"Le Nozze di Figaro" am Theater Basel. Elmar Goerden inszeniert Mozart als stachelige Komödie
(Basel, 25. März 2010) Tier und Pflanze setzen Stacheln ein, wenn man ihnen zu nahe kommt. Dornen, Krallen, Borsten, Zähne sagen nur etwas: Bleib, wo du bist. Das gilt auch für den Menschen. Adressat dieser Botschaft ist der Feind. Das heisst manchmal auch: das geliebte Wesen. Wie formuliert es die amerikanische Schriftstellerin Carson McCullers? Liebe sei zwar ein "gemeinsames Erlebnis". Das bedeute jedoch nicht, dass sie auch ähnlich empfunden werde. Ein Schlüsselsatz für Elmar Goerden und seine Inszenierung von "Le Nozze di Figaro" am Theater Basel.
Eine Hollywood-Villa, hoch über Los Angeles. Im Garten wachsen die Kakteen. Hinter der Glasfront des schräg über den Orchestergraben gestellten Hauses treibt die Liebe seltsame Blüten. Ohne Dornen gibt's da nichts. Da werden Jünglinge zu Frauen verkleidet. Da träumen Herren von gefügigen Dienerinnen und wollen doch eine stabile Ehe. Da wird vermeintlich Ehebruch begangen, doch das heiße Begehren erweckt die eigene Gattin.
Aufgefrischt mit Naturhörnern und Barocktrompeten und in kleiner Besetzung (sechs erste Geigen) spielt das Sinfonieorchester Basel unter Mario Venzago. Mit kontrolliertem Vibrato und sprachhafter Artikulation gelingt dem vertrauten Team eine farbenfrohe "Rückeroberung" verloren geglaubten Terrains (in der Stadt gibt es mit der Schola Cantorum Basiliensis eine weltberühmte Hochschule für Alte Musik, sowie zwei Barockorchester). Das Basler Orchester zeigt sich beweglicher, als man lange annahm.
Venzago überrascht mit bisweilen außerordentlich flexiblen Tempi. Ausspielen und auskosten, expressiv verlangsamen bis zum atemlosen Stillstand - das sind Gestaltungsmittel, die wir bis jetzt mit einer romantischen Spielhaltung verbanden. In der Oper aber bewähren sie sich bestens - auch in der klassischen. Der Zugewinn ist groß. Musik muss, um lebendig zu sein, nicht nur einfach schnell gespielt werden. Gleich zu Beginn etwa, wenn Susanna und Figaro über Vor- und Nachteile des gräflichen Glockensystems ("Din, din") sinnieren, bricht bei Susanna das Tempo in dem Maße ein, wie sie merkt, dass ihr Zimmer ja nun viel näher an dem des sexuell fordernden Grafen ist - und somit die Gefahr seiner nächtlichen Besuche viel größer.
Elmar Goerdens Inszenierung betont das Komische dieser Komödie. Der Witz liegt bei ihm im Detail. Köstlich etwa, wenn in der nächtlichen Szene die Figuren an Kakteen feststecken, wenn herumliegende Haarnadeln zwingend pieksen oder Liebesbriefe als spitze Papierflugzeuge herumsegeln. Auch im Großen liefert der Bochumer Intendant und relative Opernneuling bestes Amüsement: Beim klassischen Versteckspiel in Schrank und Badezimmer, oder wenn sich erotische Träume im Rücken des Träumenden handfest manifestieren. Die vielen Mehrdeutigkeiten und Lügen, das von jedem eben so anders empfundene "gemeinsame Erlebnis" der Liebe sind für die Zuschauer offensichtlich und tragen sehr zum Vergnügen bei. Der Preis aber heisst: Verzicht auf doppelte Böden und die Schwindelperspektive seelischer Abgründe. Wenn am Schluss jeder jeden betrogen hat, hat man dafür immer noch so etwas wie den Überblick. Das muss ein "Figaro"-Regisseur auch erst einmal schaffen.
Das quirlige Ensemble macht bei der Komödie bestens mit und zeigt sich spielfreudig - auch im Singen. Zuvorderst dabei: Eung Kwang Lee und Ensemble-Liebling Maya Boog als Figaro und Susanna. Einen grundsätzlich sympathischen Grafen gibt Eugene Chan; einen, der genau zwischen Kraft und Poltern unterscheidet. Dagegen fiel Jacquelyn Wagners Gräfin etwas ab. Ihr, der großen Verzeihenden, fehlte die dafür nötige Aura.
Als Spieltalent erwies sich Franziska Gottwald in der Rolle des Cherubino. So offenherzig wie linkisch, so aufdringlich wie verzweifelt. Und, als Figur des "verflixten Pagen", erotischer Brennpunkt der Inszenierung. Mehr noch als zwischen den zwei Hauptpaaren funkt es zwischen dem hübschen Jungen und allen, die um ihn herum sind. Cherubino ist ein Lustobjekt, seine Persönlichkeit ist, zumindest vorübergehend, gestört: "Non so più cosa son', cosa faccio". Damit befindet sich Goerdens Inszenierung - Zufall oder nicht - auf der Höhe einer brandaktuellen Debatte. Benjamin Herzog
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