Wunder in der Wissenschaftsarena

Foto: Ruth Walz / Opéra National de Paris


«Parsifal» in einer leicht katholischen Wunderversion in Paris

(Paris, 4. März 2008) Einer der grossen Rätselsätze der Operngeschichte stammt aus Richard  Wagners Bühnenweihspiel «Parsifal». Genau: es ist derjenige von der Zeit, die zum Raum werde. Muss man Quantenphysiker sein, um ihn zu verstehen? Oder mit eine übersinnlichen Ader ausgestattet? Muss man ihn überhaupt verstehen? Sozusagen homöopathisch geht der polnische Regisseur Krysztof Warlikowski das Rätsel an. In seiner «Parsifal»-Inszenierung an der Pariser Bastille-Oper «löst» er Wagners Rätsel mit einem anderen.  
Einem Rätsel, das uns 1968 Stanley Kubrick gestellt hat in seinem Film «2001 - A Space Odyssee». Die Hauptfigur dieses Science-Fiction-Klassikers rast im Weltall durch einen Zeit-Raum (allerdings nicht zur Musik von Wagner, sondern zu den Klängen von György Ligetis Requiem) und sieht sich am Ende seiner Reise einem alten Mann gegenüber: es ist der Weltraumfahrer selbst. Ein noch älterer liegt - ebenfalls gleichzeitig - im Krankenlager. Wir haben also eine Situation, wie mit Amfortas (alt) und Klingsor (noch älter) plus ein junger Mann, der der Nachfolger der beiden ist oder - die ausgehebelten Raum-Zeit-Gesetze machen's möglich - gewissermassen sie selbst: Parsifal.
Warlikowski und seine Ausstatterin Malgorzata Szczesniak lösen, wenn nicht Gurnemanz' Rätselsatz, so doch ein Problem, das «Parsifal» außerdem auf der Bühne mit sich bringt: die Gralserzählung. Diesen gedehnten Handlungsnullpunkt im ersten Akt überbrücken sie mit Filmzitaten (Kubrick) und anderen kleinen Videosequenzen (Denis Guéguin), die durchaus erläuternden Charakter haben können. Eine Ästhetik ist das, die danach wieder verlassen wird. Nur der alte Mann aus dem Film, findet seinen Platz unter den Gralsrittern. Eine stumme Rolle. Die hat auch ein kleiner Junge inne, der in Akt eins und drei auf der Bühne steht. Verdoppelungen der Amfortas-Parsifal-Konstellation. Man sieht: Auch die Regie muss sich nicht an die Gesetze der Physik halten.
Vor allem nicht, wenn sie so zauberhaft aufs Publikum einwirkt, wie in Paris. Mit einer majestätischen Drehung der Bühne wird Parsifals erste Initiation, bei welcher der Raum-Zeit-Satz fällt, zum magischen Spektakel. Die Bühnemitte gibt nun den Blick in einen Hörsaal frei, vor dessen Rängen das Gralsritual vollzogen werden soll. Das Wunder in der Wissenschaftsarena - ein Paradoxon. Und eine überaus kluge Idee, die das Problem der Oper auf den Punkt bringt. Denn nur durch gefühltes Mitleid wird Parsifal wissend und nicht durch die Erkenntnisse der Ratio. Die Gralsritter aber haben das Fühlen verlernt.
Das Orchester der Pariser Oper unter Hartmut Haenchen spielt an diesem Abend einen Wagner von grossartiger Milde. Fliessend die Tempi, melodisch die Linien. An den zentralen Stellen überwältigen einen Forti in den Bläsern und Pauken. Mit toller Raumwirkung auch auf den Balkonen. Die verständnislose Ehrfurcht, die Parsifal zum rettenden Mann der Stunde machen wird, ist auch szenisch bereits hier angesprochen. Und zwar in der Gestalt des kleinen Jungen, der wie ein zweiter, kindischer Parsifal der Handlung zusieht. Reinheit, Arglosigkeit, Zukunft - Projektionsflächen bieten Kinder genug. Und stellen, auf ihre Weise, viel besser als ein singender Erwachsener dar, was Parsifal ist: ein von der Zivilisation unverdorbener Mensch.
Scheitert Wagners Siegfried noch an eben dieser Zivilisation (Gibichungen), gelingt es Parsifal im Gegenteil, die Gralsgesellschaft und damit die Welt zu retten. Wer bei dieser Mission meist auf der Strecke bleibt, ist Kundry. Nicht so in der Pariser Aufführung. Zu Recht, denn was Waltraut Meier im zweiten Aufzug leistet, ist auf sängerischer Seite der Höhepunkt des Abends.  
Meier füllt die Figur der Kundry mit grosser Intensität und Vielschichtigkeit aus. Kraft, Getriebensein, Verführung und verletztes Flehen liegen in ihrer Stimme und ihrem Spiel. Meier ist die Kundry. Das männliche Personal hält dem entgegen, was es kann: Parsifal (schöne Obertöne, eher lyrisch: Christopher Ventris), Gurnemanz (Kraft, lobenswerte Verständlichkeit: Franz Josef Selig) und Amfortas (in seiner Schwäche brillant: Alexander Marco-Buhrmester.)
Aber auch die Inszenierung gibt Kundry mehr Raum als üblich. Sie hat nicht nur die Ehre, dem neuen Erlöser die Füsse zu waschen, sondern wird mit ihm auch in die Zukunft gehen. Zusammen mit dem geheilten Amfortas sowie dem künftigen Menschenretter in Gestalt des Jungen.  
Die heilige Familie, essend am Abendmahlstisch: das ist das  Schlussbild. Das ist die christlich wundergläubige Lösung, die Warlikowski vorschlägt, um die Menschheit vor dem Untergang zu bewahren. Eine wahrlich katholische Vision.

Benjamin Herzog

Richard Wagner: «Parsifal». Opéra National de Paris, Bastille.  
Premiere 4. März. ML: Hartmut Haenchen. R: Krzysztof Warlikowski.  
Ausstattung: Malgorzata Szczesniak. Mit: Christopher Ventris  
(Parsifal), Waltraut Meier (Kundry), Franz Josef Selig (Gurnemanz),  
Alexander Marco-Buhrmester (Amfortas) u.a
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