Trat Pollini mit einem, bei allem Respekt, typischen Pianisten-Programm auf, so spielte sich sein 23 Jahre jüngerer Kollege Marino Formenti am Samstag durch eine Matinee, die mit Guillaume de Machaut begann und in der musikalischen Gegenwart, hauptsächlich derjenigen György Kurtags endete. Musik war dabei, die gar nicht für den Flügel geschrieben worden sein kann. Wozu solche Freiheiten? Gibt es nicht genügend Literatur für Klavier? Nein, wenn man, wie Formenti, ein Programm zusammenstellen will, das Rück-, Vor-, und Querbezüge aufweisen soll. Und davon wimmelte es.
Die Grundidee lag wohl in den vielen "Hommages" von György Kurtag: Stockhausen, Messiaen, Mussorgsky oder Denisov, Janacek und Schubert - sie und viele, auch Nicht-Komponisten, wurden von Kurtag zu musikalischen Widmungsträgern gemacht. Formenti hat nur die Hommage-Idee weitergesponnen und die Geehrten selbst auftreten lassen: als "Kurtag's Ghosts" (so der Titel seines Programms). Kurtag nannte seine oft nur wenige Takte langen Kompositionen einmal "Suppenwürfel". Konzentrate, die - bei den Hommage-Kompositionen - die kompositorische Essenz des Geehrten in ein Paar Sekunden zum Ausdruck bringen. Damit lässt sich trefflich spielen, damit lässt sich viel sagen.
Die staunende, fragende Einfachheit einer Machaut-Chansons prallte auf die zerstärerischen Fortissimi von Stockhausens Klavierstück II. Beides wurde wie von einem versähnlichen Geist vereint durch Olivier Messiaen und seiner "Ile de Feu 1" Oder: Einem keck eilenden Bach-Präludium folgte Kurtags "Versetto: Consurrexit Cain adversus fratrem suum ...". Darauf Haydns "Erdbeben" aus den "Sieben Letzten Worten Christi" und noch mal Kurtag mit "Sintflut - Sirenen (Warten auf Noah)". Und schon ist eine zwingende musikalische Argumentation zusammengestellt. Eine Werkefolge, die anzuhären unglaublich packend ist.
Es zeigte sich, dass Ausdruckswerte über Jahrhunderte erhalten bleiben, dass die Neue Musik mit denselben Mitteln arbeitet wie die alte, dass Komponisten immer auch ein bisschen voneinander abschreiben (ob bewusst oder unbewusst) und: dass Nachdenken über Musik nicht unbedingt in einem Buch seinen Niederschlag finden muss, sondern auch kompositorisch geschehen kann wie im Falle Kurtags.
Und auch der Interpret ist Nacherzählender, Nach-Denkender in einem solchen Programm. Und somit besonders herausgefordert. Und er vermag - jedenfalls, wenn er Marino Formenti heißt - ein Publikum zu fesseln. Bis zur letzten Note.
Benjamin Herzog
Das Konzert mit Mario Formenti wurde von Schweizer Radio DRS II aufgenommen und wird am Dienstag, 18. Dezember 2007 um 22.35 Uhr gesendet.