Bodenturnen und Koloraturen

Foto: A.T.Schaefer

Glucks "Pilger von Mekka" als Produktion der Theaterakademie im Prinzregententheater

Mit seiner letzten komischen Oper "Les pèlerins de la Mecque" - zu deutsch: "Die Pilger von Mekka" - stand Christoph Willibald Gluck 1763 am Scheideweg seiner Karriere als Opernkomponist. Zahlreiche, heute kaum mehr bekannte und aufgeführte italienische Seria-Opern und französische opéra comiques lagen hinter ihm. Aber bereits ein Jahr zuvor hatte "Orfeo ed Euridice", die erste der späteren "Reformopern", die bis heute hoch geschätzt sind, in Wien ihre Uraufführung erlebt.

"Les pèlerins de la Mecque" kam 1764 erstmals in französischer Sprache auf die Bühne und wurde nach Erfolgen in ganz Europa (darunter 1767 auch in München) 1781 in Wien wieder aufgenommen - diesmal in einer Fassung als deutsches Singspiel. Diese Version liegt auch die Produktion der Theaterakademie im Prinzregententheater zugrunde, zumindest was die Musiknummern angeht. Doch wie nähert man sich einem Stück, das mit seinem Titel eigentlich nichts zu tun hat? "Die Pilger von Mekka" handelt von Menschen, die auf der Suche sind, aber keineswegs von einer Reise zum wichtigsten Kultort der Muslime: "Es geht um den Sehnsuchtsort schlechthin für alle Beteiligten, sei es die Kunst, die Liebe oder was auch immer. Das kommt in vielen der wunderbaren, langsamen Arien zum Ausdruck, die eigentlich fast immer von Einsamkeit erzählen", so Regisseurin Vera Nemirova.

Daher hat die Regisseurin die weitschweifigen Dialoge, die eine Geschichte erzählen, die der von Mozarts "Entführung" nicht unähnlich ist, mit ihren jungen Sängern schon bald über Bord geworfen. Stattdessen geht es in einem variablen Einheitsraum aus Papier, der ein Atelier mit Oberlicht darstellt (Bühne und Kostüme: Klaus Peter Noack) anfangs um eine Selbsterfahrungsgruppe von Männern, die nacheinander von ihren speziellen Problemen berichten, bis unversehens der Therapeut - das Stück nennt ihn Calender - zum Zuhälter einer Reihe von Zwangsprostituierten wird. Die ursprüngliche Geschichte, dass ein junger Mann, Ali, auf der Suche nach seiner verschleppten Geliebten Rezia ist, schält sich erst ganz am Ende heraus. Und auch dann ist nie ganz klar, was genau Spiel im Spiel oder bitterer Ernst ist.

Dirigent Alexander Liebreich schätzt an Glucks Musik "die lyrische Poesie, einen Sehnsuchtston, der mit großer Zielstrebigkeit musiziert sein will, damit die langsamen Tempi - 20 von 34 Nummern sind als adagio, andante oder alla breve komponiert - nicht in sich zusammenfallen." Deshalb werden auch alle 34 Nummern ohne Kürzungen gespielt - weitgehend mit dem originalen Text. Aber die Abfolge wurde an einigen Stellen geändert: Drei Arien der Frauen rücken nun nach vorne und der erste Teil endet mit der in der Anlage größten und bedeutendsten Nummer des Stücks. Da schildert Rezia ein Glück, das sehr gefährdet ist, mit Koloraturen, die nicht Zierrat sind, sondern eine Suche nach Halt beschreiben. Mit dieser Offenheit wird der Zuschauer in die Pause entlassen. Dann wird das Tempo angezogen, verdichtet sich das Stück bis zum Ende immer mehr. Die einfachen, fast volksliedhaften, manchmal menuettartigen, oft ganz kurzen Arien stehen in spannenden Kontrast zur verfremdeten Grundstimmung und leuchten vor diesem Hintergrund ganz besonders. Erst am Ende bricht sich die Komödie Bahn, werden die Papierwände bemalt mit Strichmännchen und einem riesigen rosafarbenen Herz. Und der Gruppensex kurz vor Schluss ähnelt eher neckischem Bodenturnen als einer erotischen Orgie.

In ihrer scheinbar einfachen, kleinteiligen Anlage ist Glucks Musik sehr anspruchsvoll, daher betont Liebreich, dass "hier eine schwebende Spannung erzielt werden muss und es andererseits notwendig ist, bei der Wiederholung des A-Teils der Dacapo-Arien jenseits von Verzierungen andere Farben mit der Stimme zu finden." Junge Sänger, die teilweise noch in der ersten Hälfte des Studiums sind, tun sich da naturgemäß anfangs schwer. Doch im Lauf der Probenarbeit wurden alle Beteiligten immer freier, sowohl in der Darstellung wie im Singen. Nicht zuletzt die beiden Koreaner, die in der A-Besetzung Rezia und Ali singen, die Sopranistin Guibee Yang und JunHo You überzeugen durch schöne, tragfähige stimmen und große Gestaltungskraft.

Klaus Kalchschmid

Christoph Willibald Gluck: "Die Pilger von Mekka", Premiere am Samstag, 16. Februar, 19.30 Uhr im Prinzregententheater. Weitere Aufführungen am 19., 24. und 27. Februar. Karten unter Telefon: 2185-1960 oder
www.staatstheater-tickets.de