Onegin & Lenski alias Ennis & Jack

v.r.n.l. Pavol Breslik, Mariusz Kwiecien, Tamar Iveri Foto: W. Hösl

Wiederaufnahme von Tschaikowskys "Eugen Onegin" mit neuer Besetzung in der Inszenierung à la "Brokeback Mountain" von Krzystof Warlikowski an der Bayerischen Staatsoper

(München, 23. Oktober 2008) Noch immer gibt es wie bei allen Vorstellungen des Münchner "Eugen Onegin" Buh-Rufe nach dem eindeutigen, Schuhplattler und Sirtaki ebenso andeutenden Tanz der halbnackten Cowboys, die - zur Musik der Polonaise auf dem Fest Fürst Gremins - den Alptraum Onegins zeigen, der seine schwulen Neigungen unterdrückt.

Präziser als die Premierenbesetzung - und sogar als Dalibor Jenis und Marius Brenciu in der Februar-Wiederaufnahme - spielen und singen das diesmal Mariusz Kwiecien als Onegin und Pavol Breslik als Lenski. Scheu ist der Kuss, mit dem Onegin den eifersüchtig gemachten Lenski befrieden will, gar nicht mehr, sondern sehr intensiv und lang; spät, allzu spät wischt sich dieser danach den Mund. Auch wenn die beiden zu Beginn des zweiten Teils vor der Duellszene auf einem Hotel-Doppelbett liegend das eben Geschehene verarbeiten - was auch immer das war - spielen Kwiecien/Breslik dies aufregend ambivalent. Beide sind sie attraktive junge Männer: der Slowake Breslik mit großer Natürlichkeit, zartem Schmelz - und leichter Nervosität - singend, der Pole Kwiecien mit immer größerer Intensität und Verzweiflung gestaltend, vor allem in der Schlußszene mit Tatjana, die er einst schnöde abblitzen ließ und der er jetzt endlich seine Liebe gesteht. Wie sich da der Mann an die Frau klammert, ist entwürdigend und anrührend zugleich. Tamar Iveri singt hier - in ihrem Münchner Debüt wie Kwiencien - noch authentischer und schöner denn als junges Mädchen, das außer seinen Büchern die Welt noch nicht kennt und sich ausgerechnet in einen seine Freiheit und Ungebundenheit liebenden Mann verliebt. Auch Steven Humes war erstmals in der Doppelrolle als Sekundant Lenskis, der eine einzige Pistole (!) zur Verfügung stellt, und Fürst Gremin zu erleben: ein Mann wie ein Baum mit ebensolcher Stimme und Ausstrahlung!

Vergessen war, dass es Kent Nagano einmal mehr nicht gelang, Chor und Orchester rhythmisch zusammenzuhalten, aber auch, dass im ersten Teil die Holzbläser ihre Soli spielten, als hätten sie die Noten erstmals auf ihrem Pult liegen. Nach der Pause rissen sich alle zusammen und verantworteten am Ende eine packende Aufführung, die vom GMD jetzt durchaus leidenschaftlich und differenziert gestaltet, ihre niederschmetternde Wirkung voll entfalten konnte.

Klaus Kalchschmid

Weitere Vorstellungen: 26. und 30. 10. sowie 2. 11. 2008.

 

 

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