Salzburgs neue "Ouverture spirituelle" - Konzerte mit Claudio Abbado, Valery Gergiev und Nikolaus Harnoncourt
(Salzburg, Ende Juli 2012) Den - wenn man so sagen darf - "eigentlichen" Salzburger Festspielen ist unter der neuen Intendanz Alexander Pereiras eine Ouvertüre vorangestellt, die am Ende mit dem ersten Konzert der Wiener Philharmoniker nahtlos ins gleichsam normale Programm übergeht. Nahtlos, doch nicht ohne Schrammen. Denn für den letzten Tag der Einleitung war auch ein Konzert mit Nikolaus Harnoncourt im Salzburger Dom angesetzt. Und es scheint kein Zufall gewesen zu sein, dass diese Kirche als Spielort bisher vom Festival gemieden wurde.
Nachhall-Nebel-Musik
Zum Abschluss das kleine Desaster: Das "Litaniae" genannte Programm hätte - unter Mitwirkung des zur Zeit in Salzburg mit vielen Projekten beschäftigten Arnold Schoenberg Chors und des Concentus Musicus - zwei geistliche Werke des zwanzigjährigen Mozart vorstellen sollen. Eine gute Gelegenheit, hoffte man verwegen, Harnoncourts Auseinandersetzung mit dem genius loci mit anderen Interpretationen der "Ouvertüre" zu vergleichen.
Schnecken!, wie man so schön in der österreichischen Sprache sagt. Nach wenigen Sekunden erster Höhrverstörungen musste man sich fragen: Hat wirklich keiner der Verantwortlichen vor Ort die Akustik des Doms studiert, die selbst bei vollen Kirchenbänken nichts als vernebelte Nachhallschwaden hervorbringt, akustische Nebelbänke sozusagen? Dass Kirchen - paradoxerweise - verdammt vertrackte Akustiken haben, sollte zumal in Salzburg nicht unbekannt sein. Und jeder, der einmal in einer Kirche musiziert oder an einer Kirchenoper mitgewirkt hat, hätte darüber Auskunft geben können.
Was für eine vertane Chance und was für ein leichtfertiger Affront gegenüber einem den Dirigenten, der in diesen Tagen gewiss mit der "Zauberflöte" genügend ausgelastet und es gewohnt ist, Werknuancen bis ins kleinste Detail zu studieren! Er stand im Dom - trotz geradezu sportlicher Schwerstarbeit beim Dirigieren - auf verlorenem Posten.
Keiner der Besucher hat - wo immer er auch saß - die Stücke auch nur annähernd so gehört, wie sie hätten klingen sollen: Der Nachhall im Dom ist so beschaffen, dass er selbst beim denkbar langsamsten Tempo den jeweils nächsten Takt wieder eingeholt und überlagert.
Es war die absurdeste Kritiker-Situation, die man sich vorstellen kann. Man könnte beim besten Willen nichts schreiben, was einer ordentlichen Rezension auch nur nahekäme. Zu sehen war, dass sich Nikolaus Harnoncourt nach Kräften bemühte, Ordnung ins akustische Chaos zu bringen, dass die Concentus-Musiker ihn dabei tatkräftig unterstützten und der Chor und die Sängersolisten ihr Bestes gaben.
Fazit: Die Idee, den Dom als Aufführungsort für geistliche Musik zu nützen, mag ja "an sich" gut gewesen sein. Doch ohne beträchtliche akustische Investitionen ist es wohl besser, in Zukunft davon Abstand zu nehmen.
Claudio Abbados Rückkehr
Den richtigen Ort für geistliche Musik hingegen hatte am Samstagabend Claudio Abbado ausgewählt, als er im kleinen Haus für Mozart dem Publikum eine Lektion in Sachen Musikkultur erteilte.
Abbado und Salzburg - das ist eine lange Geschichte, die mit seinem Festspiel-Debüt im Jahr 1965 begann und - über die Wiener Jahre hinweg bis zu seiner Berliner Zeit andauerte. Dann kam seine Krankheit, danach seine Wiederkehr in Luzern. Nun ist - dank Pereira - die zehn Jahre lange Pause endlich auch für Salzburg zu Ende gegangen. Und wie bei seinem letzten Salzburger Konzert - mit dem Gustav Mahler Jugendorchester - ist er jetzt auch mit einem Orchester angereist, das man man neben dem Luzerner Festival-Orchester das "Seine" nennen kann: dem "Orchestra Mozart Bologna", einem wunderbaren kleinen Klangkörper, den er als künstlerischer Leiter geformt hat und mit dem er vorführt, wie flexibel die Orchesterwelt geworden ist. Die Musiker spielen vibratolos bei Mozart und mit variablem Vibrato bei Franz Schubert. Und sie tun das ohne aufgesetzen Glanz und Glamour, ganz im Dienst ihrer "Sache", der Musik, verwenden - zumindest im Blech - auch alte Instrumente und verfügen über eine Klangkultur, die sich bei alteingeführten und traditionsbewussten Orchestern wie den Wiener Philharmonikern wohl erst langsam im Prozess der Generationenablöse bei Musikern wie Dirigenten durchsetzen wird.
Das Mozart-Orchester aus Bologna ist jung. Das ist eines seiner Geheimnisse. Sein zweites heisst - Claudio Abbado. Selten in meinem Leben habe ich ein Konzert mit einer so perfekten Klangbalance zwischen Chor, Orchester und Gesangssolisten gehört, selten auch ein so schön aufeinander abgestimmtes, stimmlich austariertes Solistenensemble, aus dem eine Tenorstimme herausragt, die uns hoffentlich noch lange erhalten bleiben wird: Ein mexikanischer tenore di grazia namens Javier Camarena. Dass er nun in Salzburg unter Abbado zu hören war, mag im doppelten Sinn kein Zufall sein: Er gehört seit 2007 zum Ensemble der Zürcher Oper, das der neue Salzburger Festspielintendant aufgebaut hat.
Den Rest an schöner Erinnerung an dieses Konzert - auch die unüberbietbare Frische und das noble Piano des Arnold Schoenberg Chors - können wir ruhigen Gewissens Claudio Abbado zurechnen.
Zu Mozarts Musik hat der Dirigent in den letzten Jahren ein ganz eigenes Verhältnis entwickelt, eines der vibrierenden Gelassenheit. Immer ist diese emotionale Grundhaltung verbunden mit Kopfarbeit und Reflexion. Konnte man sich bei der "Waisenhaus-Messe" des zwölfjährigen Mozart noch sagen: Ja, so könnte es vom Mozart der Lehrjahre gemeint gewesen sein, etwas schülerhaft noch, klassizistisch ausgewogen, ernst im Ton, durch die satzhafte Unterteilung der liturgischen Abschnitte fast ein wenig oratorienhaft, so kam bei Schubert das Individuell-Gläubige mit großer und dennoch sparsam dosierter Energie und eingängigen Melodien-Aussingen zu seinem Recht.
Abbado aber, der noch publikumsscheuer Gewordene, verbat sich schon zu Beginn den Wiederbegrüßungs-Jubel, hielt sich bei jedem Applaus im Hintergrund und unterband am Schluß die einsetzende rummelplatzhafte, rhythmische Klatscherei. Bescheidener geht's nicht. Dafür muss man schon sehr groß sein.
Russische Lautmalereien
Nicht zu vergleichen ist Abbados introvertierte Haltung klarerweise mit der eines musikantischen Pyrotechnikers vom Schlag eines Valery Gergiev, dem die Festivalleitung die Rolle zugewiesen hatte, die "Ouverture spirituelle" im Rahmen des ersten Philharmonischen Konzerts in die "eigentlichen" Festspiele überzuleiten. Und der Dirigente enttäuschte sie nicht. Das Konzert war gleich unter mehreren Aspekten mehr als nur interessant.
Igor Strawinskys "Psalmen-Symphonie" hat für den Dirigenten schon zu Beginn einige polyrhythmische Fallen parat, für die Valery Gergiev kompakte und durchaus plausible Lösungen weiß: Das geigen- und bratschenlose Orchester kümmert sich in federnd-leichter, gedämpfter Weise um den ostinaten rhythmischen Untergrund, während der Chor - in diesem Fall der noch am traditionellen Chorgeist geschulte Wiener Staatsopernchor - sich mit aller Gewalt in den Vordergrund singt und die Balance mit dem Orchester auf eine harte Probe stellt. Dass dies gewollt ist, stellt sich am Ende beim "Allelujah" heraus, das dynamisch perfekt abgestimmt ins Pianissimo hinabgleitet. (Es wäre übrigens interessant, der Frage nachzugehen, wann der Dirigent zusätzlich zu den magischen kleinen Bewegungen seiner Hände seinen kleinen Bleistift benützt. Offensichtlich immer dann, wenns um Chormassen geht. Ob der Chor den Bleistift auf die Entfernung hin sieht, ist eine Frage, die getrennt davon gestellt werden müsste.)
Das Mittelstück des Vormittags war neu, sozusagen die westeuropäische Erstaufführung einer Komposition, die vor kurzem bei den "Weissen Nächten" in St. Petersburg zum ersten Mal zu hören war. Der russische Komponist Alexander Raskatov - Jahrgang 1953 - ist das Wagnis eingegangen, Mussorgskis "Lieder und Tänze des Todes" nach Schostakowitsch noch einmal neu zu bearbeiten und instrumentieren. Und gar nicht schlecht, und ganz anders als Schostakowisch: im Kammerton, mit viel Schlagwerkfarbigkeit und unaufdringlicher E-Gitarre. Schostakowitschs Version mag näher bei Mussorgsky sein, tiefer, betroffener machend. An der neuen, lautmalerisch orientierten Fassung erweisen sich vor allem die drei Zwischenspiele zwischen den vier Liedern als tragfähig. Sie schildern ängstliche Betroffenheit. Insgesamt eine gute Gelegenheit für den aus dem großen Ensemble hervorragender Solisten des Mariinsky-Theaters stammenden Bassbariton Sergei Semishkur, seine vokale Visitenkarte in Salzburg abzugeben.
Und dann das Punkstück des Sonntag-Vormittags-Konzerts: Sergeij Prokowjews persönlicher Befreiungsschlag von 1944. Seine Fünfte Symphonie ist für Valery Gergiev sozusagen ein Heimspiel. Das macht ihm kaum einer nach. Er zieht bei den vielen Stimmungslagen der populären Symphonie das Publikum ganz in seinen Bann, vom epischen, fast Sibelius-haften Kopfsatz bis zum ausgelassen-hurtigen, überdrehten Finale, das - wie wir heute wissen - zu früh kam. Ein paar Jahre später schlug Herr Stalin zurück. Das Eis war nicht gebrochen, das am Ende des Zweiten Weltkriegs zu schmelzen schien.
Davon ist in der Symphonie noch nichts zu ahnen. Sie ist nicht tönende Zeitgeschichte wie Schostakowitschs 9. Symphonie, die sich den Jubel versagt. Umso wirksamer ist Prokowjews erleichterte Geste aufs Publikum. Wenn´s auch ein musikalischer Scheinsieg ist: Da tost dann zu Recht der Applaus.
Derek Weber