Der Intendant Dominique Meyer stellt seine erste Staatsopernsaison in Wien vor
(Wien, 23. März 2010) Weder war eine Revolution an der Wiener Staatsoper angekündigt, noch wird sie stattfinden. Nach fast zwanzig Jahren verabschiedet sich der amtierende Staatsoperndirektor Ioan Holender vom Haus am Ring; an seine Stelle tritt der bisherige Leiter des Théâtre des Champs-Elysées, Dominique Meyer, der auf seiner Antrittspressekonferenz so unspektakulär, wie es seine Art ist, das Programm für die Saison 2010/11 vorstellte.
Meyer ist kein Mann der großen und lauten Worte. Darum blieb es ganz selbstverständlich dem neuen Musikdirektor der Staatsoper, Franz Welser-Möst, vorbehalten, die Tragweite des Verhandlungsergebnisses zu kommentieren, das in letzter Minute zustandegekommen war: In einem neuen Kollektivvertrag einigten sich das Opernhaus und seine Musiker, die mehr oder weniger identisch sind mit den Wiener Philharmonikern, daß in Zukunft nicht mehr - wie bisher - weniger als fünfzig, sondern 110 Orchesterproben stattfinden werden. Das ist eine fundamentale Reform, bedeutet sie doch, daß das Staatsopernorchester künftig nicht mehr in genialem Al fresco Opern spielen wird müssen, sondern mit besser geprobten Vorstellungen aufwarten kann.
Dem gleichen Ziel dient der Bau einer Probebühne im Arsenal (beim ehemaligen Südbahnhof), die ab Herbst 2011 zur Verfügung stehen wird, und eine Änderung der Gastverträge, welche die Sänger länger als bisher ans Haus binden wird.
Dominique Meyer, der pragmatische Reformator, hat seine Thesen unspektakulär ans Staatsoperntor geheftet und im übrigen angekündigt, daß alles grundsätzlich beim Alten bleiben wird. Die Staatsoper wird dem Repertoiresystem treu bleiben, knapp 50 verschiedene Opern pro Saison spielen, unter seinem neuen Leiter Manuel Legris mehr Ballettabende zeigen und - wie Meyer es formulierte - "ein wenig mehr Premieren" pro Saison zeigen als bisher, nämlch doppelt so viele als bisher, nämlich sechs: im ersten Spieljahr Paul Hindemiths "Cardillac" (Premiere 17. Oktober 2010, Regie Sven-Eric Bechtolf, Dirigent Franz Welser-Möst, Titelrolle Juha Uusitalo), "Don Giovanni"(11. Dezember, Dirigent Welser-Möst, Regie Jean-Louis Martinoty, Don Giovanni Ildebrando D´Arcangelo), "Le nozze di Figaro" (mit demselben leading team, Premiere 16. Februar 2011), Donizettis "Anna Bolena" (2. April 2011, mit Anna Netrebko und Elīna Garanča) und - als Auftakt eines neuen Zyklus des mährischen Komponisten ? Janáčeks "Kátja Kabanová" (17. Juni, Regie André Engel, Dirigent Welser-Möst).
Als besondere Premiere gibt es Händels "Alcina" mit Marc Minkowski und den Musiciens du Louvre (Premiere 14. November 2010), ein Ereignis, von dem man sich noch vor kurzem nicht vorstellen konnte, daß es keinen Konflikt mit den Philharmonikern provozieren würde. Es geschehen also doch noch Zeichen und Wunder in der Staatsopernwelt, auch dieses, daß - wie Welser-Möst es ausdrückte - die Oper des 20. Jahrhunderts zur Bühnenselbstverständlichkeit werden soll.
Mäßig reformistisch bleibt hingegen der Umgang mit den Altinszenierungen: "Tosca" bleibt; auch bei Zefirellis "La bohéme" und beim "Rosenkavalier" soll es vor allem Szenenrenovation geben; bei Strauss´ Oper wird Altmeister Otto Schenk darüber hinaus seine Regieputzhand anlegen.
Franz Welser-Möst will auch für sich selbst (z.B. mit SängerInnen) mehr proben, junge Dirigenten für die Oper begeistern und hat keine Probleme damit, große Dirigentennamen wie Thielemann, Muti und andere ins Haus am Ring zu holen. Die wirkliche "Visitenkarte" für die Staatsoper erblickt er darin, in welcher Qualität man die drei Damen in der "Zauberflöte", die Rheintöchter oder die Mägde in "Elektra" besetzen könne.
Alles in allem: Ein neuer, unaufgeregter Ton, in dem konkreter als in den letzten zwanzig Jahren über Qualität und Qualitätsverbesserung gesprochen wurde. Er scheint - am Applaus gemessen - gut angekommen zu sein. Aber was bedeutet das schon in Wien, der Welthauptstadt der Intrige...
Derek Weber