Ein Frosch namens Platée

Sami Luttinen (Jupiter) und Anders J. Dahlin (Platée) Foto: Hans Jörg Michel

Jean-Philippe Rameau geht in Düsseldorf in die zweite Runde! Nach der Aufführung von Rameaus Comédie-Ballet "Les Paladins" vergangenes Jahr, setzt die Oper am Rhein in Düsseldorf jetzt die Serie fort mit dem Ballet-Bouffon "Platée" - wiederum unter der musikalischen Leitung von Konrad Junghänel und einem der historischen Aufführungspraxis verpflichteten Orchester, der Neuen Düsseldorfer Hofkapelle. Regie führt die Österreicherin Karoline Gruber. Am Freitag war Premiere.

(Düsseldorf, 28. Januar 2011) Es donnert und gewittert gewaltig! Im ersten Akt gleich zweimal: geteilte Celli und Kontrabässe rumpeln. Die Streicher, verstärkt durch vier Oboen und zwei Fagotte, jagen in Sechzehntelkaskaden durch die Partitur, während die beiden Traversflötisten das Donnerblech und die Windmaschine bearbeiten. Aber nicht das Unwetter lockt die Froschnymphe Platée aus ihrem Element, dem Sumpf. Jupiter selbst ist es. Der Gott lässt sich zu ihr herab, auf Anraten von Merkur und Cithéron, dem Gott eines gleichnamigen Berges vor den Toren Athens. Jupiter soll sich amüsieren, der liebessüchtigen Platée schmeicheln und ihr zum Schein eine Hochzeit antragen. Bei der Zeremonie, so der perfide Plan, soll Jupiters Gattin Juno das Objekt der scheinbaren Begierde just beim Treueschwur entdecken, ob ihrer Hässlichkeit zum Lachen gebracht und von ihrer Eifersucht geheilt werden. Alles nur ein Spaß? Schadenfreude ist bekanntlich die beste Freude. Aus ihr wird diese französische Musik-Komödie geboren.
Das erklären Rameau und sein Librettist Adrien-Joseph Le Valois d'Orville im Prolog. Da wecken Thespis und Thalia, die Musen der Komödie, den schlafenden Momus, den Gott der Provokation und der Häme, damit die mythologische Posse vom antiken Pausanias in Gang kommt...

Rameau, der 1745 vom König für dieses Projekt anlässlich einer Hochzeit im Hause höchst persönlich engagiert wird, ist zu diesem Zeitpunkt kein unumstrittener Komponist. Seit er als 50jähriger 1733 die Opernbühne zu erobern begann, spaltet er die Lager. Friedrich Wilhelm Marpurg weiß in seinen mehr als zwanzig Jahre nach Rameaus Tod in Köln veröffentlichten "Legende einiger Musikheiligen" aus dem Stand drei Spottgedichte auf Rameau zu zitieren. Rameau gilt Mitte des 18. Jahrhunderts in Paris als ein Meister harmonischer Effekte, der Tumulte im Orchester, der vom Publikum geliebt, von der Kritik zerrissen wird.
Die Kritiker wettern über die angeblich schlechte, viel zu "harmonische" und neuartige Musik, die die Musiker überfordere. Sie würde sich, weil bizarr und unnatürlich, am Ideal des großen Lully versündigen. Tumultuöse Begleitungen im Orchester würden den Vorrang der Melodie verleugnen. Rameau stürzt sich in musiktheoretische Studien. Anhand der Bauten des Architekten Charles-Etienne Briseux studiert er harmonische Proportionen und mit Leonard Euler versucht er in ein mathematisch-musikalisches Gespräch zu kommen. Mit seinem harmonischen System schafft er die Grundlage der heute immer noch praktizierten Funktionsharmonik. Und von seiner definierten Fortschreitung der Fundamentaltöne im Basse fondamentale zieht er eine Parallele zu der Graviatationslehre Newtons. Das trägt ihm das Prädikat ein "Newton der Musik" zu sein ein. Nichts hat Rameau mehr geschmeichelt, als als gelehrt zu gelten. Das war ihm eine große Ehre. Und eine Entschädigung für die Kritikerschmähungen.
Mit "Platée" holen die offiziellen Geschmackswahrer zu einem besonders bösen Schlag aus. Die Froschoper leiste den aus Italien eindringenden Buffonisten Vorschub und setze das Erbe der französischen Musik auf's Spiel! Oder wie der Enzyklopädist Jean Le Rond d'Alembert süffisant bemerkt: "Ob Pergolesis Oper "La serva padrona" so gefallen hätte, wenn nicht Platée uns an diese Art Musik gewöhnt hätte?" Nichtsdestotrotz, Platée ist ein Erfolg. Und die Kritiker sind gezwungen einzulenken: "Die Franzosen triumphieren über die Bouffons. Kein anderer Buffo-Komponist kann mit unserem unsterblichen Rameau konkurrieren!"  

In dieser Oper liefert Rameau neben brillanten Tanznummern - am Ende des Prologs und der Akte - großartige kuriose Momente und parodistischen Einfälle: ein Froschchor oder das quakende Neïaden-Quartett im ersten Akt, die aus dem französischen Fragewort "quoi" entstehen. Die Verwandlungsszene im zweiten, in der Jupiter in immer anderen tierischen Gestalten imponiert, lautmalerisch mit Eselsgeschrei oder einem Charivarie des oiseaux - einem ohrenbetäubenden Vogelgezwitscher begleitet. Das ist auch in dieser Produktion ein Höhepunkt. Allerdings stülpt sich Jupiter keine Tiermasken über. Die Jupitermetamorphose ist optisch auf zerknautschte Koffern reduziert. Eine Kofferlandschaft wird lebendig, und die Deckel knarzen im Takt. Amorphe Gestalten halten Federn hoch und kitzeln Platée. Der Auftritt der "Folie" - der Verrückten - im zweiten Akt ist der wohl genialste Regieeinfall von Rameau und seinem Librettisten. Mit rasanten Koloraturen parodiert la Folie nämlich den italienischen Stil: "Formant le plus brillant concert!" Alles très gai für den, der die Anspielungen versteht. Und auch die Travestierolle der Platée, die von einem Mann (Haute-Contre) gesungen werden soll, ist ja letztendlich ein kleiner Seitenhieb gegen die Italiener, beziehungsweise die bevorzugt in Frauenrollen agierenden italienischen Kastraten.

Wie bringt man nun all diese musikalischen Hintersinnigkeiten und Anspielungen auf die Bühne? Der Bühnenbildner Roy Spahn versetzt die Handlung in moderne Zeiten, auf irgendeinen Platz in Paris oder vor Versailles. Den Bühnenrand säumt eine klassizistische Fassade. Die Regisseurin Karoline Gruber gibt der Handlung einen sozialkritischen Touch. Der Prolog spielt auf dem Platz. Trostlose Gestalten, wohl die Reste eines nächtlichen Schützenfests, schlurfen umher. Platée (Anders J. Dahlin), die hier nichts von einem Frosch hat, ist eben eine aus diesem Straßensumpf. Mit Tatoo auf der Backe, auf dem Arm, mit wasserstoffgebleichter Kurzhaarperücke im geschmacklosen Omawollrock, barfuss… Sie passt natürlich nicht in die Schickimicki-Gesellschaft auf High Heels (Chor der Mänaden, Weinleser und der Satyre usw.), die zu einer medial inszenierten Werbeveranstaltung antanzen. Die Firma Jupiter promotet einen neuen Trinkmix. Platée steht staunend am Rand. Ein riesiger pinkfarbener Damenschuh schiebt sich zu Donnergetöse durch die Kulisse. Juno wettert. Sie schleudert Pumps vom Himmel. Merkur, in Goldhose und pinkfarbenem Jackett, das sind die Farben der Götter, und der Hausmeister vom Kithéron hecken einen Plan aus, um die Wut zu befrieden - auf Kosten von Platée. Sie rufen Jupiter im goldenen Sonnenkostüm mit Strahlenkranz leibhaftig auf den Plan (Salmi Luttinen). Er wirbt um Platée, unter anderem mit einem Duft und Körperspray. Das Volk lacht und sprüht mit. Die naive Nymphe - das ist die Tragik der Geschichte - merkt den Spott zu keinem Zeitpunkt, durchlebt aber umso intensiver ein Wechselbad der Gefühle: Jubel, Stolz, Traurigkeit und auch Verzweiflung. Rameau reiht die verschiedenen Affektdarstellungen rasant aneinander. Als es Platée das Herz zerreißt, weil Jupiter sie warten lässt, klingt es sogar nach lamentierender Kirchenmusik. Anders J. Dahlin geht in dieser anspruchsvollen Rolle auf. Seine Stimme ist zwar nicht sehr laut. Aber sie ist dennoch für das absolut schwierige Haute-Contre Fach ein Geheimtipp. Den Dahlin deklamiert intonationssicher, textverständlich und gestaltet die Gesangslinie stilistisch perfekt und nuanciert. Kurz vor der Trauzeremonie wird er oder sie zur Braut, die sich nicht traut. Zu den Klängen einer Chaconne büchst Platée aus, taucht im Rang auf, wo sie durch die Reihen eilt, verfolgt von den Blicken der Hochzeitsgesellschaft und vom sichtlich amüsierten Publikum. Der schwedische Tenor kennt sich hier aus. Er war ja schon letztes Jahr in Düsseldorf dabei.

Die hämisch jubilierende Meute, die über der gedemütigten und grollenden Nymphe am Ende triumphiert, ist politisch natürlich alles andere als korrekt. Aber die Nymphe wehrt sich mit einer gesunden Portion Wut. Das zeigt, dass ihr Selbstbewusstsein eigentlich überleben sollte. Das Finale erfährt in Düsseldorf aber noch eine besondere Schlusspointe. Hier versinkt Platée nicht im Sumpf, sondern liegt am Boden. Es erklingt noch einmal die wunderbare Idyllmusik dans le gout de vieille, die Musette aus dem zweiten Akt. Dann zückt sie plötzlich eine Pistole und es bleibt offen, ob sie auf einen grell roten Herzluftballon neben ihr oder auf sich selbst schießt. Der Schuss fällt erst nachdem der Vorhang gefallen ist.

Die Fröschin, ein Opfer der Liebe? Ein etwas herbes Ende für ein Stück, das doch eigentlich amüsieren will. Die Düsseldorfer Produktion ist jedenfalls ein großes Amüsement. Dazu tragen die Choreographien bei, wobei das Videoclip typische Tanzvokabular für Rameaus Tänze nicht durchgängig geeignet ist. Die Neue Düsseldorfer Hofkapelle präsentierte sich jedenfalls perfekt d'accord mit Rameaus Partitur und hat im Vergleich zu letztem Jahr noch zugelegt. Das Orchester klang trotz französischer Stimmung - also einen Ganzton tiefer gestimmt als die "normalen" Orchester - voll und gut ausgewogen. Die vier Oboen mischten sich perfekt unter die Streicher und lieferten einen unglaublichen Sound im unisono. Konrad Junghänel und die Konzertmeisterin Mary Utiger meisterten die permanenten Tempowechsel scheinbar mühelos, mit denen Rameau die Melodie dem französischen Sprachduktus anzugleichen versucht hat. Nicht zuletzt haben sich die Solisten durchwegs erfolgreich auf ihre nicht alltäglichen Partien eingelassen. Auch wenn einige Stimmen wie die von Iryna Vakula (Amour) etwas zu heftig vibrierten. Großartige Präsenz zeigte Martha Marquez als tobende Juno. Thomas Michael Allen zunächst als heruntergekommener TV-Star Thespis lief als Merkur und als unentbehrlicher Drahtzieher auf der Bühne zu stimmlicher Hochform auf.

Sylvia Hamvasi als Folie in einem grotesken Domina-Zirkusdirektor-Outfit mit herzförmig aufgeblähten schwarzen Reiterhosen und Plateaulackstiefeln, bewältigte die Koloraturen und auch die Spitzentöne, tendierte aber dazu, in den sprachbetonteren Melodien die Taktschwerpunkte zu verzögern. Was die Arbeit der Continuo-Gruppe und des begleitenden Orchesters nicht gerade erleichterte. Ihre große Bouffonerie-Szene wäre sicherlich noch bravouröser ausgefallen, wenn ihr nicht so viele herumhuschende Personen mit irgendwelchen nebensächlichen Aktionen die Schau gestohlen hätten. Auch der Chor war für seine Rolle auf der Bühne bestens vorbereitet und agierte stets präsent im Wechsel mit den Solisten oder Ensembles (Einstudierung Gerhard Michalski). Also, es lohnt sich, diese Rameau-Oper zu erleben. Und man würde sich auch noch auf eine dritte Runde Rameau im nächsten Jahr freuen.

Sabine Weber

Nächste Aufführungen am 30. Januar (Beginn 18.30), am 1.,3.(jeweils Beginn 19.30 , am 6. (Beginn 15.00), und am 10. und 12. Februar (jeweils Beginn 19.30).


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