Das Festival International d'Opera Baroque in Beaune im Burgund feierte in diesem Sommer 30-jähriges Jubiläum - mit der unbekannten Oper "Phaëton" von Jean-Baptiste Lully
(Beaune, im August 2012) Vor 30 Jahren verwirklichte sich die Pariser Historikerin Anne Blanchard einen Traum. In Beaune, einer kleinen und architekturgeschichtlich interessanten Ortschaft mitten in Burgund mit zahlreichen mittelalterlichen Gebäuden, wo ihr Grossvater Bürgermeister war, rief Madame Blanchard ein Musikfestival ins Leben.
Das Festival de Beaune begann mit Aufführungen barocker Musik. Dem Charme der Historikerin erlagen schnell Frankreichs bekannteste Musiker und Nachwuchsmusiker. William Christie und seine Schule junger Talente, die sich für französische Barockmusik interessierten, begriffen rasch, dass das Festival in Beaune eine wichtige Bühne für sie ist. Schnell wurde die Veranstaltungsreihe, die an vier Wochenenden Oper und Konzerte bietet, eine feste Institution. Mitschnitte von Radio France, Arte und Mezzo machten das Festival in ganz Europa bekannt.
Musiker wie Christophe Rousset und sein Ensemble Les Talens Lyriques waren häufig in Beaune zu Gast. Auch in diesem Jahr. Rousset, ein guter Freund von Anne Blanchard, schenkte ihr zum 30. Festivaljubiläum eine zeitgenössische Partiturausgabe der Oper "Phaëton" von Jean-Baptiste Lully. Eine Oper, die während des diesjährigen Festivals konzertant aufgeführt wurde. Ein sehr selten zu hörendes Werk, weshalb sich für Freunde der französischen Barockmusik schon deshalb die Anreise lohnte.
"Phaëton" kam 1683 im königlichen Hoftheater von Versailles zum ersten Mal auf die Bühne. Das sprachlich faszinierende Libretto stammt aus der Feder des Schriftstellers Philippe Quinault. Es handelt sich um die letzte Zusammenarbeit von Lully mit Quinault. Der Komponist verlangte von dem Librettisten, und das war bei der vorangegangenen Zusammenarbeit nie der Fall gewesen, dass bestimmte Szenen bis zu 20 Mal umgeschrieben werden. Die Oper, mit der sich Rousset lange auseinandersetzte, bietet nicht, wie bei den anderen Werken Lullys, einen Prolog, der in einem Zusammenhang mit den auf ihn folgenden Akten steht. In "Phaëton" sind der Prolog und die eigentliche Tragédie zwei voneinander getrennte thematische Teile. Das liegt daran, dass in diesem Fall die Tragédie keinen positiv besetzten Helden thematisiert, der den Sonnenkönig Ludwig XIV. verkörpert. Im Prolog findet diese verherrlichende Anspielung zwar statt, aber in der eigentlichen Handlung mit ihren 5 Akten wird ein Bösewicht vorgestellt. Im Finale wird der Protagonist Phaëton, der die Götter herausforderte, von Jupiter ausser Gefecht gesetzt. Der Göttervater schiesst einen vernichtenden Blitz auf das Gefährt Phaëtons ab, der diesen und den Fahrer verglühen lässt.
Kein pompöses Ende, keine Oper mit martialisch-tonalen Szenen, in denen ein Held vergöttert wird, kein Huldigungsthema für den französischen König. Lullys "Phaëton" ist die musikalisch raffinierte Umsetzung einer Geschichte aus Ovids Metamorphosen. Es gibt grossartige Chorszenen, das Orchester beschreibt Naturkatastrophen und dramatische Szenen. Dennoch ist "Phaëton" keine der typischen Opern Lullys.
Christophe Rousset und sein Ensemble sowie die Sänger ließen eine szenische Aufführung nicht vermissen. Die Hauptrolle des Phaëton sang der Countertenor Gonzalez Toro. Der in Genf geborene und aufgewachsene Schweizer hat sich in den vergangenen Jahren einen Namen als Interpret vor allem italienischer Barockmusik gemacht.
Rousset hat immer ein gutes Händchen, wenn es um die Besetzung seiner Aufführungen geht. Auch in diesem Fall verließ er sich, bis auf den Briten Andrew Foster-Williams, dessen französische Diktion nahezu perfekt ist, auf rein französischsprachige Interpreten. Darunter Lully-erprobte Interpreten wie Ingrid Perruche, Isabelle Druet und Benoit Arnould. Roussets "Phaëton" wird im nächsten Jahr als CD erscheinen. Mit der gleichen Besetzung wie in Beaune.
Thomas Migge