Nein! Ja! Warum nicht? Cecilia Bartoli debütiert als Norma in Dortmund
(Dortmund, im Juli 2010) Sie fühlt sich ein wenig wie Maria Malibran, die berühmte Sängerin des frühen 19. Jahrhunderts, ein Star ihrer Zeit. Deshalb versucht sich Cecilia Bartoli immer öfter im Repertoir der Malibran und erstaunt damit ihre Fans, sehen sie doch in der Römerin vor allem eine Barockinterpretin.
Aber Cecilia Bartoli will überraschen und das gelingt ihr immer wieder. Jetzt in Dortmund, im Konzerthaus, und nicht, wie man bei einem Weltstar annehmen sollte, in Mailand, Berlin, London oder New York. Nein, Dortmund und mit einem Aufsehen erregenden Debüt in Bellinis "Norma". Ein mit grosser Spannung erwartetes Debüt, für das Musikkritiker aus ganz Europa anreisten.
Dank der Aufgeschlossenheit der Konzerthaus-Direktion, die immer wieder mit Überraschungen brilliert, präsentierte sich die Bartoli in einer Rolle, die wie keine andere an den Namen Maria Callas gebunden ist. Dramatisch, fast schon weltentrückt und ungemein ernst. Und dann erst die Stimmfarbe der Callas! Das war DIE Norma, sagen Musiktraditionalisten und rümpfen schon bei der blossen Idee, dass die Mezzosopranistin Bartoli sich an diese Rolle wagt, ihre Nasen.
Doch die in Zürich lebende Italienerin hat Mut und will mit stimmlichen Stereotypen aufräumen. Vor allem mit jenen, erklärt sie in einem von ihr verfassten Text im Programmheft, der konzertant aufgeführten Oper, die erst im 20. Jahrhundert entstanden und mit der ursprünglichen Aufführungsweise im Sinn Bellinis und seiner Zeit wenig zu schaffen hat. Eine Kritik, mit der Bartoli in keiner Weise die Verdienste einer Callas schmälern will. Sie will hingegen eine philologisch genauere Norma bieten. Auch wenn sie sich damit übelster Kritik aussetzt.
Man ist daran gewöhnt, dass die Norma von einem dramatischen Koloratursopran oder einem jungen dramatischen Sopran interpretiert wird. Cecilia Bartoli ist beides nicht. Sie ist ein Mezzosopran mit einem gewaltigen Stimmbogen. Keine kräftig-laute sondern eine eher leise Stimme, was aber bei der Aufführung in Dortmund in keiner Weise störte.
Zu Zeiten Bellinis machte man noch nicht, wie es heute üblich ist, eine entschiedene Trennung zwischen einem Sopran und einem Mezzosopran. So verwundert es auch nicht, dass Mezzosopranistinnen wie Maria Malibran oder Giudetta Pasta, Stars des frühen 19. Jhdts. die Norma sangen. Mit dem Segen Bellinis.
Die Dortmunder Aufführung war insofern interessant, weil Cecilia Bartoli im ersten Aufzug nicht unbedingt überzeugend wirkte. Vielleicht lag das daran, dass man bei dieser Rolle einfach andere Stimmen im Ohr hat. Die Bartoli wirkte anfangs wie ein ins Belcanto verpflanztes Barockgewächs. So gar nicht statuarisch, wie es sich für eine typische Norma nach dem Geschmack des 20. Jahrhunderts gehörte. Man musste ein wenig lächeln, wenn sie über die Bühne ging, wütend und aufgebracht über ihren ehemaligen Geliebten Pollione. Oder wenn sie, die ganze Kraft ihrer Stimme nutzend, ein wenig breitbeinig vor dem Publikum stand. Das war keine gallische Priesterin wie aus dem Bilderbuch. Das war eine moderne Frau, die ihre Gefühle auslebte: Wut und Liebe, Eifersucht und Hass. Die ihre gefühlsmäßige Zwiespältigkeit offen zeigte.
Eine solche Interpretation bietet sich förmlich für eine moderne Regie an. Die Priesterin als moderne Frau innerhalb eines sich zeitgenössisch gewandelten Kults. Ob das die Intention der Bartoli war, wissen wir nicht. Verdienstvoll ist sicherlich ihr Versuch, die Rolle der Norma im Sinn Bellinis anders zu sehen, als wir es gewohnt sind.
Schade, dass sich die Decca nicht dazu entscheidet, diese Interpretation als CD zu produzieren. Vielleicht ändert sie ja doch noch ihre Meinung, denn hörenswert ist die Norma der Bartoli auf jeden Fall.
Auch wegen der übrigen Besetzung, die in keiner Weise der Bartoli nachstand. Thomas Hengelbrock gelang es auf meisterhafte Weise den musikalischen Reichtum der Partitur zum Klingen zu bringen.
Thomas Migge
Vincenzo Bellini: Norma
29.6. und 1.7.2010 Dortmund Konzerthaus
Norma - Cecilia Bartoli
Adalgisa Rebeca Olvera
Pollione - John Osborn
Oroveso - Michele Pertusi
Clotilde - Irène Friedli
Flavio - Tansel Akzeybek
Balthasar - Neumann-Chor
Balthasar - Neumann-Ensemlbe
Musikalische Leitung - Thomas Hengelbrock