An der Grenze

Othmar Schoeck "Notturno"Mit Christian Gerhaher, Bariton und dem Rosamunde Quartett

Es gibt nicht wirklich viele schweizer Komponisten, die es zu internationaler Anerkennung gebracht haben. Frank Martin, Arthur Honegger und Othmar Schoeck sind die wesentlichen drei. Für das Schaffen von Othmar Schoeck, der besonders Vokalwerke komponierte - etliche Liederzyklen und 8 Bühnenwerke - hat sich vor allem Dietrich Fischer-Dieskau eingesetzt. Schoecks eigenwilliges und komplexes Werk Notturno von 1933 stand desöfteren auf den Konzertprogrammen des Sängers. Gemeinsam mit dem Julliard String Quartett brachte Fischer-Dieskau Ende der 1960ger Jahre diesen Repertoire-Außenseiter auch in die Schallplattenregale.

Jetzt, nach über 40 Jahren widmet sich ein Schüler Fischer-Dieskaus diesem Zwitterwerk, irgendwo in der Gattungsgrauzone zwischen Kunstlied und Kammermusik. Der Bariton Christian Gerhaher und das Münchner Rosamunde Quartett durchkämmen auf dieser ECM-Produktion Höhen und Weiten und vor allem die Tiefen einer dahindämmernden Endzeitstimmung, durchforsten trübe Gedanken, die der schweizer Komponist bei seinem Lieblingsautoren, dem österreichischen Weltschmerzdichter Nikolaus Lenau gefunden hat:

"Rings ein Verstummen, ein Entfärben;
Wie sanft den Wald die Lüfte streicheln,
Sein welkes Laub ihm abzuschmeicheln;
Ich liebe dieses milde Sterben."

Zwischen 1931 und 33 arbeitete Othmar Schoeck an der Vertonung von zehn Lenau-Gedichten, ungleich verteilt auf fünf Sätze. Nur die letzten Verszeilen stammen aus einem Fragment des Schweizer Autors Gottfried Keller, und dieser unerwartete Ausstieg hatte für Schoeck einen besonderen Grund. "Ich wäre nie fähig gewesen, mit Lenau zu schließen. Ich wollte mich und den Hörer aus der Depression herausführen", begründet der Komponist diesen Schluß. Die Depression hatte ihre Gründe. Genauer gesagt, ihren Namen. Sie hieß Mary de Senger, war eine frühere Geliebte Schoecks und - wie er später bekannte - seine Muse für viele seiner Kompositionen. Schoecks spätere Ehe mit einer deutschen Sängerin glich einem Beziehungsfiasko, in dem er in sehnsuchtsvollen Gedanken an jene stürmische Zeit mit der inzwischen zum Traumideal stilisierten Mary immer wieder Trost suchte. Seine nahezu besinnungslose Heraufbeschwörung der einstigen Geliebten erklingt in düstersten Farben. Den Liebesverlust assoziiert Schoeck mit dem Verfall der Natur im Herbst, in einem alptraumhaften Scherzo wandelt die Stimme über seelische Abgründe an den Grenzen des Gesangs.

Mit solchen musikalischen Extremsituationen haben die Interpreten keine Schwierigkeiten. Beeindruckend die natürliche Sprachverständlichkeit des Liedbaritons Christian Gerhaher, wie er seine volltönend warme Stimme mal dräuend, mal flüsternd zu Schoecks anderem Ich macht, stets vehement unterstützt vom Rosamunde Quartett. Gerade wenn Gerhaher in der Fülle des Streicherklang unterzugehen droht, ist er genau da, wo Schoeck ihn wahrscheinlich haben wollte: nahe der emotionalen Selbstauflösung. Diese aufwühlende Aufnahme macht bewusst, dass man das geschmeidige Verschmelzen und spätromantische Pathos von Stimme und Streichquartett unbedingt verlassen muß, um Schoecks herausragendes Werk zu durchdringen.
Julia Schölzel

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