Das Gefühl der Freiheit

Eröffnungswochenende in Duderstadt Foto: Helge Krückeberg

Die 26. Niedersächsischen Musiktage widmen sich in diesem Jahr dem Thema "Freiheit". Eindrücke von der Eröffnung. Das Programm geht bis 30. September.

(Duderstadt, Anfang September 2012) Wie eröffnet man ein Festival im Jahr 2012? "Bis jetzt gab es ein Festkonzert am Samstag abend, vorher vielleicht einen Festakt und danach einen Empfang," sagt Sabine Schormann, Direktorin der Niedersächsischen Sparkassenstiftung, beim Bummel über das Gelände des Heinz Sielmann Natur-Erlebniszentrums in der Nähe von Duderstadt am Tag der Eröffnung der "Niedersächsischen Kulturtage". "So was wie jetzt, das ist ganz neu," und blickt fröhlich in die sonnenbeschienene Szenerie.

Rund um sie herum, auf einem weitläufigen Landgut in den Hügeln oberhalb von Duderstadt, sitzen Menschen, alt und jung in legerer Kleidung, an Biertischen, plaudern, essen, trinken. An einer Theke stehen sie Schlange, um Nachschub zu holen. Das sieht eher aus wie die Rast nach einer ausgiebigen Wanderung, als die Vorbereitung auf ein Kulturereignis. Und so ist es auch: die Gäste hier auf dem Landgut an dem sonnigen Sonntag Nachmittag kommen gerade von einer über zweistündigen "Musikalischen Wanderung", auf der sie einen Teil des "Grünen Bandes" kennen lernten, das früher einmal die Grenze zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der DDR waren. 

65 Veranstaltungen an 64 Orten

65 Veranstaltungen an 64 Orten innerhalb von vier Wochen, das sind die Niedersächsischen Musiktage, ein Festival für das ganze Bundesland, 1987 gegründet und damit in diesem Jahr in der 26. Folge.

Dafür, was Sabine Schormann als "neu" beschreibt, ist Katrin Zagrosek verantwortlich, die ebenfalls neue Intendantin des Kulturfestivals in Deutschlands von der Fläche zweitgrößtem Bundesland. Katrin Zagrosek ist eine Tochter des Dirigenten Lothar Zagrosek. Sie folgte ihrer musikalischen Berufung auf der Seite der Veranstalter, arbeitete beim Theater in Freiburg, für das Festival "Ostertöne" in Hamburg und beim Festival "Wien modern" in Wien und ist mit Beginn dieser Saison Intendantin in Niedersachsen.

Mit 65 Veranstaltungen wird ganze riesige Bundesland bespielt, von der Nordsee bis an den Harz, an 64 Spielstätten, vom "Kino bis zum Kloster". "Unser Ziel ist es, Musik zugänglicher zu machen, Musikvermittlung im besten Sinn des Wortes," sagt Katrin Zagrosek im Gespräch. Sie wolle auch Menschen erreichen, die sonst nicht in Symphoniekonzerte gehen. "Ich bin überzeugt, dass live-Musik ankommt," fährt sie fort. "Man muss dafür die Thematik und die Spielstätten geschickt verbinden. Und attraltive Spielstätten gibt es hier mehr als genug."

Ein Festival für die Menschen in Niedersachsen

In erster Linie richtet sich das Festival an die Menschen in Niedersachsen, an den Orten, in denen sie leben. Deshalb findet es im September statt, wenn alle wieder zurück sind vom Urlaub. Über Gäste, die auch Interesse an den Aufführungsorten zeigen, freut man sich natürlich sehr. Denn Niedersachsen ist ein schönes Reiseland mit warmherzigen und freundlichen Menschen, die es dem Besucher leicht machen, sich zu Hause und willkommen zu fühlen.

Seit mehreren Jahren stehen die Niedersächsischen Musiktage unter einem weitgefassten Motto. So wurde bisher mit den Mitteln der Musik über Liebe, Krieg und Frieden oder Heimat reflektiert. In diesem Jahr geht es um die Freiheit - nicht ganz unaktuell nach der Wahl des neuen Bundespräsidenten und in Niedersachsen eigentlich immer aktuell: denn Niedersachsen war mehr als vier Jahrzehnte Grenzland zur DDR, von Lüneburg im Norden bis Göttingen im Süden. Viele Menschen in Niedersachsen konnten Tag für Tag sehen, wo die Freiheit endet. Und wie es sich zeigt, war auch für die Musik Freiheit ein ständiges Thema, das vom Mittelalter bis heute Komponisten und Musik-Macher beschäftigt hat.

Diese ganze Bandbreite der Freiheit in der Musik will Katrin Zagrosek hörbar machen, und sie will sie auch erlebbar machen. Das Musik-Erleben, es soll auch Ereignis sein. Und wie das geht, das führten Katrin Zagrosek und ihr Veranstaltungs-Team am ersten Festival-Wochenende vor.
Es gab ein eigenes Programmheft für das ganze Wochenende und darin war ein nicht unwichtiger Programmpunkt "festes Schuhwerk". Der Samstag und der Sonntag, 1. und 2. September, sie kreisten nicht nur um das Thema "Freiheit". Sie kreisten auch um Duderstadt, 30 km östlich von Göttingen, 20.000 Einwohner, einstige Zonenrandgemeinde, heute ein Fachwerkjuwel, das seinesgleichen sucht. In Duderstadt, in der gotischen Kirche St. Cyriakus, die mit ihren zwei Türmen von weitem schon das Stadtbild prägt, fand das Eröffnungskonzert statt: Händels Oratorium "Israel in Egypt", in einer nicht ganz alltäglichen Einrichtung.

Das Motto "Freiheit" konnte man sich erlaufen

Das feste Schuhwerk kam in den Stunden vor und am Tag nach dem Konzert zum Einsatz. Katrin Zagrosek ließ ihre Besucher, in der Obhut von Künstlern und Führern, das Umland erkunden, jenen Streifen, der heute das "Grüne Band" heißt und früher die Zonengrenze war. Erste Station: der ehemalige Grenzübergang Duderstadt - Worbis, wo sich heute das "Grenzlandmuseum" befindet. In diesem Umfeld, wo man die Abschreckungsmaßnahmen des DDR-Regimes begutachten kann, hatte der Klangkünstler Rochus Aust (www.rochusaust.de) Installationen vorgenommen, mit denen er die optischen Reize des Museums und der Grenzanlagen durch subtile akustische Informationen ergänzte und sie intensivierte. In einem der Räume wisperten viele kleine Lautsprecher Wörter wie "Großmutter", "Ur-Ur-Ur-Großmutter", "Großtante", "Ur-Ur-Ur-Großonkel". Die leise zischelnden Begriffe klangen wie der Widerhall von Befragungen durch DDR-Grenzer: Wen wolle man besuchen, welche Verwandte hat man "drüben"? 

In einem anderen Raum im Keller, dem "Kinosaal" gab es den Soundtrack zu einem Film, eine Art Wochenschau, nur ohne Film. Worte und Sätze im Befehlston. Der Genosse, der Kamerad. Das Kino im Kopf sprang an, Bilder von DDR-Aufmärschen, Paraden und Parteigenossen liefen darin ab. Schon wieder ausgetrickst. Die nächste Station dann zwei Stockwerke höher, ein lichtdurchfluteter Raum mit Blick aus großen Fenstern in die Landschaft rundum. Und darin: vier kleine Käfige mit Kanarienvögeln, die in Licht und Landschaft badeten. Ganz gewaltig, angesichts dieser kleinen eingesperrten Kreaturen, machte sich in diesem Raum der Luft und der Freiheit die Beklemmung breit, des Nicht-Hinaus-Dürfens, des Terrors der Unfreiheit. Eine sehr subtile Methode, das Gefühl zu vermitteln, das den Alltag von 16 Millionen DDR-Bürgern Jahrzehnte lang begleitete. Dann noch ein Spaziergang über den ehemaligen Grenzstreifen, zu Zäunen, Sperrgräben, Wachtürmen, den Arbeitsplätzen der Grenzsoldaten. Welchen Erfindungsreichtum, welche Ingenieurskunst die DDR aufbrachte, um Ihre Bürger im Land zu halten.
Das war eine kluge, pointierte Idee, an den Beginn des Themas "Freiheit" Erfahrungen von "Unfreiheit" zu stellen. Um so wohliger atmete man danach die Luft der Freiheit, des frei-herumfahren-Dürfens, des frei-bestimmen-Könnens, ein Gut, an das wir uns als selbstverständlich vorhanden gewöhnt haben.

Vor dem Eröffnungskonzert stand noch ein musikalisch untermalter Spaziergang durch Duderstadt unter dem Motto "Stadtluft macht frei" und dann Bewirtung durch Freunde der Musiktage, die Spezialitäten aus der Niedersächsisch-Thüringischen Region anboten, wie verschiedene Würste und den unwiderstehlichen Schmand-Kuchen. Warum dies alles so detalliert erwähnt wird? Um zu schildern, wie sich ein Festival eben über das reine Erlebnis der Musik hinaus mitteilt, wie eine Ereignis-Dramaturgie wie die in Duderstadt nicht vom künstlerischen Kern der Sache ablenkt, sondern ihm, im Gegenteil, mehr Substanz und Erinnerungsmaterial beigibt und damit die Kraft seiner Botschaft verstärkt.

Treffen der Kulturen zur Eröffnung

Das offizielle Eröffnungskonzert in der Kirche St. Cyriakus, einem Bau, der auf das 13. Jahrhundert zurückgeht, war, mit der Musik von Georg Friedrich Händels Oratorium "Israel in Egypt", ein weiterer Bericht von der Erringung der Freiheit, nämlich des Auszugs des Volkes Israel aus Ägypten. Es wurde aufgeführt von Künstlern, die sich die Freiheit genommen hatten, Händels Werk ein ganz neues Gesicht zu geben. Denn außer dem Tölzer Knabenchor und dem Orchester "Arte del mondo" auf Originalinstrumenten unter der Leitung des aus Köln stammenden Dirigenten Werner Ehrhardt musizierte in dieser Aufführung das Ensemble "Al Ol" des aus Israel stammenden Komponisten, Geigers und Oud-Spielers Yair Dalal. In seiner Musik will dieses Ensemble irakische und jüdisch-arabische Tradition mit der Musik anderer Gegenden verbinden. Aus Händels Oratorium war das Projekt "Israel in Egypt - Aus der Sklaverei in die Freiheit" entstanden. An die Stelle der Arien des Oratoriums tritt jüdische und arabische Musik, die auf den selben Texten aufbaut wie Händels Komposition. Musik in den arabischen Tonarten mit Oud, Sitar, Klarinette, Schlagzeug und Gesang. Die Wirkung des Stücks rückt damit weg von der "Kunst"-Musik zu etwas Direkterem, mit dem Ort der Auswanderung Verbundenerem. Allerdings sollten die Initiatoren des Projekts, Ehrhardt und Dalal, nicht übersehen, dass die Botschaft der arabisch-israelischen Musik beim westlichen Hörer vor allem als etwas Exotisches, als ein anderer Farbton ankommt. Was da an Zwischentönen, an Emotionen darin steckt, das bleibt Unsereinem doch weitgehend verschlossen. Eine Aufnahme des Projektes gibt es beim Label Cappriccio.

Wer sich einen Überblick über das Programm der Musiktage Niedersachsen bis zum 30. September verschaffen möchte, der rufe am besten diese Webseite auf: www.musiktage.de/nmt/konzerte/in_der_naehe/index.html. Zu unterschiedlich sind die Stile, Künstler und Konzepte, um sie zusammenfassend zu schildern. Intendantin Zagrosek empfiehlt besonders die Abende mit Klaus Maria  Brandauer, in denen der Schauspieler zusammen mit dem Piano-Duo GrauSchumacher die vom Willen zur Freiheit getriebene Existenz von W.A. Mozart erkundet (6.9. Nienburg, 7.9. Göttingen, 9.9. Lüneburg und 10.9. Oldenburg); das Konzert mit Bachs Brandenburgischen Konzerten mit Concerto Köln in der a Lasco-Bibliothek in Emden (22.9.), das Wandelkonzert durch den Weltvogelpark in Walsrode (8.9.) und das Wandelkonzert im ehemaligen Konzentrationslager in Esterwegen (15.9.) mit Kammermusik von Bach, Erwin Schulhoff und Dmitri Schastakowitsch.

Im Package Niedersachsen kennen lernen

Ideal ist solch ein Anlass auch, um einfach mal eine neue Region kennen zu lernen. Zusammen mit dem Land Niedersachsen bietet das Festival fünf Programmpakete an, die den Besucher in unterschiedliche Regionen des Landes führen. Diese Pakete werden im Rahmen des niedersächsischen Musik-Reise-Programms "Partitouren" (http://www.partitouren-niedersachsen.de/partitouren/?PHPSESSID=5bf0e477230463c9c8142fc8de558a43) angeboten und umfassen Übernachtungen und die Eintrittskarten für die Konzerte. Damit kann man die Festival-Standorte Walsrode, Göttingen, Esterwegen und Rehburg-Loccum kennen lernen. Das Argument "schlechtes Wetter" fällt mit so einem Angebot doch nicht mehr ins Gewicht, geht es doch an interessante Orte, zu netten Menschen und zu guten Konzerten.

Laszlo Molnar

Gesamtinfo unter www.musiktage.de