Insekten mit roten Haaren

Foto: Theater Basel

Barrie Kosky und Andrea Marcon bemühten sich in Basel um Antonio Vivaldis "Orlando furioso"

(Basel, 1. Juni 2009) Entdeckungen verschollener Musik vermögen zu nachhaltigen Veränderungen zu führen. So war einer der größten E Musik-Hits, Antonio Vivaldis "Vier Jahreszeiten", bis zum Zweiten Weltkrieg weitgehend unbekannt. Erst 1926 sind diese Noten zum Vorschein gekommen. Das Interesse an Vivaldis Instrumentalmusik ist seither ungebrochen. Seit einigen Jahren dazugekommen ist die Erweiterung des Vivaldi-Repertoires mit dessen Opern. Muss das sein?

Diese Frage dürfte nach einer Vorstellung der (heute) wohl bekanntesten, in den 1970er Jahren entdeckten Vivaldi-Oper "Orlando furioso" eigentlich nicht auftauchen. Zumal bei der Basler Aufführung mit dem Vivaldi-Spezialisten Andrea Marcon und dem aus der Schola Cantorum Basiliensis hervorgegangenen Barockorchester "La Cetra" musikalisch für Qualität gesorgt war. Für Bildmächtigkeit und ein bisschen Provokation auf der Bühne sorgte der australische Regisseur Barrie Kosky.

Kein uninteressantes Team. Und doch verlor man in den ersten beiden Akten des knapp vierstündigen Abends langsam aber sicher das Interesse. Zuwenig Fokus auf eine Hauptperson, zuwenig Personenführung. Zu oberflächlich das Ganze. Und das gilt auch für die Musik.

Anders auf der Bühne: Das Zauberreich Alcinas ist hier Ort sofortigen Begehrens. Wer nicht automatisch willig ist, wird durch Cocktails oder die schwellkörperliche Muskelmacht jugendlicher Diener gefügig gemacht. Alcina (Franziska Gottwald) ist ein verwöhnter Star, dessen Leben von Cocktails, hübschen Jungs und einer modernen Villa, wie sie auf den Hügeln von Los Angeles stehen könnte, angenehm gemacht wird. In dieses dekadent cleane (Zauber)-Reich stürmen nacheinander Angelica (Maya Boog), Orlando (Delphine Galou), Bradamante (Stephanie Hampl) und Ruggiero (David DQ Lee), der mit Alcina sogleich etwa ein halbes Dutzend Kopulationsstellungen ausprobiert. Es sind schmutzige, verwundete, vom Straßenleben und -kampf gekennzeichnete Jugendliche. Menschen auf der Suche nach wenigstens einem kleinen Glück, einem bisschen Sex.

Die reine Personalmenge ist ein Problem dieser Oper. Kosky hat es mehr akzeptiert als gelöst und die gegenseitige Verstrickung schliesslich damit gelöst, dass am Ende alle gleich aussehen. Mit diesem durchaus amüsanten Coup im letzten Akt löst er auf unkonventionelle Art die Liebeswirren. Jede und jeder ist sich als Transvestit mit roten Haaren (eine Reverenz an den "prete rosso") selbst der nächste. Eine überdimensionierte Wiese im Hintergrund liess die gleichgeschaltet Entkräfteten auf Insektenformat schrumpfen. Den Sinn dahinter mögen Biologen entschlüsseln.

Die zentrale Szene, Orlandos Raserei, ist vorbereitet mit dem Verschwinden des Helden in einer Kloschüssel beziehungsweise der darunter zum Vorschein kommenden Höhle Alcinas: ihrem Schuhschrank. Solche Zaubereien gelingen hier locker (Ausstattung: Esther Bialas) und machen die Produktion zumindest optisch reizvoll. Auch punkto Kostüme hat man sich einiges einfallen lassen. Alcina und ihre Entourage treten mal als blondierte Madonna-Kopien (gemeint ist der Popstar) auf, mal als alternde Cher in herabfließendem Rot. Die Vorführung einer eleganten Garderobe, durchtrainierte Männerkörper in knapper Kleidung, der Style von Alcinas Villa - all das scheint direkt aus der "Vogue" oder einem anderen Modemagazin zu kommen: einer Welt des Scheins, der Oberflächlichkeit. Und Kosky führt uns tiefgründelnde Kulturkonsumenten vermutlich nicht mehr als einfach an der Nase herum: Sein "Orlando" soll gar keinen Tiefgang haben. Es soll kein wie auch immer geartetes Affekt-Drama entstehen, das uns rührt und zum Nachdenken bringt.

Damit stellt sich die Inszenierung auch nicht quer zur Musik. Sondern geht völlig konform mit einer simplen, seine Teile ohne großen Zusammenhang aneinanderreihenden Partitur. Kein Widerstand, sondern buntes Poptheater mit - wie Marcon im Programmheft verlauten lösst - barocker "Minimal Music". Jene Nähmaschine, die als vorwurfsvolles Bild für die belanglos vorüberratternden Sequenzen schon so oft bemüht worden ist, klingt auch hier. Rauf und runter, harmonisch banal und höchstens an zwei, drei Stellen aufhorchen machend. Für diese war man denn umso dankbarer: Ans Herz ging David DQ Lees Ruggiero, der zu den Klängen einer zärtlichen Soloflöte eine affektgeladene und doch unglaublich zurückhaltende Arie sang. Delphine Galous Orlando verfügte über die geforderten Testosteronmengen: spaßig. Die Alcina von Franziska Gottwald steigerte sich allmählich, bis es ihr gelang, in den Verzierungen Sinn zu finden - eine nicht unwichtige Erkenntnis mag die deutsche Sängerin da überkommen haben. Als Ensemblemitglieder hörte man eine solide Maya Boog (Angelica) und einen überforderten Andrew Murphy als Astolfo (Koloratur, was ist das?).

"Minimal"-Begleitmusik und eine so wirre, wie schwach nacherzählte Story - wenn Vivaldis "Orlando furioso" wenigstens ein Sängerfest sein soll, ist er in Basel wenigstens halbwegs gut aufgehoben. Auch die Verpflichtung eines schrillen Regieprovokateurs mögen dem Abend einen gewissen Aufschwung geben. Überzeugt hat er dennoch nicht.

Benjamin Herzog

www.theater-basel.ch