Von den Pyrenäen in die Welt

Pablo Casals, Foto: wikimedia commons

Das "Festival Pablo Casals" fand zum 57. Mal im südfranzösischen Prades statt.

Ein zart und schwebend gehaltener, leicht anschwellender Geigenton, die Bratsche begleitet bei diesem Mozart-Adagio mit schlichten Dreiklangsfiguren, bis die Geige ihren ersten melodischen Bogen in der Art einer galanten Verbeugung darbringt, um bald zum zweiten Bogen anzusetzen, ein wenig länger und ein wenig ausgeziert. Ein intensiver Moment der Konzentration in der über tausend Jahre alten Abtei von St. Michel de Cuxa beim "Festival Pablo Casals". Der sechsundzwanzigjährige Dan Zhu aus Peking hat einen warmen, runden Geigenton, er gestaltet sensibel, mit feiner Musikalität. Nobuko Imai, die renommierte japanische Bratschistin, ist bei diesem Duo für Violine und Viola in G-Dur (K 423) von Wolfgang Amadeus Mozart die Partnerin des jungen Chinesen, der in New York lebt und der schon eine bemerkenswerte Solisten-Karriere hat. Dass Nobuko Imai rund vierzig Jahre älter ist als Dan Zhu spielt keine Rolle, die beiden Streicher harmonieren prächtig. Generationsgrenzen gibt es in der Musik eben nicht. Mit ihrem sonor-dunklen, Ruhe und Freundlichkeit ausstrahlenden Bratschenton scheint Nobuko Imai der führenden Geige gewissermaßen zu dienen. Doch es ist ein Wechselspiel, wie selbstverständlich tauschen die beiden Musiker die Rollen.

Es sei ein unglaubliche Ehre, dass er hier spielen dürfe, erzählt Dan Zhu mit leuchtenden Augen. Schon als Kind habe er in Peking die legendären Aufnahmen vom "Festival Pablo Casals" in Prades gehört, natürlich vor allem mit Pablo Casals, dem Cellisten und Gründer des Festivals, aber Dan Zhu nennt auch Namen wie Isaac Stern, Clara Haskil, Rudolf Serkin. Zu wissen, dass diese großen Künstler in den 1950er und 1960er Jahren in derselben Kirche gespielt haben, auf demselben Podium, das sei einerseits inspirierend und andererseits verpflichtend, so gut als möglich zu spielen.
Den meisten Musikern des heutigen Casals-Festivals geht es ähnlich wie Dan Zhu. Sie sind sich bewusst, dass sie eine große Kammermusik-Tradition fortsetzen. In diesem Jahr waren etwa die Cellisten Frans Helmerson und Ivan Monighetti dabei, die Hornistin Marie-Luise Neunecker oder das tschechische Talich Quartett, das österreichische Artis Quartett, Geiger wie Dan Zhu oder der in Deutschland leider wenig zu hörende Olivier Charlier. Gleiches gilt für den ungeheuer sensiblen und ausdrucksstarken französischen Pianisten Philippe Bianconi, der u. a. mit Beethovens Sonate "Pathetique" faszinierte, ein musikalisch einfühlsamer Liedbegleiter war, aber auch der souveräne Solist in einer Rarität wie Ernest Chaussons extrem schwerem Konzert für Klavier, Violine und Streichquartett op. 21. Man findet sich in Prades zu den unterschiedlichsten Formationen zusammen und spielt gewissermaßen "Alles", vom Solowerk, Duo, Trio, Sextett, Septett, Oktett bis hin zum Kammerorchesterwerk. In diesem Jahr gab es über 30 Konzerte, an die 70 Musiker, dazu Veranstaltungen mit Komponisten, Regisseuren, Musikwissenschaftlern, eine Kammermusik-Akademie für Studenten.

Das 6000-Seelen-Städtchen Prades liegt idyllisch in den "Pyrénées orientales", nicht weit von Perpignan, die spanische Grenze ist nur wenige Kilometer entfernt. Es ist mit dem Marlboro Festival in den USA eines der ältesten Kammermusikfestivals der Welt, seit 1950 findet es jährlich statt. Prades, das zu Französisch-Katalonien gehört, war das Refugium des aus Spanien vertriebenen legendären Cellisten Pablo Casals (1876-1973), der sich selbst zuerst einen Katalanen nannte. Prades war stets ein Ort des Lernens und des Musizierens auf höchstem Niveau unter Kollegen und Freunden. Casals unterrichtete hier so namhafte Musiker wie etwa den Cellisten Bernard Greenhouse oder den Geiger Alexander Schneider. Und um die Liste der legendären Namen noch ein wenig zu vervollständigen: In Prades gastierten damals für mehrere Wochen so berühmte Musiker wie David Oistrach, Yehudi Menuhin, Rudolf Serkin, Wilhelm Kempff oder Mieczyslaw Horszowski. Alle kamen um gemeinsam mit Casals zu musizieren.

Diesen Geist der freundschaftlich-musikalischen Begegnung hat das Festival auch heute noch. Die großen Werke der Kammermusik stehen neben den Werken des 20. und 21. Jahrhunderts. Meisterwerke wie Beethovens Klavier-Trios, Quartette von Haydn oder Brahms, oder Quintette von Schubert, Mozart, Dvorak sind Pflicht, so war es auch zu Casals Zeiten, in den Anfangsjahren des Festivals. Damit wird die Tradition fortgesetzt. Doch Michel Lethiec, der künstlerische Leiter des "Festival Pablo Casals Prades" - er ist Klarinettist und Professor am Pariser Conservatoire - versteht es, dieses traditionsreiche Kammermusik-Festival am Puls der Zeit zu halten, indem er einerseits neue, hervorragende Musiker, wie den Chinesen Dan Zhu, einlädt, und indem er andererseits immer wieder mit klugen Programmideen aufwartet.

"Horizonte" lautete das Festival-Motto 2008. Das erlaubte sowohl den Blick nach vorn, als auch zurück in die Geschichte. So gelangte etwa anlässlich des 75. Geburtstages des polnischen Komponisten Krzysztof Penderecki (23. November) dessen "Chaconne" für Streicher zur französischen Erstaufführung. Penderecki war übrigens anwesend in Prades, als "composer in residence". Er dirigierte nicht nur das Streicherensemble bei seiner "Chaconne", die Penderecki anlässlich des Todes von Papst Johannes-Paul II. geschrieben hatte, sondern er leitete auch den hervorragenden (Laien-) "Chor der Universität der Balearen" aus Mallorca bei seinen eigenen Werken und einem Werk von Henryk Gorecki. Außerdem hatte das Publikum bei einer Vormittagsveranstaltung Gelegenheit Pendereckis Werdegang als Komponist kennenzulernen, seine Musik zu hören und auch Fragen an ihn zu richten.
Olivier Messiaen war zu seinem 100. Geburtstag ein Konzert gewidmet. Und noch ein drittes, für das "Festival Pablo Casals" vielleicht das wichtigste, Jubiläum wurde begangen.

1938, vor 70 Jahren also, wurden im Zuge des spanischen Bürgerkrieges hunderttausende spanische Republikaner - darunter viele Katalanen, auch Pablo Casals - durch die faschistischen Truppen General Francos aus ihrer Heimat vertrieben. Viele Menschen flohen zu Fuß über die Pyrenäen nach Frankreich. Sie wurden in Flüchtlingslagern in der Nähe von Prades interniert, und lebten dort während des Krieges. Casals gründete mit katalanischen Freunden eine Hilfsorganisation, um den Menschen in den Lagern das Leben zu erleichtern. In einem dieser Lager, in Rivesaltes, das heute eine Gedenkstätte ist, spielten Musiker des "Festival Pablo Casals" ein Gedenkkonzert. Darunter waren u. a. Werke von Benjamin Britten, der sich in den 1930er Jahren öffentlich als Gegner des spanischen Bürgerkriegs bekannte. Sebastien Tortelier, Schauspieler und Enkel des Cellisten und Prades-Musikers der ersten Jahre Paul Tortelier, rezitierte Federico Garcia Lorca und Pablo Neruda. Und Gemma Durand-Alavedra, Enkelin von Joan Alavedra, einem der wichtigsten katalanischen Schriftsteller, der mit Casals in Prades gelebt hatte, rezitierte auf katalanisch Texte ihres Großvaters, die Casals zum Teil vertont hatte. Es war wichtig, an dieses Jubiläum zu erinnern, denn letztlich hätte es ein "Festival Pablo Casals Prades" nie gegeben, wenn Casals nicht gezwungen gewesen wäre, ins Exil zu gehen. Aus Protest gegen den Faschismus betrat Casals übrigens bis zu seinem Lebensende 1973 - bis auf eine Ausnahme, eine Beerdigung - nie wieder spanischen Boden. Er wollte erst zurückkehren, wenn General Franco nicht mehr an der Macht war. Franco starb 1975.

So ist beim Casals-Festival in Prades in jedem Jahr auch ein Konzert mit dem Titel "Hommage à Pablo Casals" Pflicht, und dazu gehört immer das berühmte katalanische Volksslied "Der Gesang der Vögel", das Casals für Solo-Cello und Streicher arrangiert hat, und das so etwas wie die heimliche katalanische Nationalhymne ist. Michel Lethiec, der künstlerische Leiter des Festivals, setzt jedoch in jedem Jahr andere Akzente. Heuer gab es Werke von Zeitgenossen von Casals. Dabei waren etwa das Klavierquintett von Enrique Granados und "Psyche" für Sopran, Harfe, Flöte, Geige, Bratsche und Cello von Manuel de Falla lohnende Entdeckungen. Bei "Psyche" sang die britische Sopranistin Felicity Lott. Sie hatte tags zuvor bereits einen Liederabend gegeben, mit Schumanns Zyklus "Frauenliebe und -leben" sowie mit Hugo Wolfs "Italienischem Liederbuch". Faszinierend dabei die Bühnenpräsenz von Felicity Lott, ihr Charme und ihr Gespür für den ironischen Spott der Wolf-Lieder, ein großes Kompliment für ihr exzellentes Deutsch. Dass Sänger-Stars in Prades auftreten, hat auch eine Verbindung zur Tradition des Festivals. So gastierten in den Anfangsjahren des Festivals zum Beispiel Victoria de los Angeles oder Dietrich Fischer-Dieskau. Hugo Wolfs "Italienisches Liederbuch" wurde übrigens in einem erst 2003 entstandenen Kammermusik-Arrangement für elf Instrumente von Ralf Gothoni gegeben. So erklangen die bekannten Wolf-Lieder in einem neuen, ungewohnten Licht, das manches Detail neu und anders hören ließ, manches schien gar in "Richard Straussschen-Rosenkavalier-Licht".

Die Künstler, die heute beim "Festival Pablo Casals" gastieren, sind in der Regel die ganze Festival-Zeit vor Ort. Neben den Konzerten unterrichten sie auch noch während der gleichzeitig stattfindenden Kammermusik-Akademie, zu der rund 150 Studenten aus der ganzen Welt anreisen. Der Zeitplan ist für alle Musiker recht eng - Proben, Unterrichten, Konzerte. Das örtliche Lycée wird für die zwei Festival-Wochen zur Musikhochschule, zum Musik-Internat, wenn man so will. Die Studenten haben für rund 800 Euro zwei Wochen lang täglich Unterricht - einzeln und in Kamu-Formationen -, dazu Kost und Logis, freien Eintritt in alle Konzerte und am Ende des Kurses Gelegenheit, in eigens für die Studenten organisierten Konzerten öffentlich aufzutreten. Der Austausch mit den arrivierten Musikern passiert permanent, im Unterricht, bei den gemeinsamen Mahlzeiten. Werke, die am Vormittag in den Kursen erarbeitet wurden, werden nicht selten von den Dozenten am Abend im Konzert gespielt, mancher Student ist gelegentlich mit auf dem Podium.

Und: Schon seit vielen Jahren trägt das Festival Pablo Casals Prades seinen kammermusikalisch-freundschaftlichen Geist in die Welt. Die Künstler des Festivals geben alljährlich in Paris im Januar im Théâtre des Champs-Elysées mehrere Tage lang Konzerte. Man kooperiert mit dem Casals Festival in Puerto Rico (wo Casals seine letzten Lebensjahre verbrachte), und man gab und gibt regelmäßig Konzert in China, in Japan, in Belgien, den Niederlanden und andernorts. Seit vier Jahren existiert auch ein Kompositionswettbewerb für Kammermusik. In der Jury sind namhafte Komponisten, darunter Krzysztof Penderecki oder Cristóbal Halffter. Das Werk des ersten Preisträgers wird beim Festival aufgeführt, in einer über eintausend Jahre alten Kirche, von international renommierten Musikern. Prades, dieses kaum 6000 Einwohner zählende Städtchen in Süden Europas, ist seit Pablo Casals zu einem Ort der Begegnung geworden, von Kulturen, von vergangenen Jahrhunderten mit dem Hier und Heute, von Generationen, von Musik, Musikern und Künstlern aus aller Welt.

Elisabeth Richter