Dreh dich nicht um!

Foto: Hans-Jörg Michel

Jan Bosse inszeniert am Theater Basel seine erste Oper. Es ist die offiziell erste Oper der Musikgeschichte überhaupt: Claudio Monteverdis "L'Orfeo"

(Basel, 1. Februar) Jan Bosses hat's in seiner ersten Opernregiearbeit nicht übertrieben, hat keine Theater-Action über das zarte Stück gestülpt, hat nichts zertrümmert, nichts verbogen. Und doch, wenn man im Foyer des Theaters steht, einen gesponsorten Champagner ausgeschenkt bekommt, und die Musiker des Barockorchester Basel "La Cetra" plötzlich zu spielen anfangen, ist das schon ein wenig unüblich. Sie sitzen oder stehen auf einer grossen Treppe, oben in einer Reihe die Bläser, an den Seiten Streicher, Schlagzeug und Continuo, und zeigen, wie Monteverdi klingen kann und vielleicht auch soll: Beweglich und verziert in den Einzelstimmen, kompakt aber nicht starr im Tutti. Die Klangfarben mischen sich oder werden blockweise eingesetzt. Die Tempi sind straff, die Dynamik ins Piano hinein an Hörgrenzen gehend, im Forte sanft strahlend. Und das Ganze steht auf der unerschütterlich die Übersicht behaltenden Continuostimme des am Orgelpositiv waltenden Dirigenten Andrea Marcon.

Bosse hat den Prolog und die ersten beiden Akte als elegant fröhliche Hochzeitsparty inszeniert. Das Premierenpublikum war dabei exklusiver Gast, hatte, wie gesagt, einen Champagnerkelch in den Händen und wurde angehalten anzustossen oder gar auf die Treppe hochzusteigen. So etwas ist nicht nur in der Oper eine Peinlichkeit, Bosse liess es zum Glück bei diesem kurzen Versuch bewenden. Unter die Götter und Göttinnen hat sich auch ein katholischer Priester gemischt, ironisches Detail. Und natürlich Orfeo, dessen roter Anzug (Kostüme: Kathrin Plath) die gleiche Farbe hat wie der rote Teppich, auf dem diese im Grunde belanglose Hochzeitsparty abläuft.

Die Preislieder lässt das stehende Publikum über sich ergehen, ähnlich wie manch nichts sagende Hochzeitsrede. Das Drüberhören ist leider auch durch die Qualität der Sänger bedingt, die in dieser Produktion mit wenigen Ausnahmen (Ismael Gonzalez, Rosa Dominguez) mit dem Stil Monteverdis kaum vertraut sind. Auch der als Sängerdarsteller beim Publikum gut ankommende junge Weissrusse Nikolay Borchev hat bei allem hörbaren Bemühen keine Barockstimme. Sein Italienisch ist zwar tadellos, auch die Farbpalette ist gross und lässt keine Langeweile aufkommen (Beschwörung Carons im dritten Akt), Ornamente sind bei ganz genauem Hinhören vernehmbar, aber der Kontrast zum Orchester ist doch zu gross, als dass man von einem geschlossenen Ensemble sprechen könnte.
Bosse führt seine Darsteller insgesamt behutsam und meist deutlich. Doch erst ein, pardon, Urvieh des Basler Ensembles wie Rita Ahonen kann, als Messagera, ihre Rolle voll ausfüllen. Sie ist von der überbrachten Botschaft, Euridice sei gestorben, selbst ganz überwältigt, was man nicht nur sehen, sondern auch hören kann. Da spielt es plötzlich keine Rolle mehr, ob Ahonen von barocker Gesangspraxis viel Ahnung hat oder nicht. Da schrumpfen 400 Jahre Operngeschichte und (seit Nikolaus Harnoncourts Zürcher Orfeo-Produktion) 30 Jahre Aufführungspraxis zusammen auf einen bewegenden Moment, der es in sich hat.
Die nächsten, ohne eigentliche Pause folgenden Akte spielen dann auf der Grossen Bühne. In der Unterwelt nebelt es gewaltig. Orfeo steht im Orchester. Nun darf ein bisschen gezaubert werden: Der erfolgreiche Sänger, der den Unterweltswächter Caronte (schnarrend unheimlich: Ismael Gonzalez) besiegt, ist selbst ganz überrascht von seiner Wirkung, verschwindet im Orchestergraben und taucht auf der anderen Seite mit der aus dem Unterboden hochgehieften Euridice wieder auf. Die Lichter leuchten ultrvaviolett, eine zum Publikum gerichtete Spiegelwand tut bedeutsam (Bühne: Stéphane Laimé, Licht: Hermann Münzer). Video gibt es auch (Ulrike Lindenmann), auf eben diesen Spiegel projiziert, was einen hübschen Effekt hervorruft. Es ist live, und man sieht darauf Proserpina (so imperial wie flehend Rosa Doninguez) und Plutone (Andrew Murphy), die wie graue Eminenzen im Hintergrund beschliessen, Orfeo könne seine Euridice aus der Unterwelt herausführen.
Diese für einen sterblichen Menschen ungeheure Macht, eine Tote zum Leben zu erwecken, könnte Anlass geben für eine Diskussion um ethische Grenzen der Medizin, um die Hybris der nicht sterben wollenden Menschheit. Für Bosse aber ist Orfeo hauptsächlich eine Künstlerfigur, "der erste Starsänger", wie er im Interview sagt. Und diese Sichtweise verharmlost die Oper denn doch etwas, nimmt ihr von ihrer ungeheuren Aktualität. Der Schritt vom Publikumsraum über den Orchestergraben auf die Opernbühne ist, bildlich gesprochen, nicht mehr als eben genau das. Nicht mehr also als der Karriereschritt eines "normalen" Menschen auf die glamouröse Opernbühne. Orfeo schafft das zwar, ist, wie gesagt, selbst ganz erstaunt darüber und dann doch noch zu wenig sicher, um auf der Bühne bestehen zu können.
Er blickt sich um, für Bosse eine Handlung aus Misstrauen, und stürzt in die (Normal)-welt zurück. Wer sich aus Unsicherheit zurückwendet, den werfen die Götter vom Himmel, der ist nicht reif, ein (Sänger)-star zu sein. Ist das die bittere Wahrheit, die uns der noch nicht 40-Jährige Bosse mitteilen will?
Die Favola sieht schliesslich aber doch vor, dass Orfeo als "Star" den Himmel zieren darf.

Als Regie-Star ist Bosse in der Theaterwelt schon ziemlich weit oben angelangt, zum letzten Berliner Theatertreffen wurden zm Beispiel gleich zwei seiner Produktionen eingeladen. In der Opernwelt hat er in Basel einen überzeugenden Beginn gezeigt. Sein "Orfeo" hat das Mass gefunden zwischen frischer Theater-Ästhetik und der Bedachtsamkeit, mit der die delikate, 400 Jahre alte Dame Oper eben doch bedient werden möchte.

Benjamin Herzog
www.theater-basel.ch