Calixto Bieito inszeniert "Parsifal" an der Staatsoper Stuttgart. Rettung durch die "Religion Kunst" soll sich da keiner versprechen.
(Stuttgart, 28. März 2010) An eine Rettung am Ende des "Parsifal" glaubte Adorno so wenig "wie im Märchen". Damit bezog er sich zwar nur auf die Musik, der er mangelnden "élan vital" vorwarf. Nun aber hat Calixto Bieito die Hoffnungslosigkeit auch szenisch umgesetzt: In seiner Version gibt es keinen Erlöser, die Gralszeremonie ist eine billige Show.
Die Handlung spielt nach einer Katastrophe. In einem zerstörten Wald sehen wir die Reste einer zerbröckelnden Hochstrasse (Bühne: Susanne Gschwender). Die Erde ist verbrannt, die Zivilisation am Ende. In dieser unwirtlichen Welt überlebt nur, wer Schutzanzug und Atemmaske trägt (Kostüme: Mercè Paloma). Desillusioniert und verroht ist die Gralsgemeinschaft: für Glauben ist kein Platz mehr.
Zu den Klängen des Vorspiels sieht man Kundry, die Ausgestoßene (Christiane Iwen mit schlanker, dosierter Kraft), einer nackten schwangeren Frau ihren wärmenden Mantel geben. Eine Mitleidsgeste wie aus vergangenen Tagen. Sie büsst sofort, wird verprügelt und - Bieito bleibt sich treu - vergewaltigt. Am Ende werden wir Kundry schwanger sehen. Ein Bild der Hoffnung, auch wenn es so nicht unbedingt im Libretto steht.
Die Diskrepanz zwischen roher Szene und schönster Musik baut im Zuschauer eine Spannung auf, den Wunsch, es möge alles doch anders sein. Damit hat uns Bieito schnell hineingezogen in seine Inszenierung, die handwerklich vollkommen daherkommt und über lange Strecken die Spannung zu halten vermag.
Als katholischer Priester tritt Gurnemanz auf (Stephen Millig: textverständlich, souverän). Bieito, selbst in einer Jesuitenschule erzogen, lässt sich Anspielungen auf die Missbrauchs-Diskussion nicht entgehen. Gurnemanz entkleidet einen Engelsknaben und züchtigt ihn bis aufs Blut. Wer will da noch ans Gute glauben?
Auch Parsifal ist nicht der "reine Tor", den Wagner in ihm sah. Rumpelnd tritt er auf, solariumsgebräunt und bodygebildet: ein Tölpel, ganz dem Diesseitigen verpflichtet (von Andrew Richards mit stimmlichem Glanz glaubwürdig verkörpert). Eine Wandlung macht er nicht durch. In die Gralswelt gelangt er auf Drogentrip.
Religion als Einbildung, Glaube als Halluzination. Entsprechend wertlos werden so die religiösen Insignien. In der Gralshandlung des ersten Aufzugs verteilt Amfortas (ein kraftvoller Claudio Otelli) Goldkelche und andere Prunkstücke unter den Jüngern: wertloser Plunder. Im dritten Aufzug wird Parsifal wie ein Weihnachtsbaum behängt. Unter den Symbolen verschiedener Religionen, die da in Form von Kreuzen, Buddhastatuen etc. an seinem hellblauen Gewand baumeln, befindet sich auch eine kleine Wagner-Gipsbüste.
Wagners Kunstreligion - hat auch sie ausgedient? Die zauberhafte Musik, szenisch untergraben, jedenfalls gewinnt. Wirksam über sich hinaus ist sie jedoch nicht. Keiner wird zum besseren Menschen, nur weil er fünf Stunden "Parsifal" abgesessen hat. Erlösungswünschen aus der Publikums-Gemeinde begegnet Bieito mit einer Null-Lösung. Amfortas, Titurel, Parsifal - sie werden nach dem Schauritual, zu dem auch der Zuschauerraum kräftig mit Weihrauch eingenebelt wurde, nach hinten abtransportiert. Niemand muss glauben - das ist in der Tat die glaubwürdigste Lösung des Problems "Parsifal".
Diese Radikalität färbte auf das musikalische Konzept ab. Manfred Honeck hat der Musik viel von ihrem auratischen Glanz weggeschliffen. Das Vorspiel, in welchem andere Dirigenten die Obertöne schillern lassen, kommt bei ihm mit mehr dies- als jenseitiger Kraft daher. Zugunsten der Verständlichkeit auf der Bühne nimmt Honeck die Dynamik zurück. In der Tat versteht man jedes Wort. Und doch taucht auch bei ihm die Musik immer wieder mächtig aus dem Orchestergraben auf, schraubt er den klangstarken Opernchor auf volle Leistung. Das sind Höhepunkte, in einer Intensität, der man sich nicht entziehen kann. Dann füllt sich der Raum, wird die Zeit zum Erzittern gebracht. Man wird mitgerissen. "Erlösend" ist das nicht, eher anstrengend. Aber vielleicht ist das ja dasselbe.
Benjamin Herzog
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