Frei fluktuierendes Bildertheater


"OperMachtTheaterBilder - Neue Wirklichkeiten des Regietheaters". Herausgegeben von Jürgen Schläder.
Henschel Verlag, 255 Seiten, zahlreiche Abbildungen, 29,90 Euro

Ebenso wie ein Dramentext oder eine Opernpartitur Grundlage von wissenschaftlichen Analysen sind, so müßte dies auch eine Theateraufführung sein können. Das zumindest wünschten sich Theaterwissenschaftler in den 70er Jahren. Um sich begrifflich und methodisch einer solchen Aufführungsanalyse anzunähern, sprachen sie fortan von der Semiotik des Theaters. Die Aufführung wurde als eigener Text interpretiert, in dem Drama, Libretto, Partitur als Inszenierungstext aufgehen. Erst im "Inszenierungstext" wird das Drama, die Oper dem Zuschauer zugänglich. Was so einleuchtend klingt, brauchte dann allerdings doch geraume Zeit, um sich im wissenschaftlichen Diskurs durchzusetzen. Und beim Musiktheater brauchte es natürlich noch länger als im Sprechtheater. Umso bemerkenswerter ist der Sammelband "OperMachtTheaterBilder - Neue Wirklichkeiten des Regietheaters", der exemplarische Opernaufführungen vor allem in München und Stuttgart zur Grundlage einer versuchsweisen Bestandsaufnahme aktueller Tendenzen in der Musiktheaterregie macht. Zugrunde liegt dem Buch ein Symposion mit dem gleichen Titel, das im Sommer 2005 in Zusammenarbeit der Münchner Theaterwissenschaft mit der Bayerischen Staatsoper stattfand. Dabei ging es vor allem darum, die szenischen Leistungen Ära des Intendanten Peter Jonas an der Bayerischen Staatsoper zu bewerten, aber natürlich auch den Blick auf andere Häuser zu werfen.

Der Münchner Theaterwissenschaftler Christopher Balme, der in seinem Text zunächst auf die Voraussetzungen von Inszenierungsanalysen eingeht, macht auf die sogenannten "polysemantischen Bilderkomplexe" aufmerksam, die zahlreiche Inszenierungen der jüngeren Vergangenheit in München kennzeichnen. Diese böten kein vorformuliertes Konzepttheater mehr, sondern ein die Assoziationsfähigkeit des Zuschauers in Gang setzendes "postkonzeptuelles Bildertheater". Als Signum der gesamten Intendanz von Jonas beschreibt Balme dementsprechend den lebensgroßen Tyrannossaurus Rex aus Richard Jones Regie von Händels "Giulio Cesare", der in seiner polysemantischen Vieldeutigkeit ebenso eindrucksvoll wie uneindeutig bleibt.

Natürlich ist es keine wirklich neue Erkenntnis, wenn die Bochumer Theaterwissenschaftlerin Corinna Herr das frei fluktuierende Bildertheater als einen gegen lineare und kohärente Strukturen gerichteten Postmoderinsmus beschreibt. Interessant aber ist ihre Verbindung dieser Art des Theaters mit der ebenfalls nicht auf Stringenz abzielenden Aufführungstradition zur Entstehungszeit etwa von Monteverdis "Ulisse". Der in manchen gegenwärtigen Kritiken angestrengte Diskurs von der Integrität des Werks wird - das zeigt Herr schlüssig - obsolet. Vor etwa 1750 sei im Musiktheater die Aufführung das entscheidende Ereignis gewesen, nicht die niedergelegte Notenschrift. Im 19. Jahrhundert dann etablierte sich die Vorstellung vom abgeschlossenen, unveränderlichen Kunstwerk, die auch für uns prägend ist.

Erhellend, was die Analyse postmoderner Gestaltungsmittel angeht, fraglos auch die Ausführungen von Jürgen Schläder über den Stuttgarter "Ring" aus dem Jahr 2000, den vier verschiedene Regisseure inszeniert haben. Dadruch - so Schläder - sei es erst möglich geworden, die Vielfalt der Figurencharakteristiken etwa eines Wotan oder einer Brünhilde deutlich zu machen.

Auch wenn beim Lesen des Buchs wie auch schon beim vorangegangenen Symposion der Eindruck einer allzu wohlwollenden Bewertung der Regietaten während der Intendanz von Peter Jonas an der Bayerischen Staatsoper entsteht, stellt das Buch doch einen wichtigen Beitrag zum Verständnis und zur Bewertung akuteller opernästhetischer Ästhetiken und Diskurse dar.

Robert Jungwirth

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