Prokofjew spielte wie ein Tier

Sergej Prokofjew Klavierkonzert Nr. 2, Maurice Ravel Klavierkonzert G-Dur
Berliner Philharmoniker unter Seiji Ozawa, Solist: Yundi Li
Deutsche Grammophon

Hört sich nach einer Traumbesetzung an: Der noch immer junge, nämlich 24 Jahre alte hochgelobte chinesische Pianist Yundi Li hat zusammen mit Seiji Ozawa und den Berliner Philharmonikern das enorm schwierige zweite Konzert von Prokofjew und das berühmte G-Dur-Konzert von Ravel auf CD eingespielt.

Yundi Li hatte Ozawa in Wien an der Staatsoper, wo der Japaner musikalischer Direktor ist, vorgespielt, weil er gerne mit ihm musizieren wollte. Für Li war Ozawa seit Kinder- und Jugendzeiten ein großes Vorbild. Und Ozawa war spontan begeistert, nicht nur von den manuellen, sondern auch von den emotionalen Fähigkeiten des jungen Pianisten. Und so entwickelten sich rasch Pläne für gemeinsame Konzerte und schließlich auch für eine gemeinsame CD.

Prokofjew komponierte sein zweites Klavierkonzert mit 22 Jahren unter dem Eindruck des Freitods eines Freundes, und der Schock, das Entsetzen darüber dringt an einigen Stellen dieses Werks durch. Yundi Li und Seiji Ozawa lassen das sehr deutlich hörbar werden. Das ist keine polierte Oberfläche, die über die tragischen Momente hinwegtäuschen würde, sondern es gibt immer wieder jähe Ausbrüche, vor allem im dritten Satz, dem Intermezzo und im vierten Satz. Entsprechend verstört war das Uraufführungspublikum 1913 in St. Petersburg. Prokofjew selbst saß am Klavier. "Der spielt ja wie ein Tier", sollen Leute im Publikum gesagt haben.
Pianistisch gehört das Konzert zweifellos zum schwierigsten, was es in der Literatur gibt - und es zeigt, welch ein phantastischer Pianist Prokofjew gewesen ist und wie sehr sein kompositorischer Beginn vom Klavier geprägt war.

Yundi Li glänzt hier nicht nur mit atemberaubender Virtuosität, sondern er und die Berliner Philharmoniker unter Seiji Ozawas Leitung laden das Werk mit einer ungeheueren Intensität und Spannung auf, die manchmal knapp vor dem Zerreißen zu sein scheint.
Das Ravel-Konzert bildet dazu den denkbar größten Kontrast: Hier herrscht ein vollkommen anderer Ton vor. Das Aufgerauht-Energisch-Energetische weicht einem duftigen Impressionismus der zarten Farben. Yundi Li spielt das zweifellos mit Hingabe, lässt aber das Feinstoffliche, Vibrierende, Geheimnissvolle der Musik vor allem im weit ausschwingenden zweiten Satz Adagio zu wenig hörbar werden. Der Anschlag wirkt wenig variabel, das Tempo zu strikt.
Dagegen gelingt der virtuose Schlußsatz wieder wunderbar leichtfüßig. Da ist der Pianist vielleicht doch wieder mehr in seinem Element.

Robert Jungwirth

 

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