"Musiker von heute - Orchester von morgen." Unter diesem Motto traf diesen Monat von 7. bis 9. April 2008 in Berlin die Erste Internationale Orchesterkonferenz zusammen. Weltweit haben es die Orchester schwer, in Deutschland sind sie vergleichsweise sicher.
Vertreter von Orchestergewerkschaften und Musikerverbänden sowie von Opern- und Konzerthäusern kamen zusammen, um über zukünftige Herausforderungen der Orchesterwelt im 21. Jahrhundert zu sprechen.
Es war nicht nur die Sprache der Musik, die die 180 Teilnehmer aus 40 Ländern miteinander verband. Es waren auch die gleichen Fragen und Probleme: Wie können Orchester klassische Musik in digitaler Zukunft vermarkten? Wie gewinnen sie langfristig die nachwachsenden Generationen als Publikum? Wichtigste Frage für viele Orchester Europas ist momentan die Frage ihrer Finanzierung durch die öffentliche Hand. Aus Frankreich berichtete Yves Sapir. Er ist Geiger im "Orchestre National du Capitole de Toulouse" und Generalsekretär der französischen Musikergewerkschaft "Union de Syndicat des Artistes musiciens".
"Sarkozys Regierung schraubt überall die finanzielle Beteiligung des Staates zurück - auch im Kulturministerium", sagt Yves Sapir. "Deutlich spürbar wurde das bei den Budgets der Orchester und Opern in Frankreich." Früher sei die klassische Finanzierung eines professionellen Klangkörpers in Frankreich nach dem Drittel-Prinzip aufgeteilt gewesen. "Paris, also die Regierung, zahlte 30% des Finanzbedarfs, die Kommune gab weitere 30% und nochmals 30% kamen aus eigener Kraft." Heute liege der Anteil aus Paris nur noch knapp bei 15%. "Und voraussichtlich wird noch weiter gekürzt", so Sapir.
Die Orchesterkonferenz führte solche alarmierenden Beispiele der internationalen Kulturszene vor Augen. Veranstalter des Treffens war die International Federation of Musicians, FIM, die internationale Dachorganisation der Musiker-Verbände und -Gewerkschaften. Sie zählt weltweit über 100 000 Mitglieder. "Die Konferenz eignet sich hervorragend als ein Forum für den Ideen- und Informationsaustausch", sagte Pamela Rosenberg, Intendantin der Berliner Philharmoniker. "Weil unsere Orchester öffentlich-staatlich gestützt werden, gilt Deutschland international als Vorbild."
Doch sowohl die staatlich geförderten als auch die privatwirtschaftlich geführten Orchester stehen weltweit vor der Herausforderung, sich zukünftig ihr Publikum zu sichern. John Smith, Präsident der FIM, nannte unter dem Stichwort "Audience Development" die Gewinnung neuer Publikumskreise als eine der großen Aufgaben der Orchester. "Das gilt weltweit", so Smith.
Einige Beispiele, die sich vor allem an die Zielgruppe des jüngeren Publikums richten, kamen aus England. Tony Hall, Chef des Royal Opera House London, will Video-Mitschnitte der Opern-Aufführungen im Internet über YouTube veröffentlichen. Damit erreiche man die Jüngeren. Das deckt sich mit der erfolgreichen Kampagne Sing Up!, die englische Grundschüler ans Chorsingen heranführen will.
Auch Vertreter chinesischer Orchester waren in Berlin. Die Klassikszene dort boomt. Anders als gegenwärtig in Europa werden in Katar oder China zurzeit neue Orchester gegründet. Vor allem, was die Musikerausbildung angeht, orientieren sich die Chinesen an den Standards deutscher Musikhochschulen. Doch Standards, die hierzulande gelten, sind in China zunächst einmal unerreichbar, vor allem was Beschäftigungstarife betrifft. Die Situation in Deutschland wird vom Ausland sehr aufmerksam beobachtet. Die Deutsche Orchester Vereinigung, DOV, rief dieses Jahr zu Warnstreiks auf. "Die Arbeitgeberseite versucht", so DOV-Geschäftsführer Gerald Mertens, "die Orchester von der Tarifentwicklung des öffentlichen Dienstes abzukoppeln." Deshalb habe es in Deutschland im Januar und Februar zwei Warnstreikwellen der Orchester gegeben. Auch, was die Gewerkschaftsstrukturen angeht, kann Deutschland als Vorbild für das Ausland gelten. "Schauen Sie nach Amerika", so Mertens, "dort muss jedes einzelne Orchester im Alleingang für seine Arbeitsbedingungen kämpfen." Das mache den Kulturbetrieb insgesamt unsicher. "Als Sawallisch in Amerika seinerzeit anfing, hat sein Orchester zehn Wochen lang zur Saisoneröffnung gestreikt."
Über Sponsoring und Fundraising wurden auf der Orchesterkonferenz viele Ideen ausgetauscht. Wichtigste kulturpolitische Forderung blieb jedoch, die staatlich-öffentliche Finanzierung zu verteidigen. Dass sich die Klassik-Kultur-Szene hier zumindest auf Deutschland verlassen kann, unterstrich FDP-Kulturpolitiker Hans-Joachim Otto, Vorsitzender des Bundestags-Kultur-Ausschusses. Der Bundestagsabgeordnete appellierte: Man möge die Diskussionsergebnisse an die Kulturpolitiker der jeweiligen Länder weiterreichen. Informationsaustausch könne auch dort nur von Vorteil sein.
Sven Scherz