Das Kino, der legitime Nachfolger der Oper

Regisseur Philipp Stölzl

Mit Videoclips und Werbefilmen fing er an, letzten Sommer wurde auf dem Filmfestival in Locarno sein Bergsteiger-drama "Nordwand" gezeigt (Filmstart in Deutschland am 23. Oktober) und nächsten Januar hat am Theater Basel seine Inszenierung von Richard Wagners "Fliegendem Holländer" Premiere. Der deutsche Film- und Opernregisseur Philipp Stölzl (*1967).

"Nordwand" ist Philipp Stölzls zweiter Spielfilm. Das Bergsteigerdrama basiert auf einer wahren Geschichte und erzählt Ereignisse nach, die sich in den 1930er Jahren an der Nordwand des Eiger abspielten. Als "letztes Problem der Westalpen" reizte der Berg zahlreiche Alpinisten zu waghalsigen Besteigungsversuchen. Im Olympiaden-Sommer 1936 gehen auch Toni Kurz (Benno Führmann) und Andi Hinterstoisser (Florian Lukas) das Wagnis ein. Der Preis: olympisches Gold für Nazi-Deutschland. Die dramatischen Geschehnisse verfolgen ein Reporter und eine junge Foto-Journalistin (Hanna Wokalek) von der Terrasse des Grand Hotels. Stölzl ist ein packendes Drama gelungen, mit dem er auf eigene Weise an die Tradition der Bergsteigerfilme anknüpft. Eine Tradition, die mit den heroisch idealisierenden Filmen von Leni Riefenstahl oder Luis Trenker nicht unbelastet ist.

KlassikInfo: Herr Stölzl, Sie inszenieren Videoclips, Werbespots, Filme, Opern, Theaterstücke - wofür schlägt ihr Herz am meisten?

Philipp Stölzl: Das hört sich nach einer Gleichzeitigkeit an, ist es aber nicht wirklich. Die Zeit der Musikvideos ist vorbei, und den Werbefilm lässt man auch mal hinter sich. Ich empfinde mich als Spielfilmregisseur, der auch sehr gerne Opern inszeniert.

Mit welcher Gewichtung?

Bei der Oper ist es so: Da gibt es schon ein wundervolles Stück, das die Jahrhunderte überdauert hat und immer noch als großes Kunstwerk dasteht. Das auf die Bühne zu bringen, ist im Prinzip der kleinere Teil der Arbeit. Dagegen fängt man als Filmregisseur mit einem leeren Blatt an und ohne einen Pfennig Geld in der Tasche. Der Weg zum fertigen Film ist sehr lang. Das empfinde ich als grö§ere Aufgabe.

Man kann also nicht gleichzeitig intensiv Film- und Opernregisseur sein?

Ich versuche Oper einmal pro Jahr zu machen. Es ist sehr schön, von den Dreharbeiten auf die Bühne zu kommen. Man nimmt von dem einen Genre viel ins andere mit.

Was nehmen Sie von Ihrem Film "Nordwand" mit?

Mein nächstes Projekt ist "Der fliegende Holländer" in Basel. Auch in dieser Oper sind die Naturgewalten eine Metapher für seelische Vorgänge. Das ist beim Bergsteigen ganz ähnlich. Wagner hat ja in der Schweiz gelebt, ist in den Bergen gewandert. Das spürt man in seiner Musik. Umgekehrt gibt es Bezüge auf Wagner in der Musik zu "Nordwand".

Hatten Sie Einfluss auf die Filmmusik?

Ja, ich war wochenlang mit dem Komponisten im Studio. Christian Kolonovits ist ein versierter Orchestrator, der sich in der Musikgeschichte gut auskennt. So sagte er denn oft: Hier nehmen wir ein bisschen Mahler, dort ein paar Wagnersche Härner und so weiter.

Die Musik ist also Stimmungswegweiser?

Es gibt Filmmusiken, die sich ganz bewusst zurückhalten. Bei "Nordwand" haben wir einen klassische Score, der Stimmungen erzählt und hervorruft. Wir lehnen uns zum Teil auch ganz bewusst an die alten Bergfilme an. Das lädt die Handlung mit einer Epik auf, mit einer Schicksalhaftigkeit, mit einer melodramatischen Ebene.

Opernhaft, könnte man sagen...

Der Film hat viel mit Oper zu tun, allein deshalb, weil hier wie dort zehn Minuten lang gestorben wird. Das Martyrium des Bergsteigers Toni Kurz hat eine Größe, die opernhaft wirkt. Das versuchen wir allerdings ästhetisch zu brechen, mit einem eher dokumentarischen Filmstil und einer kratzigen Optik. Opernhaft ist ja auch ein negativ belegter Begriff.

Für unsere Leser nicht.

Für mich heißt es: Man behauptet ein gro§es Gefühl mit aller Wucht, die man hat.

Kino und Oper versuchen je gerade, sich etwas anzunähern. Am Zürcher Hauptbahnhof wurde Ende September "La Traviata" aufgeführt und live im Fernsehen übertragen. In Kinos werden Live-Übertragungen aus der New Yorker Metropolitan Opera gezeigt. Was halten Sie von solchen Experimenten?

Das Genre der Opernaufzeichnung gibt es ja schon länger. Als Opernregisseur finde ich es schän, dass man so eine Erinnerung an die Produktion hat. Aber es gibt da auch Grenzen. Kostüme, Kulissen, die Art des Spielens und Singens sehen aus der Nähe zu grob aus. Die Aufzeichnung kann das Erlebnis auf der Bühne in keiner Hinsicht ersetzen.

Aber es trägt zur Popularisierung bei.

Ja, auf jeden Fall. Oper und Theater leben von dem gemeinsamen Erlebnis. Das hat man vor dem Fernseher nicht. Im Kino oder bei einem Public Screening aber schon.

Wie das Kino, lebt auch die Oper von Stars - zunehmend.

Das ist auch gut so. Das hat eine gewisse Magie. Man kann sich nur wünschen, dass es die Leute in die Oper lockt.

Sie haben vorhin das Alter vieler Opern angesprochen. Musik und Stoffe sind oft vor Jahrhunderten geschrieben worden. Ist es da die Aufgabe des Regisseurs, eine Luke zur Gegenwart aufzusto§en?

Ich gehöre da keiner Glaubensrichtung an. Eine Übersetzung, die nah am ursprünglichen Libretto bleibt, kann für mich genauso gelungen sein, wie eine, die die Oper in eine ganz andere Welt verlegt. Erlaubt ist alles. Es muss nur eine Wucht haben, die überzeugt und freut.

Sie haben mit Videoclips für die Band Rammstein begonnen - hat sie die Kombination Bild und Musik schon immer fasziniert? Sehen Sie Bilder, wenn Sie Musik hören.

Ja, meine Herangehensweise ist immer die gleiche. Ich versuche, mich aus der Musik zu speisen, eine Bildwelt und Geschichte zu finden, die der Musik entspricht.

Sie hören sich also die Musik an, schreiben Ihre Ideen auf...

Ich weiß ja schon Jahre im voraus, welche Opern ich inszenieren werde. Dann lade ich mir die Musik auf den i-Pod. Da ich viel unterwegs bin, reisen die Opern mit mir. Ich höre sie mir immer wieder an. Wenn ich zu inszenieren beginne, kenne ich die Musik sehr gut und habe meistens schon ganz genaue Vorstellungen, was dazu passiert. Auch weil ich die Bühnenbilder selbst mache: Da sind die gro§en Weichen schon gestellt. Im Prinzip ist es so, dass man versucht, eine Handlung und eine Atmosphäre einzufangen und dazu ein dramaturgisches oder konzeptionelles Gerüst zu bauen, das funktioniert und bis zum Ende trägt.

Wie war das bei Ihren Überlegungen zum "Fliegenden Holländer"?

Ich habe für den Beginn drei, vier Konzepte gewählt. Dann machte ich Notizen dazu und habe mir das ganze immer wieder vorgestellt bis sich am Schluss eine Version durchgesetzt hat. Diesen Prozess brauche ich. Es gibt Regisseure, die inszenieren pro Jahr vier Opern. Bei mir muss es wachsen.

Sie haben Termine bis ins Jahr 2013. Haben Sie jeweils über die Musik entschieden, was und ob sie etwas machen wollen?

Das Zentrum der Musik, die mir gefällt ist das 19. Jahrhundert und dabei deutsch oder französisch. Mein Spektrum ist relativ beschränkt.

Keine italienische Oper?

Nein. Ich kann nicht einmal etwas mit Verdi anfangen. Das löst in mir nichts aus.

Was steht konkret an?

Im Winter 2009 "Rienzi" an der Deutschen Oper Berlin. Anders als beim "Holländer", gibt es von "Rienzi" nicht so viele Inszenierungen, man hat noch ein bisschen Luft. Im Sommer 2010 mache ich in Salzburg Offenbachs "Orpheus in der Unterwelt" mit kleinem Orchester und Schauspielern. Und ich drehe auch wieder: Entweder einen Kinderfilm oder einen Film über den jungen Goethe.

Ist die Oper vielleicht der Vorgänger des Kinos?

Gerade in der gro§en Oper, der Grande Opera, die eine gro§e Masse erreichen will, gibt es viele Parallelen zum Massenkino. Ähnlich wie bei einem Blockbuster ist sie auf theatralische Wirkung hin geschrieben: Es gibt gro§e Aufzüge, Bühnenverwandlungen, Ballette mit schönen Mädchen etc. Die große Oper ist ein Zusammenspiel aller Künste und unterhält und bewegt viele Leute. Da ist das Kino der legitime Nachfolger.

Benjamin Herzog