Die Bamberger Symphonikern unter Jonathan Nott mit Schubert-Symphonien und zeitgenössischen Reflexionen
(Dezember 2011) Der querformatige, mattglänzend schwarze, aufwendig gestaltete Schuber samt 131-seitigem Booklet ist für den Schatz von Jonathan Notts kompletten Schubert-Zyklus mit seinen Bamberger Symphonikern die rechte edle Verpackung. Er enthält nicht nur, aufgenommen zwischen 2002 und 2006, auf vier SACDs exzellente Aufnahmen der acht Symphonien, sondern auf zwei Scheiben unter den Titeln "Dialog" und "Epilog" auch zeitgenössische Reflexionen, wie sie unterschiedlicher und spannender nicht sein könnten und zum großen Teil in Bamberg uraufgeführt wurden: Luciano Berio geht in drei Sätzen von den Fragmenten einer D-Dur-Symphonie aus Schuberts letztem Lebensjahr aus und denkt sie weiter; Hans Werner Henze greift den Gestus des "Erlkönig" auf; Bruno Mantovani verarbeitet in seinem wild flackernden Bassklarinetten-Konzert die Begleitfiguren verschiedener Lieder; Aribert Reimanns nutzt 10 Instrumente für subtile "Metamorphosen des Menuetts D 600"; Wolfgang Rihms frühe Kammermusik "Erscheinung" arbeitet mit "Schubertschen Sprachfetzen"; Dieter Schnebel bezieht sich in "Schubert-Phantasie" auf die G-Dur-Sonate D 894, deren Motive instrumentiert für Bläser aus Streicherflimmern an die Oberfläche geschwemmt werden; Jörg Widmanns halbstündiges "Lied für Orchester" beginnt wie eine ins Unendliche geweitete imaginäre Schubert-Melodie und kehrt immer wieder dahin zurück; Hans Zender aber übermalt fein schraffierend verschiedene Männerchöre.
Nicht minder aufregend ist das Hörerlebnis bei Schuberts Symphonien: Die "Große" in C-Dur klingt schon im ersten Satz ungemein zärtlich (Holzbläser!), aber auch enorm trocken und unsentimental. Dann das "Andante con moto": wirklich zügig musiziert und schmerzhaft schneidend in den Fortissimo-Akzenten. Ebenfalls räumlich ungemein aufgefächert ist der vorwärtstreibende Schlusssatz: ausgelassenes Finale oder das Werk eines Getriebenen, der nur gelegentlich durchatmen kann?
Aus diesen Kontrasten ergibt sich die wunderbare Spannung von Notts Schubert, die auch die "Unvollendete" prägt. Doch hier nimmt der 48-jährige Engländer für den Kopfsatz das ganz zurückgenommen wehmutsvolle Tempo eines langsamen Walzers. So trägt dieses "Allegro moderato" noch mehr Trauerflor, als ihm bereits einkomponiert ist. Wenn sich aus den Tiefen der Kontrabässe wie eine in den Himmel wachsende Geistererscheinung eine sehnsuchtvoll ins Unermessliche gesteigerte Melodie erhebt, dann manifestiert sich endgültig der Rang dieser Gesamtaufnahme, die auch die frühe Symphonik wunderbar fein durchleuchtet. Kaum lässt sich entscheiden, welches bislang unerhörte Detail auf den Dirigenten zurückgeht oder auf die für diese Einspielung erstmals verwendete Neue Schubert-Ausgabe.
Klaus Kalchschmid