Jeder gegen jeden und Gott gegen alle

Ann-Beth Solvang, Martin Oro, Jeffrey Francis, Raffaella Milanesi (c) Larl

Die Innsbrucker Festwochen der Alten Musik bringen Giovanni Battista Pergolesis Oper "L'Olimpiade" heraus

(Innsbruck, 10. August 2010) Nicht nur Salzburg und Bayreuth haben ihre sommerlichen Feste. Noch näher an den hohen Bergen geht es ruhiger und auch großnamenloser zu. Da fahren nicht die Adabeis hin, sondern die Crème der Interessier­ten.
Viel Barockes gibt es zu hören, aber die Höhepunkte sind in Innsbruck natürlich doch die Opernproduktionen, mit denen sich die Festwochen der Alten Musik einen Namen gemacht haben. Da geht es - in immer neuen Variationen - ums Herrschen, Lieben und Intrigieren. Und es wird einem dabei wahrlich nicht fad ums Herz.

Auf der barocken Bühne lieben sich - wie im Theater generell - immer die Falschen. In Giovanni Battista Pergolesis "L'Olimpiade" tun sie das - die Pausen eingerechnet - fünf Stunden lang. Die 1735 uraufgeführte Oper könnte lange sein, denn sie bedient alle barocken Klischees und Usancen mit vielen ausufernden Da-capo-Arien für sieben Solisten, die sich selten zu einem Duett zusammentun (wenn Sie es aber tun, wie am Ende des 1. Aktes, dann steht die Zeit still). Selbst die langen Secco-Rezitati­ve fallen nie ins Langatmige. Erst am Ende wird man ein wenig müde (weil die Oper zum ersten Mal auf CD aufge­nommen wird und man daher wohl von Strichen Abstand nahm.) Prinzen, Edelfrauen, Könige, Erzieher und Ver­traute tummeln sich auf der Bühne, leiden, täuschen, lieben und kriegen sich am Ende doch oder beteiligen sich zumindest prominent am glücklichen Ausgang.

"L'Olimpiade" heißt die Oper, weil Clistene, der König von Sicione, Olympische Spiele veranstaltet, bei denen dem Sieger seine Tochter Aristea als Preis winkt. Daran teil nimmt der kretische Kronprinz Licida, der in Aristea verliebt ist und unbedingt gewinnen will, im Kämpfen aber ungeübt ist und seinen Freund Megacle ins Rennen schickt, dem er einst das Leben gerettet hat. Dummer­weise ist Aristea just in Megacle verliebt, während die kretische Pinzessin Argene als Schäferin - als was denn sonst? - verkleidet ihren geliebten Megacle sucht.
Natürlich gewinnt Megacle für Licida den Wettkampf, die schlechteste Lösung, die man sich denken kann. Alle sind frustriert, und am Ende des 2. Aktes spitzen sich die Konflikte zu. Manche fallen ihn Ohn­macht, andere wollen sich und andere töten, aber natürlich geht alles finster Erdachte, wie man im 3. Akt erfährt, schief. Alle leben, sind aber verständlicher­weise ein bisschen durchein­ander. Licida versucht den König zu ermorden, wird zum Tode verur­teilt und soll durch das Beil sterben. Aber es geht alles gut aus. Wie und warum, das wollen wir dem geneigten Leser ersparen. Das sind fünfstün­dige Barockge­schichten, bei denen sich am Ende alle für den einen Schuldigen opfern wollen: Eine richtige und freiwillig-unfreiwillig komische Beilkeilerei, die im letzten Akt, wenn alle noch einmal ihre Arie bekommen, der Oper ein Ende setzt. 

Alexander Schulin hat die lange Geschichte mit Hilfe von Micaela von Marcard (Dramaturgie) und Alfred Peter (Kostüme und Bühne) erstaunlich kurzweilig, mit dramatischem Charme und geschmackvoll in Szene gesetzt und der neue künstlerische Leiter der Festwochen, Alessandro De Marchi, verwandelt sie am Pult der "Academia Montis Regalis" mit philologi­schem Blick und italienischem Feuer in ein fulmi­nan­tes, farbiges Barock-Musik­fest mit Harfe, Cambalo und zwei Theorben. Gegen Schluß wird die Instrumen­tie­rung immer reicher; sogar ein Fernor­che­ster kommt zum Einsatz. So spannend kann alte Musik sein, wenn sie mit Phantasie und Wissen (und schönen Stimmen, von denen wir jede einzelne loben müssten, nicht nur die Aristea Raffaella Milanesis) in Klang gesetzt wird. Am Donnerstag ist die Oper noch einmal zu sehen.

Am Ende der Innsbrucker Festwochen (am 27. und 29. August) folgt die Vivaldi-Oper "Ottone in villa", musikalisch betreut von Giovanni Antonioni am Pult des "Giardino Armonico". Dazwischen gibt es jede Menge instrumentale und vokale Barock­musik und einen Internationalen Gesangswettbewerb für Barockoper.
2011 werden zum ersten Mal drei szenische Produktionen aufgelegt: Georg Philipp Telemanns einzige erhaltene Opera seria "Flavius Bertardius, König der Langoparden", Johann Adolf Hasses in Innsbruck uraufgeführtes Dramma per Musica "Romolo ed Ersilia" und (mit Sängern aus dem Sängerwettbewerb) Francesco Cavallis "La Calisto".

Anton Sailer


Dieser Artikel ist kostenlos für unsere Leser, er ist aber nicht ohne Kosten entstanden.

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