Im Jahr seines 85. Geburtstags erchienen drei CD-Neueinspielungen mit dem Dirigenten Pierre Boulez und eine wunderbare DVD
Wer Pierre Boulez in letzter Zeit als Dirigent erlebt hat, etwa in Wien, in Luzern, in Berlin oder in den Vereinigten Staaten wird kaum glauben können, dass dieser voller Spannung und Vitalität steckende Musiker in diesem Jahr seinen 85. Geburtstag feierte.
Trotz seines stolzen Alters ist Pierre Boulez noch immer weltweit als Konzertdirigent im Einsatz und er produziert auch noch fleißig CD-Aufnahmen. Allein drei Neuaufnahmen sind in diesem Jahr erschienen.
Die CD-Neuerscheinungen in diesem Jubiläumsjahr enthalten Kompositionen von Maurice Ravel, Karol Szymanowski und Gustav Mahler. Dazu kommt seit drei Jahren im August die von Boulez geleitete dreiwöchige Orchesterakademie beim Luzern-Festival.
Auf das enorme Arbeitspensum angesprochen, bekannte Boulez kürzlich im KlassikInfo-Interview: "Je mehr ich arbeite, desto wacher und interessierter bin ich. Ich kann mir nicht vorstellen, nicht neugierig zu sein, keine neuen Erfahrungen zu machen. Ich liebe die Frische des Neuen - auch an mir selber."
(Siehe www.klassikinfo.de/Pierre-Boulez.908.0.html)
Immerhin, fürs nächste Jahr kündigte der Dirigent und Komponist ein Sabatical an - er wolle sich wieder mehr ums Komponieren kümmern.
Anfang des Jahres hat Pierre Boulez zusammen mit dem französischen Pianisten Pierre Laurent Aimard und dem Cleveland Orchestra mehrere Konzerte mit den beiden Klavierkonzerten von Maurice Ravel gegeben, dem Konzert für die linke Hand in D-Dur und dem G-Dur-Konzert.
Wie Boulez kommt auch Aimard ursprünglich von der Neuen Musik her, er war Pianist beim Ensemble intercontemporain, das Pierre Boulez 1976 gegründet hat.
Beide Musiker Boulez und Aimard haben ein ähnliches Musik- und Musizierverständnis, das stark vom Analytischen geprägt ist. Ohne dass man ihnen - weder dem einen noch dem anderen - kühlen Intellektualismus vorhalten dürfte. Im Gegenteil: Klarheit und Rationalität in der Analyse kompositorischer Strukturen bilden für beide erst die Voraussetzung für spannungsvolles, intensives Musizieren.
Das kann man auf der Neuaufnahme der beiden Klavierkonzerte von Maurice Ravel sehr gut hören.
Was an dieser Aufnahme sofort überzeugt, ist ihre Prägnanz, ihr auf den Punkt-Musizieren, da gibt es kein Geschwurbel im Orchester, sondern jederzeit kristallklare Transparenz. Die perkussive Exaktheit von Aimards Anschlag überträgt Boulez gewissermaßen auf das Orchester. Wie prononciert hier etwa der Streicherapparat Sforzati setzt, das ist schon bewundernswert.
Dabei klingt nichts verhetzt, im Gegenteil, der Übergang zum langsamen Teil des ersten Satzes ist gekennzeichnet von geradezu meditativer Kontemplation.
Während das erste, 1930/31 entstandene Konzert in G-Dur von spielerischem Witz, Heiterkeit und jazzigem Optimismus geprägt ist, wirkt das fast zeitgleich entstandene Konzert in D-Dur für die linke Hand deutlich dramatischer, ja mitunter geradezu tragisch. Ravel hat dieses Werk als Auftragswerk für den Pianisten Paul Wittgenstein geschrieben, der im Ersten Weltkrieg einen Arm verloren hatte. Wittgenstein spielte auch die Uraufführung des Werks im November 1931 in Wien.
Aimard und Boulez setzen bei diesem Konzert auf scharfe Kontraste, auf zugespitzte, dramatische Höhepunkte, die den tragischen Entstehungshintergrund des Werks bei aller Virtuosität immer wieder durchscheinen lassen.
Dabei müsse die einsame linke Hand so klingen wie zwei Hände, sagt Aimard. Das sei die große Herausforderung an den Interpreten, diese Illusion, das Spiel mit den Grenzen einer einzigen Hand zu erreichen.
Seit den 60er Jahren verbindet Boulez und das Cleveland Orchestra eine enge künstlerische Zusammenarbeit, die bis heute anhält. Und so wundert es nicht, dass in diesem Jahr gleich zwei Cds mit Boulez am Pult dieses Orchesters erschienen sind: neben den Ravel-Konzerten auch eine Scheibe mit Mahler-Aufnahmen. Doch dazu später.
Pierre Boulez ist fraglos einer der wichtigsten Dirigenten unserer Zeit. Einer der bedeutendsten Komponisten des 20. Jahrhunderts ist er ohnehin. Der so genannte Serialimus der 50er und 60er Jahre wurde maßgeblich durch ihn mitgeprägt.
Pierre Boulez wurde am 26. März 1925 in Montbrison, einem kleinen Ort an der Loire geboren. Er studierte zunächst Mathematik in Lyon, von dort wechselte er zum Musikstudium ans Pariser Conservatoire. Von seinem Lehrer Olivier Messiaen erhielt er entscheidende Anregungen, aber auch von dem Anton-Webern-Schüler Rene Leibowitz, der Boulez in die Zwölftonlehre Arnold Schönbergs einwies. Das Werk und die Kompositionsverfahren Schönbergs wurden für Boulez neben der Musik Messiaens zur zweiten prägenden Erfahrung für seine eigene kompositorische Arbeit.
1946 nahm Boulez für zehn Jahre eine Kapellmeisterstelle am Theatre Marigny in Paris an. Hier legte er den Grundstein für seine Karriere als Dirigent, die neben seiner kompositorischen Arbeit bis heute das zweite Standbein für Boulez bildet.
Anfang der 50er Jahre gründete er in Paris die Konzertreihe für neue Musik "domaine musicale", die er bis in die späten 60er Jahre leitete. 1966 dirigierte er erstmals bei den Bayreuther Festspielen, und zwar den "Parsifal".
1971 wurde Boulez Chefdirigent der New Yorker Philharmoniker.
1976 dirigierte er in Bayreuth den Ring des Nibelungen in der Inszenierung seines Landsmannes Patrice Chéreau, den so genannten "Jahrhundertring", weil die Produktion exakt 100 Jahre nach der Uraufführung stattfand. Nach anfänglichem heftigen Protest seitens des konservativen Teils des Publikums gegen die antimythische Sichtweise Chéreaus, begann sich die Inszenierung jedoch mehr und mehr durchzusetzen, nicht zuletzt auch dank der klarsichtigen und pointierten musikalischen Interpretation durch Pierre Boulez.
Den Ausdruck Jahrhundertring bezog man bald weniger auf das 100jährige Jubliäum als vielmehr darauf, dass hier eine für die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts Maßstab setzende Aufführung gelungen ist.
Bis heute hat diese Interpretation nichts von ihrer Faszinationskraft und Gültigkeit verloren. Auf DVD kann man sie sich ansehen und anhören.
2004 kehrte der knapp 80jährige Boulez erneut nach Bayreuth zurück und dirigierte dort wieder den Parsifal, in der wieder sehr umstrittenen Inszenierung von Christoph Schlingensief.
Es waren auch seine Erfolge als Dirigent, die Boulez in Frankreich zu einer der zentralen Personen des Musiklebens machten und ihm die Möglichkeit gaben, Projekte wie die Errichtung eines Forschungs- und Weiterbildungszentrums für Neue Musik, das "Ircam" neben dem Centre Pompidou oder den Bau der Cité de la musique nicht nur anregen, sondern auch durchsetzen zu können. Auch für den Bau der Bastille-Oper hatte sich Boulez stark gemacht. Schließlich ist Boulez auch Gründer des weltweit renommierten Orchesters für Neue Musik, des Ensemble intercontemporain.
Die Ausbildung und Förderung des musikalischen Nachwuchses vor allem im Bereich der zeitgenössischen Musik lag und liegt Boulez besonders am Herzen, weshalb er sich seit drei Jahren jeden Sommer drei Wochen lang den Strapazen einer Orchesterakademie aussetzt und mit 130 Musikern aus bis zu 30 verschiedenen Ländern zusammen Musik des 20. und 21. Jh. zu erarbeiten.
Wie engagiert Boulez mit den jungen Musikern, Dirigenten und Komponisten probt, wie intensiv er sich ihnen widmet und ihnen auf sehr bescheidene Weise sein enormes Wissen und seine Erfahrung vermittelt ohne dabei dogmatisch oder abgeklärt zu wirken, davon kann man sich in dem jüngst auf DVD erschienenen Dokumentarfilm "Die Zukunft als Vermächtnis - Pierre Boulez und die Lucerne Festival Academy" überzeugen.
Die Autoren Günter Atteln und Angelika Stiehler haben drei Sommer lang die Arbeit von Boulez in Luzern mit der Kamera begleitet und aus einer schier unendlichen Materialfülle ein ca. einstündiges faszinierendes und zum Teil auch anrührendes Porträt von Pierre Boulez als unermüdlichem Lehrer und Vermittler von Neuer Musik destilliert. Die DVD ist vor kurzem bei Euroarts erschienen und sei hier wärmstens empfohlen.
Die Diskographie von Pierre Boulez ist äußerst umfangreich, es gibt Zyklen mit Werken Strawinskys, Ravels, Bartoks, Schönbergs, Bergs, und Weberns, zahlreiche Aufnahmen mit Werken von Debussy und Mahler.
Daneben freilich auch jede Menge Aufnahmen Neuer Musik einschließlich der, die Boulez selbst komponiert hat.
Leider ist im Jahr seines 85. Geburtstags keine Neuaufnahme eines eigenen Werks erschienen - dafür eine nicht unbedingt zu erwartende Einspielung von Werken des großen polnischen Komponisten Karol Szymanowski.
Zusammen mit den Wiener Philharmonikern hat Boulez dessen dritte Symphonie und sein 1. Violinkonzert aufgenommen.
Während bei Ravel Klarheit und Helle im Vordergrund stehen, sind es bei Szymanowski eher dunkle Farben, eine mystische Klangsinnlichkeit, angesiedelt zwischen Debussy und Richard Strauss.
"Das Lied von der Nacht" ist die dritte, 1914-1916 entstandene Symphonie für Tenor Solo, Chor und Orchester von Szymanowski selbst betitelt.
Szymanowski hat sich für dieses Werk von Texten des persischen Sufi-Dichters Rumi inspirieren lassen, die das Geheimnis der Nacht beschwören. Die Texte werden vom Chor und vom Solo-Tenor gesungen.
Boulez und die Wiener Philharmoniker fächern den zwischen Impressionismus und Spätromantik changierenden Klang höchst differenziert und klangschön auf, lassen ungeheuere Steigerungen und eruptive Klangballungen hörbar werden, aber auch fein abgestimmte filigrane Verästelungen (es singen der Tenor Steve Davislim und der Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde Wien).
Auch wenn die Musik fraglos im klanglichen Kontext eines Debussy, Strauss oder Skrjabin steht, geht Szymanowsky hier durchaus eigene Wege, etwa in dem Bemühen, dem spätromantischen Orchesterklang neue Akzente beizumischen. Unmittelbar vor der Arbeit an dieser Symphonie hielt sich Szymanowski in Nordafrika auf und studierte dort die islamische Kultur und auch die traditionelle Musik. Ein Widerhall davon ist - wenn auch freilich sublim - in dieser Symphonie zu spüren.
Pierre Boulez spricht von einem "abstrakten Orient", der hier veranschaulicht wird.
Es mag vielleicht erstaunen, dass Boulez sich gerade für diese Musik interessiert, deren Mystizismus so gar nicht zu seiner intellektuellen Klarheit und Strukturiertheit zu passen scheint. Vielleicht war es aber gerade die schwer zu durchdringende Vielgestaltigkeit dieser Musik, die Boulez gereizt hat.
In einer dieser Aufnahme beiliegenden zweiten CD erzählt Boulez in einem Interview von seiner ersten Begegnung mit der Musik Szymanowskis während seiner Studienzeit und dem großen Eindruck, den die Musik auf ihn machte. Boulez sieht auch die enge Verwandschaft mit dem Werk Debussys, weshalb er die dritte Symphonie in einem Konzert mit "Jeux" präsentierte.
Unmittelbar nach der dritten Symphonie, also 1916, entstand Szymanowskis erstes von insgesamt zwei Violinkonzerten.
Wie in der Symphonie erhielt das Violinkonzert wesentliche Impulse von einer literarischen Vorlage; hier war es das Gedicht "Mainacht" von Szymanowskis Landsmann Tadeusz Micinski, das Szymanowski vor dem Violinkonzert bereits mehrfach vertont hat, und das nun sozusagen die Grundlage für die exstatischen und verklärt-entrückten Stimmungen in dem Konzert darstellt.
Mit Christian Tetzlaff wählte Pierre Boulez für diese Aufnahme einen Solisten, der sich neben klassisch-romantischen Repertoire besonders für die Musik des 20. Jahrhunderts engagiert, und dessen Musikalität ähnlich wie die von Boulez und Pierre-Laurent Aimard von gedanklicher Klarheit und Präzision geprägt ist. In dieser Hinsicht kann man die drei Musiker durchaus miteinander vergleichen. Und natürlich macht sich diese Musikauffassung in der Aufnahme dieses Werks bemerkbar: statt Sentimentalität werden die Modernität dieser Musik, ihr ungeheuerer Farbenreichtum akzentuiert, was keinen Mangel an Sinnlichkeit bedeutet - eher im Gegenteil.
Das Werk Gustav Mahlers besitzt seit langem eine ganz besondere Faszinationskraft für Pierre Boulez. Häufig hat er die Symphonien Mahlers im Konzert dirigiert und sie auch auf Platte bzw. CD eingespielt. Mit der jüngst erschienen Aufnahme von Liedern aus dem Zyklus "Des Knaben Wunderhorn" und dem Adagio aus der unvollendet gebliebenen 10. Symphonie schließt Boulez nun - wie er selbst sagt - seine Mahleraufnahmen ab.
Was bei dieser Neueinspielung vor allem auffällt: Selbst mit 85 Jahren ist bei Pierre Boulez von Altersmilde, Verklärung oder breiten Tempi nichts, aber auch gar nichts zu spüren.
"Des Antonius von Padua Fischpredigt" mit dem Bariton Christian Gerhaher nimmt Pierre Boulez sogar überaus rasch, wie um wirklich jedem deutlich zu machen, dass es sich hier nicht um ein lustiges, volksmusikalisches Liedchen handelt, sondern hinter der beschaulichen Geschichte eine zutiefst pessimistische Aussage steht: Der Mensch mag sich winden und wenden wie er will, er wird sich doch nie ändern.
Alles bleibt wie es ist. Die perpetuum-mobilehafte Bewegtheit der Orchesterbegleitung macht das unmissverständlich klar. Und Gerhaher unterstützt dies durch hintergründige Ironie und beispielhafte Textdeklamation.
Zur Seite gestellt ist in dieser Aufnahme des Wunderhorn Liederzyklus' die Mezzo-Sopranistin Magdalena Kozena, die - man muss es offen sagen - nicht ganz auf der Höhe Gerhahers singt, weder was die textliche, noch was die musikalische Ausgestaltung anbelangt. Hingegen erweist sich das Cleveland Orchestra als wunderbar beweglicher, kammermusikalisch agierender Begleiter, was freilich vor allem dem punktgenauen Dirigat Pierre Boulez geschuldet ist. Dennoch, die stimmliche Qualität Magdalena Kozenas steht natürlich außer Frage, und in dem Liebeslied "Wo die schönen Trompeten blasen" erreicht sie doch eine wunderbare Eindringlichkeit. Über das bitterböse Ende hingegen singt sie allerdings etwas beiläufig hinweg.
Das Adagio aus Mahlers 10. Symphonie ist der Abschiedsgesang des Komponisten, der an das schmerzlich-tragische Ende der neunten Symphonie anschließt und wenige Monate vor seinem Tod entstanden ist.
Natürlich klingt das auch bei Boulez nach einem Abschiedswerk mit all der darin enthaltenen Resignation. Doch wird es bei ihm nie larmoyant.
Larmoyanz ist eine Wesenart, die Pierre Boulez nun wirklich völlig fern steht.
Die schmerzlichen Aufschreie zu Beginn des Schlußteils des Satzes mit einer geradezu clusterartigen Akkordballung erscheinen vielleicht gerade in diesem Kontext umso eindringlicher, erschütternder.
Robert Jungwirth