Prachtvoll sinnliches Teatrum Mundi

Kwangchul Youn (Gurnemanz), Mihoko Fujimura (Kundry) und Christopher Ventris (Parsifal). Foto: Bayreuther Festspiele

Stefan Herheims fantasievoll kluge und Daniele Gattis faszinierend langsame "Parsifal"-Deutung in Bayreuth

(Bayreuth, 25. Juli 2008) Dass der deutsche Teufel mit einem norwegischen Beelzebub ausgetrieben wird - das befürchteten etliche Wagnerianer wohl nach dem "Parsifal" von Christoph Schlingensief. In den letzten vier Jahren hatte der Filmemacher und Performance-Künstler das Publikum schwindelig gemacht mit seinem auf der Drehbühne permanent rotierenden Geschehen, das alle Kulturen und Religionen auf vollgemüllter Bühne umfasste - wie geschaffen für einen Messie, weniger für einen neuen Messias.

Doch die Bilderflut, die Stefan Herheim, Sohn eines Norwegers und einer Deutschen, mit seiner Bühnenbildnerin Heike Scheele erfunden hatte, war von anderer Qualität und Sinnfälligkeit. Sie überwältigte das Publikum bei der Eröffnung der diesjährigen Bayreuther Festspiele derart, dass es am Ende - noch in den Schlussakkord hinein - einhellige, lautstarke Zustimmung auch für das Regieteam gab, ohne ein einziges Buh!

Dabei hatte es der Regisseur, der am 4. April nächsten Jahres an der Lindenoper in Berlin seine "Lohengrin"-Deutung präsentieren wird, den Zuschauern keineswegs leicht gemacht. Denn er beschränkte sich nicht auf die Schauplätze, die Wagner für sein "Weltabschiedswerk" vorgesehen hat, sondern erfand getreu dem Motto "Zum Raum ward hier die Zeit" für den ?Parsifal"-Kosmos eine großartige Reise durch die Geschichte - der Familie Wagner, Bayreuths und Deutschlands, vom Bau der Villa Wahnfried 1873 über ersten und zweiten Weltkrieg bis zur Eröffnung der ersten Nachkriegs-Festspiele 1951 und einer Plenarsitzung im deutschen Bundestag als Finale.

Drei zentrale Orte überlagerten oder wechselten sich ab, die immer wieder - durch einen Zwischenvorhang abgetrennt - als Theater auf dem Theater funktionierten: das Gartenrondell der Villa Wahnfried samt Brunnenanlage - von innen wie von außen; ein herrschaftliches Schlafzimmer mit großem Bett sowie einem Kaminfeuer mit Spiegelkonsole und einer riesigen Flügeltür; dazu der Gralstempel, wie er 1882 bei der Uraufführung ausgesehen hat.

Vor allem im ersten Akt wurden diese Schauplätze virtuos überblendet, bevölkert von Großbürgern beiderlei Geschlechts, allesamt mit den schwarzen Schwingen diverser Raubvögel auf dem Rücken, als seien sie gefallene Engel. Das ergab immer wieder magisch beleuchtete Situationen und Räume, in denen die von Gurnemanz erzählten Ereignisse Ereignis wurden. So betritt Klingsor durch den Spiegel die Bühne und attackiert Amfortas; seine Verführung durch Kundry wird ebenso gezeigt, wie Parsifal als Knabe, der der Mutter davonläuft. Stefan Herheim illustriert aber nicht nur die Rückschau von Gurnemanz, sondern antizipiert auch das Geschehen und zeigt etwa den kindlichen Parsifal erdrückt vom Hermelin des Amfortas - als würde er unter der Bürde als neuer Gralskönig bereits zusammenbrechen.

Das alles muss der Zuschauer nicht Szene für Szene deuten, sondern kann sich der immer wieder zu großartigen Tableaux gerinnenden Bilderflut hingeben, zumal Herheim auch die Personen präzise führt. Schon das Vorspiel bebildert er eindrucksvoll und führt auf wundersam rätselhafte Weise in das Geschehen ein: Denn die sich vor Schmerzen windende Frau im Bett und der Knabe im Matrosenanzug könnten genauso der Schlusszene von Debussys "Pelléas et Mélisande" entsprungen sein - eine Oper, die sich musikalisch dezidiert auf den "Parsifal" bezieht -? wie das hier dargestellte Geschehen die Vorgeschichte von Wagners Bühnenweihfestspiel illustriert.

Der zweite Akt begann in einer Art Krankenstation, wo Schwestern und leicht(bekleidet)e Mädchen die Wunden der verletzten Soldaten kühlten, später fleischgewordene Blüten Parsifal bedrängten, sich schließlich aber Herheim auf den großen Dialog zwischen Kundry und Parsifal konzentrierte. Dann aber ließ er zum Fluch der von Wagner als "Höllenrose" bezeichneten Kundry Hakenkreuzfahnen ausrollen und Nazis aufmaschieren. Das Kreuzzeichen, von Parsifal mit dem Speer geschlagen, machte diesen Spuk freilich zunichte, wie es den Reichadler zerschellte und das in der Luft liegende Buh des Publikums im Keim erstickte.

Leider war der dritte Akt vergleichsweise konventionell inszeniert, abgesehen von wunderschönen Ideen, wie dem aus der Tiefe des Brunnens emporwachsenden Speer, der die heilige Quelle zunächst verschließt und dann frei sprudeln lässt. Dass aber Trümmerfrauen auf die Bühne gebeten werden und zum Karfreitagszauber bunte Lämpchen kitschig an der Rampe erstrahlen, zählte zu den wenigen Schwachpunkten der Inszenierung.

Eigenartigerweise harmonierte Daniele Gattis extrem langsame, aber fast immer vom Bayreuther Festspielorchester spannungs- und klangvoll getragene Deutung mit diesen stetig im Fließen befindlichen Bildern, gab sie dem Zuschauer als Hörer die nötige Zeit zur Reflexion und zur Kontemplation und ermöglichte ihm, die Bilder in Ruhe auf sich wirken zu lassen. Hervorragend der Festspiel-Chor. Der Abend ist mit etwa 3 ¾-Stunden reiner Spielzeit einer der längsten der Aufführungsgeschichte des "Parsifal" und doch erschien kaum etwas allzu gedehnt oder gar zerfasert. Nur die Sänger kamen manchmal an ihre atemtechnischen Grenzen wie auch - bei einigen allzu langen Fermaten -- die Musiker im Graben.

Dabei sind die Protagonisten durchweg großartig besetzt: Allen voran Kwangchul Youn, dessen Gurnemanz sängerisch enorm vielschichtig und vital angelegt ist: kein alter, sondern ein gleichsam zeitloser Mann, der das Gewissen einer ganzen Gesellschaft verkörpert und doch fühlender Mensch geblieben ist. Er ist auch der Einzige, dessen Erscheinung im Verlauf des Stücks nicht variiert. Detlef Roth ist ein nicht minder überzeugender - wie vielfach in der Aufführungsgeschichte -- lyrisch und weich timbrierter Amfortas, der beim letzten Aufbäumen des siechen Gralskönig, der mit dem Leben abgeschlossen hat, mutig an die Grenzen des Sing- und Darstellbaren geht. Auch Mihoko Fujimura verkörpert eine großartige Kundry - mal Femme Fatal im roten Kleid oder Verführerin in Männer-Frack und silbernen Locken bis hin zur Büßerin in weißem Hemd und roten (!) langen Haaren. Stimmlich wirkt Fujimura allerdings etwas unausgeglichen, eine schöne Mittellage kontrastiert zur manchmal etwas schrillen Höhe und der etwas künstlich abgedunkelten Tiefe. Christopher Ventris ist ein eher heldischer Parsifal, der im Matrosen-Anzug des ersten Akts doch etwas seltsam wirkt, aber im Laufe des Abends an szenischer und musikalischer Glaubwürdigkeit gewinnt.

Den spannendsten Theater-Coup behält sich Herheim für die letzten Minuten vor, wenn der große Spiegel über dem stilisierten Rund des Bundestags sich zum Publikum dreht und das Parkett wie den Dirigenten spiegelt, während hoch über dem Portal eine Taube gleissend zu leuchten beginnt - wie von Wagner gewollt - und das "Erlösung dem Erlöser" der Chöre in das Auditorium des amphitheatralischen Zuschauerraums zurückgeworfen wird: Vielschichtiger, aufregender und sinnlicher hat wohl niemand in Bayreuth den "Parsifal" je gedeutet.

Klaus Kalchschmid