlei dekorativem Abfall ersetzt den Tümpel. Wunderbar giftig-grüne Moosschlieren durchziehen diesen trockengelegten Sumpf, ein Extra-Lob Gerhard Funk, dem Leiter der Lichtabteilung! Herrlich ironisch auch die Kostüme, die Männern weibliche Attribute (Tütü und Rüschen), den Frauen männliche (Hosen) verpassen, auf dass sich die Geschlechtergrenzen verwischen, zumal die häßliche Nymphe Platée auch noch von einem Tenor gesungen wird, dem exzellenten, um die in der französischen Barockoper als "haute contre" geforderte leichte Höhe kaum je verlegenen Frederik Akselberg.
Bassist Per Bach Nissen übertrifft ihn an Komik freilich noch als eitler Jupiter-Macho, der barfuß in seinen Flip-Flops, weißem Bademantel und einer Frisur wie aus Baiser dahergockelt, dass es eine Freude ist! Die irrste Szene hat allerdings Sophia Brommer als Amor und La Folie, also der Wahnsinn: Durchgeknallt quetscht sie sich durchs Parkett, schmeißt wie im epileptischen Anfall Programmblätter durchs Auditorium und singt eine exaltierte Bravour-Arie, die nicht enden will und immer wieder neue Volten schlägt.
Absolut sehenswert sind aber auch die Tänzer und Tänzerinnen des Augsburger Balletts, schmuck und adrett herausgeputzt wie Yuppies des 21. Jahrhunderts und schon zu Beginn mit, auf und über ihre(n) Stühle(n) an der Rampe sich drehend und wendend, sitzend, stehend und liegend. Später erweitert sich das Bewegungsvokabular noch erheblich und Rameaus immer elegante, tänzerische, Bewegung geradezu herausfordernde Musik erfährt ihre kongeniale Umsetzung (Choreographie: Philipp Egli).
Das klein besetzte Philharmonische Orchester Augsburg aber erweist sich als ein Ensemble ersten Ranges für Barockmusik. So fein, farbig und lebendig, dabei oft ohne Vibrato, spielen auch ausgewiesene Spezialensembles für Alte Musik nicht immer. Der musikalische Leiter Friedemann Seitzer hat dieses kleine Wunder vollbracht. Darauf, aber auch auf die szenische Umsetzung und das junge, exzellente Sängerensemble dürfen die Verantwortlichen des Augsburger Theaters, Intendantin Juliane Votteler und Operndirektor Ralf Waldschmidt stolz sein.
Klaus Kalchschmid
Weitere Aufführungen: 3. Mai (19 Uhr), 6., 8., 14. und 22. Mai (jeweils 19.30 Uhr)
www.theater.augsburg.de