Nackt in Brennesseln

Foto: Joyce DiDonato Nicholas Heavican/ EMI Classics

Münchner Liederabende von Pavol Breslik, Simon Keenlyside und Joyce DiDonato 

(Wildbad Kreuth - München, Mitte Juli 2012) So unterschiedlich können Liederabend sein, wenn Männer - der junge slowakische Tenor Pavol Breslik und der britische Bariton Simon Keenlyside - ihn mit Schubert, Schumann und Wolf bestreiten oder eine vor Esprit und Charme nur so sprühende US-Amerikanerin ihre Liebe zu Venedig in einem von ihr wunderbar locker moderierten romanischen Programm zum Ausdruck bringt. Es umfasste im Münchner Prinzregententheater unter anderem Gabriel Faurés "Cinq Mélodies de Venise", Rossinis herrlich komische venezianische Regatta, die drei "Songs of Venice" (Michael Head) und den "Venezia"-Zyklus Reynaldo Hahns.  

Beim Backfisch, der seinen angebeteten Gondoliere vor, während und nach der Regatta anschwärmt, lief Joyce DiDonato zu Hochform auf, ließ sich den altvenezianischen Dialekt auf der Zunge zergehen und schlüpfte lustvoll in die Rolle des jungen Mädchens, das seinen Mamolo anfeuert, bis sie endlich den ersehnten Kuss bekommt. Später mimt die Mezzosopranistin bei Reynaldo Hahn den alten Mann in Stimme und Körpersprache, der sich beinahe angewidert an sein jugendliches Verliebtsein erinnert und immer rüde am Ende einer Strophe kommentiert: "Che pecà - Welche Schande!" Joyce diDonato macht das sicht- und hörbar Spaß, wie sie sich auch in die november-graue Welt von "The Goldonier", "St. Mark's Square" und "Rainstorm" Michael Heads fahlfarben hineinträumt, nicht ohne vorher zu versichern, dass dieser für Janet Baker komponierte Zyklus ihr als 20-jähriger Studentin aus Kansas einen ersten, beglückenden Blick über den großen Teich Richtung "Good Old Europe" gewährte. 

Auch wenn eine Halsentzündung zu Beginn die kleine Kürzung des Programms um eine zweite Vivaldi-Arie erzwang und keine große Rossini-Arie als Zugabe zuließ: das tief ergreifende leise "Sposa Son Disprezzaza" aus Vivaldis Pasticcio "Bajazet" war ein würdiger Abschluss eines mal nicht tief bedeutungsschwangeren Liederabends, sondern einer melancholisch-heiter-ironischen Sommer-Serenade.
Auch Pavol Breslik war bei seiner ersten "Schöne Müllerin" beim Oleg Kagan Musikfestival noch nicht ganz gesund, hatte eine Bronchitis kaum ausgeheilt. Die Temperaturen erreichten auf der Bühne tropische Dimensionen, weshalb alle paar Lieder der Schweiß sichtbar auf seiner Stirn stand. Schon "Das Wandern ist des Müllers Lust",  sonst meist heiter verharmlost, sang Breslik aus der Erfahrung des Endes - als Rückblende eines jungen Mannes, der am Abgrund steht und sich ob seiner unerfüllten ersten  Liebe ins Wasser stürzen will. Diese Vergeblichkeit schwang den ganzen Abend mit, oft heftig in den Saal geschleudert oder mit geschlossenen Augen nach innen gekehrt und gleichsam zu sich selbst gesungen.  

Wie Breslik das Schicksal des jungen Müller-Burschen singend durchlebte, der sich die Liebe zur schönen Tochter seines Meisters eigentlich nur vorstellt, das überlagerte sich authentisch mit den Widrigkeiten, die der Sänger kompensieren musste. Also wird der Jüngling ob des vermeintlichen Nebenbuhlers, der als Jäger die Gunst des Mädchens erlangt, buchstäblich zornesgrün, schreit er den Zorn über die "böse Farbe", die ihm auch Blätter und Wiesen verhasst macht, wild heraus. Höhepunkt des Abends, bei dem sein Pianist Amir Katz, differenziert und souverän der Fels in der Brandung ist, sind die letzten drei Lieder: Wie befreit singt Breslik da, mit einem feinen, leuchtenden Trauerflor um die Stimme und doch seltsam gefasst: von den Blumen, die man ihm ins Grab legen soll; von seinem unendlichen Liebesleid, das er dem Bach erzählt und schlussendlich "Des Baches Wiegenlied" anstimmend, der den Burschen eigentlich auf den ersehnten Tod vorbereitet: "Will betten dich kühl auf weichen Pfühl in dem blauen kristallen Kämmerlein!" 

Simon Keenlyside ist wie Breslik - beide standen übrigens gerade als Tschaikowskys Eugen Onegin und Lenski gemeinsam auf der Bühne des Nationaltheaters - ein uneitler, sympathischer Sänger, der keine Allüren kennt, sondern durch eine unwiderstehliche Natürlichkeit fasziniert. Die zwölf großartigen Kerner-Lieder Robert Schumanns sang er berückend weich, flexibel und anrührend gestaltend, mit einem ungemein tragfähigen, gehaltvollen Piano, nur selten, wenn nötig, den Ausbruch wagend. Der Atem stockt, wenn Keenlyside mit heller, mädchenhafter Kopfstimme das Gelübde der heimlich Geliebten singt: "Zur Nonne weiht mich arme Maid! Stirb, Lieb' und Freud'!" und danach der junge Mann gesteht: "Es ist die Herzallerliebste mein. Sie weiß es nicht, mein Herz zerbricht, Stirb, Lieb' und Licht!" Sieht man Keenlyside am Flügel hin und her laufen, die Arme hebend, den Blick an die Decke oder wie verschämt an die Seite gerichtet, dann erinnert man sich an Bresliks Worte, ein Liederabend sei wie nackt in Brennesseln stehen. 

Nach der Pause Rares von Hugo Wolf und Franz Schubert: auch das in perfekter deutscher Diktion und mit vielen feinen Nuancen des Ausdrucks gestaltet, lebendig und intensiv unterstützt vom kongenialen Pianisten Malcolm Martineau. Drei Schubert-Zugaben: "Dass du hier gewesen", "An den Mond in der Herbstnacht" und "An mein Klavier". Danach wie an allen drei Abenden: großer, herzlicher, dankbarer Applaus! 

Klaus Kalchschmid

 


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