Nikolaus Harnoncourt und Bernhard Haitink eröffnen das Osterfestival in Luzern
(Luzern, Ende März 2009) Nikolaus Harnoncourt war als Dirigent stets ein Überzeugungstäter - und er ist es auch noch mit beinahe 80 Jahren, die man ihm übrigens in keiner Weise anmerkt. Und so lässt er es sich auch nicht nehmen, vor Joseph Haydns sogenannter "Paukenmesse", ein paar Worte ans Publikum zu richten, um es auf ein paar Besonderheiten in der Vertonung dieser Messe aufmerksam zu machen. Denn nicht umsonst trage diese den Titel "Missa in tempore belli", was soviel bedeutet wie "Messe in Zeiten des Krieges". Und Haydn habe zum Beispiel im Kyrie die bedrückende Situation der Menschen und ihr Flehen um göttlichen Beistand in dieser Zeit ausdrücken wollen.
Wie Harnoncourt zusammen mit dem von ihm vor mehr als 50 Jahren gegründeten Concentus Musicus und dem phantastischen Wiener Arnold Schönberg Chor diese Kriegsbedrohung dann musikalisch verdeutlichte, wie er Haydns zwischen Hoffen, Bangen und Flehen unstet hin und her pendelnde Musik plastisch und - ja - sprechend verlebendigte, das war in jedem Takt faszinierend und kaum zu übertreffen. Keine Note, keine Phrase, die nicht mit Sinn und Bedeutung aufgeladen wären, ohne dabei je in erbsenzählenden Akademismus zu verfallen. Harnoncourts Musizieren steht vielmehr immer im Dienst des musikalischen Ausdrucks, der musikalischen Intensität, hochintelligent und dabei doch voller Emotionalität. Ergänzt wurde es durch ein hervorragendes Solistenquartett mit Luba Orgonasova, Barbara Hölzl, Herbert Lippert und dem kurzfristig eingesprungenen Andreas Daum.
Auch in Haydns einleitender c-moll-Symphonie Nr. 95 gab es nichts Beiläufiges, Unwesentliches. Auch hier war alles auf maximale Sinnfälligkeit hin ausgerichtet, was angesichts des musikalischen Verwirrspiels, das Haydn mit den Erwartungen des Hörers, vor allem zu Beginn dieser Londoner Symphonie treibt, von den Musikern ein Höchstmaß an intellektueller Durchdringung erfordert. Der Concentus Musicus ist natürlich ein solch eingeschworener Verein, dass es hier keinerlei weiterführender Seminare bedarf, um diese Sicht- und Spielweisen hervorzubringen, gemäß Harnoncourts Aussage: "Die Kunst ist eben keine hübsche Zuwaage - sie ist die Nabelschnur, die uns mit dem Göttlichen verbindet, sie garantiert unser Mensch-Sein."
Mit einem anderen 80-jährigen Dirigenten wurde das Luzerner Osterfestival in diesem Jahr eröffnet: Bernhard Haitink setzte mit einem reinen Beethoven-Programm seinen Beethoven-Zyklus mit dem Chamber Orchestra of Europe fort. Und zielte mit einer in feinem Humanistenton gehaltenen ersten Leonoren-Ouvertüre und einer um Schlankheit und Spannung bemühten Wiedergabe der zweiten Symphonie auf einen nobel-geschmeidigen Ton, freilich ohne allzu große Brüche oder Reibungen.
Der Kontrast zwischen den beiden Grandseigneurs des europäischen Musikbetriebs Haitink und Harnoncourt hätte kaum größer ausfallen können. Für den Intendanten Michael Haefliger besteht jedoch gerade darin der Reiz eines solchen Festivals, unterschiedliche Interpretationsansätze, Sicht- und Spielweisen anzubieten. Wobei der Auftritt von Maria Joao Pires als Solistin in Beethovens drittem Klavierkonzert bei aller souveränen Fingerfertigkeit nicht viel mehr als eine Schule der Geläufigkeit war - letztlich harmlos und belanglos. Diese Art von Souveränität ist dann doch zu wenig.
Ähnlich kann man das Konzert mit dem Chorwerk "Kapitel Acht" des lettischen Russen Alexander Knaifel betrachten. Knaifel hat das "Hohe Lied" Salomons zur Grundlage einer gut einstündigen reduktionistischen Besinnungsmusik genommen, die sich in Einzelton- und Einzelakkordexegesen ergeht und - trotz mancher interessanter Klangwirkungen - nicht mehr als eine in die Länge getriebene Meditationsmusik darstellt: gut zum Meditieren und für Yoga, aber keine Kunstmusik. Der dafür betriebene Aufwand - vier Chöre, einschließlich Knabenchor - allesamt aus Lettland - stand in keinem Verhältnis zum künstlerischen Ertrag, auch wenn der Staatliche Akademische Chor "Latvija", der Jugendchor "Kamer" und der Knabenchor des Rigaer Doms mit außergewöhnlicher Stimmreinheit brillierten.
Robert Jungwirth
www.lucernefestival.ch
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www.bahn.de