Frisch renoviert, probiert das Opernhaus Odessa den Anschluss an die internationale Opernszene - mit wechselndem Erfolg und Hindernissen
(Odessa, 27. Mai 2010) Womit soll man anfangen bei diesem Opern-Krimi, der vor der Premiere mit Hausverbot für den Intendanten und künstlerischen Leiter eskalierte und dessen Ausgang noch immer offen ist? Mit der gelungenen Aufführung? Oder doch mit den Intrigen, die sie beinahe verhindert hätten? Würde Donna Leon Romane schreiben, die nicht in der venezianischen Lagune, sondern in der Schwarzmeer-Metropole spielen, sie hätte sich den Plot und die undurchsichtigen Hintergründe zwischen Korruption, Machtgelüsten und unüberbrückbaren Interessenskonflikten nicht besser ausdenken können.
Schauplatz ist also nicht das "La Fenice" wie in Commissario Brunettis erstem Fall ("Venezianisches Finale"), sondern ein anderes der schönsten Opernhäuser der Welt: gebaut von 1884 bis 1887 nach Plänen des Büros Fellner & Helmer, die auch die Zürcher und Grazer Oper, das Hamburger Schauspielhaus, Theater in Fürth, Gießen, Klagenfurt, Prag (Státni Opera), Zagreb und Wien (Ronacher, Volkstheater) sowie unzählige andere illustre Theaterbauten entworfen haben. Von 1999 bis 2007 wurde umfassend renoviert, jetzt erstrahlt das Haus hinreißend im alten Glanz. Umso muffiger und altmodischer nahmen und nehmen sich die immer wieder gezeigten Jahrzehnte alten Produktionen aus, darunter - neben durchaus qualitätvollem klassischem Ballett - meist italienische Oper von Donizettis "Lucia" und Rossinis "Barbiere" über "Rigoletto" und "Ballo in Maschera" bis "Madama Butterfly", "La Bohème" und "Tosca". Selbst russische Oper ist in dieser Stadt, in der mehr russisch als ukrainisch gesprochen wird, nur mit Tschaikowskys "Jolanta" vertreten.
Seit 10 Monaten aber gibt es einen neuen Intendanten, Anatolij Duda, einen neuen künstlerischen Leiter, den renommierten Pianisten Alexey Botvinov, und einen neuen Chefdirigenten, Alexandru Samoile. Man wollte aufbrechen zu neuen Ufern und Musiktheater europäischen Zuschnitts zeigen - mit Puccinis "Turandot", inszeniert von Christian von Götz, der mit einer ebenso brisanten wie glänzenden Neudeutung des "Capriccio" beim Edinburgh Festival 2007 Furore machte, aber auch schon Lehárs "Das Land des Lächelns" 2001 in Augsburg erfrischend neu und spannend erzählte als die Geschichte eines Sängers der Pekingoper in den Wirren der chinesischen Kulturrevolution der 60er Jahre. Doch "German Regietheater" zu zeigen, soweit wollte dann doch niemand in Odessa gehen bei der ersten Inszenierung, die einer veralteten Ästhetik ein Beispiel für optisch und interpretatorisch zeitgemäße Opern-Regie entgegenstellen sollte.