Vielschichtige Märchenwelt

CD: Gustav Mahler: Sinfonie Nr. 4
Mojica Erdmann (Sopran), Bamberger Symphoniker, Ltg. Jonathan Nott.
Tudor/Naxos 7151 (SACD)

Mahlers Vierte Sinfonie ist ein vertracktes Werk: In dieser scheinbar heiteren, ja kindlich naiv anmutenden Musik warten allenthalben gefährliche Fallstricke auf den Hörer, (fast) nichts ist so, wie es zuerst scheint - die scheinbare Idylle wird jeden Moment durch einen scharfen Akzent, ein unerwartetes Fortissimo oder äußerst seltsame Instrumentenkombinationen unterlaufen - ein doppelbödiges Vergnügen, das Raum für mannigfache Deutungsversuche bietet. In der Vergangenheit haben allzu viele Dirigenten - selbst anerkannte Mahler-Interpreten - die Vielschichtigkeit der Partitur nicht zur Kenntnis genommen, die in ihr abgebildete Märchenwelt quasi eins zu eins abgebildet und damit einen wichtigen Aspekt der Musik unterschlagen.
Nicht so der Chefdirigent der Bamberger Symphoniker Jonathan Nott: Er besitzt ein hervorragendes Gespür für die Ambivalenz zwischen Kindlichkeit, skurrilem Witz und Boshaftigkeit, die dieses Werk prägen; die grellen Farbwerte, vor allem in den Holzbläsern, werden bei ihm nicht übertüncht, sondern erst recht zum Strahlen (oder zum Grimassieren!) gebracht. Angemessen sinister kommt das Scherzo mit der um einen Ton nach oben gestimmten Sologeige daher - hier ist es wirklich "Freund Hein", der, wie von Mahler gewollt, zum Tanz aufspielt. Die Sopanistin Mojica Erdmann trifft im Lied-Finale (nach einem Text aus "Des Knaben Wunderhorn") die richtigen, feinen und glasklaren, Töne für diese hintergründige Abbildung des Paradieses. Im Kopfsatz hingegen tut der Dirigent allerdings gelegentlich des Guten zu viel, wenn er die Temporückungen arg demonstrativ gestaltet, wie um mit dem Taktstock darauf hinzuweisen, dass hier nicht alles so harmlos ist, wie es klingt.
Trotzdem: eine bemerkenswerte Interpretation.
Thomas Schulz

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