Olli Mustonen mit Beethovens Klavierkonzerten Nr.4&5
Es kommt selten vor, dass die Aufnahme zweier zigfach aufgeführter und eingespielter Repertoire-Stücke als sensationell bezeichnet werden darf. Aber der Abschluss der Gesamtaufnahme aller fünf Klavierkonzerte Ludwig van Beethovens mit Nr. 4 und 5 durch Olli Mustonen und die Tapiola Sinfonietta unter seiner Leitung verdient dieses Prädikat. Jeder Takt klingt, als höre man ihn zum ersten Mal.
Böse Zungen mögen es exzentrisch nennen, wie flexibel in Phrasierung, Lautstärke, Tempo-Differenzierung auf kleinstem Raum und federnd trockener Akzentsetzung frei von allem titanischen Pathos Mustonen spielt, mit welch' stupender Unabhängigkeit der beiden Hände. Bei den ersten beiden Klavierkonzerten mag der Eindruck auch noch etwas befremdend sein. Doch wer jetzt diese dritte Platte unvoreingenommen hört, ist fasziniert von der kammermusikalischen Durchdringung, der subtilen Leuchtkraft, der Lebendigkeit dieser Aufnahmen in jedem Akkord, jedem glasklaren Lauf, jedem einzelnen Ton, jedem Triller, der so schnell vibriert wie der Flügel eines Kolibris.
Selbst wer die SACD nur auf einem herkömmlichen CD-Spieler hört, staunt außerdem über den fantastisch plastischen, räumlichen, schlanken und perfekt ausbalancierten Klang dieser Aufnahmen in der Tapiola Hall von Espoo im März und Juni 2009. So wird jede Interaktion zwischen Pianist und Orchester zum Ereignis. Selbst die gewaltigen Kontraste im Anschlag Olli Mustonens zwischen zartestem Piano und schärfstem Fortissimo-Akzent sind perfekt zu hören. Nie klirrt der Flügel oder klingt er mulmig.
Die Kadenz im Kopfsatz des G-Dur-Konzerts tupft Mustonen fast flüchtig hin, diejenige im Finale dagegen stanzt er im mehrfachen sforzato geradezu in die Tasten, bevor er wieder mit vorwärtsdrängedem Elan losrast. Wie das intime Selbstgespräch des Klaviers im langsamen Satz düster verdämmernd endet, als würde sich der Kerker im "Fidelio" auftun, bevor unvermittelt die Heiterkeit des Final-Rondos einsetzt; wie das Adagio un poco moto des Es-Dur-Konzerts zu schweben scheint, bevor das unmittelbar anschließende Finale mit geradezu aufgestauten, gestauchten Akkorden beginnt; wie das majestätische Es-Dur zu Beginn dieses fünften Klavierkonzerts glasklar leuchtend strahlt und doch geradezu Furcht einflößt - das alles zeugt von untrüglichem Sinn für musik-dramatische Verläufe, aber auch von einer Genauigkeit im Erfassen eines jeden Details.
Die Tapiola Sinfonietta folgt ihrem finnischen Landsmann mit fein abgestimmtem Klang und hellwacher Aufmerksamkeit, präzise und lebendig ausschlagend wie ein Seismograph. Jeden Impuls des Pianisten greifen die Musiker im Bruchteil einer Sekunde auf, führen ihn fort oder beantworten ihn mit eigener Geste.
Klaus Kalchschmid