Das Pavel Haas Quartett mit Tschaikowsky, Debussy und Schubert im Münchner Herkulessaal
(München, 5. März 2012) Ein guter Whiskey muss nach Holz schmecken. Das ist nicht jedermanns Geschmack, aber charakteristisch ist es auf jeden Fall. Nach Holz schmeckt auch der Klang des Pavel Haas Quartetts. Nicht, weil dieses formidable junge Quartett aus Prag etwa hölzern klingen würde. Auch ungehobelt klingt es nicht. All diese abwertenden Adjektive, mit denen das Holz ungerechterweise in Verbindung gebracht wird, sind hier fehl am Platz. Gemeint ist vielmehr die Verbindung zum wertvollen Holz der Streichinstrumente, zum Korpus, zu dem, was den Stahlseiten erst Resonanz verschafft. Nach dieser naturhaft-erdigen Note suchen die vier Musiker und wagen sich dabei inzwischen auch an klassisch-romantische Ecksteine der Streichquartettliteratur wie Schuberts "Tod und das Mädchen".
Lange hatte sich das Quartett - zumindest in seinen CD-Veröffentlichungen - vorrangig auf slawisches Repertoire spezialisiert, auf Dvorak, Janacek oder den Janacek-Schüler Pavel Haas, den Namensgeber des Quartetts. Und es hat sich - wie an diesem viel bejubelten Abend im Herkulessaal feststellbar war - damit schon ein recht großes Publikum erspielt. Das bekam nun, neben dem Russen Tschaikowsky, Schubert und Debussy serviert.
Und gerade dieser Debussy wuchs sich zu einem ganz besonderen Erlebnis aus. Weil er plötzlich nicht mehr nur der ätherisch Zarte war, der raffiniert am Klang herumschraubt und der Melodik mit ein paar modalen Wendungen ein wenig mehr Exotik gibt. Nein, gespielt vom Pavel Haas Quartett entwickelte Debussys einziges Streichquartett eine unerhörte rhythmische Unbedingtheit, es nahm Körperhaftigkeit an. Durch diese Schärfung der Kontraste konnte der an dritter Stelle stehende langsame Satz zum Herz des Werks werden: Weil sich erst hier die ganze Intensität in purem Klang konzentriert, bevor sie sich im Schlusssatz erneut im rhythmischen Vorwärtsdrang Bahn bricht. Perkussiv bis an den Rand des Geräuschhaften behandelten die Prager Musiker in diesen bewegten Ecksätzen ihre Instrumente, waren nie auf wohligen Schönklang aus, gönnten den gespannten Zuhörern kaum eine Verschnaufpause.
Bei Schubert war das fast ein wenig zu viel des Guten: Diese Musik ist an sich schon nervös, gehetzt, ja manchmal ungehalten. Das muss hörbar sein, aber die bittersüße Melodik Schuberts sollte dabei nicht unter die Räder kommen. Hier agierte das Haas-Quartett manchmal etwas zu ungestüm, übertrieb es mit dem holzig-rauen Klang, nahm den Melodien ein wenig die Luft zum Atmen.
Dort freilich, wo die Melodie an sich schon überzuckert ist und bei einem Quäntchen zu viel Vibrato ins Gefühlsduselige umschlagen kann, zeitigte der Ansatz des Pavel Haas Quartetts wunderbare Ergebnisse - wie beim Andante cantabile aus Tschaikowskys Streichquartett op. 11: Dieser von einer russischen Volksweise inspirierte Satz, der so populär wurde, dass Tschaikowsky ihn selbst für Solocello und Streichorchester arrangierte, berührte, weil das folkloristische Element nicht populär-anbiedernd daherkam, sondern als ernsthafte Reverenz vor der schlichten Schönheit volksmusikalischer Erfindung. Guter Whiskey muss eben herb schmecken und nicht süß wie Likör.
Markus Schäfert