Yannick Nézet-Séguin dirigierte zum ersten Mal die Wiener Philharmoniker mit Mozart und Kurtág in Salzburg
(Salzburg, 30. Januar 2010) Die Finanzkrise ist nun auch in Salzburg angekommen. Nicht, weil gerade der Geschäftsführer der Osterfestspiele und der technische Direktor der Sommerfestspiele wegen des Verdachts der Untreue entlassen wurden. Sondern, weil nach Aussage einer Garderobieren-Frau im großen Festspielhaus nicht nur ein paar, sondern "viele Besucher" beim exklusiven Orchesterkonzert der Wiener Philharmoniker sich das Restgeld von 20 Cent zurückgeben lassen, wenn sie die 80 Cent für die Garderobe mit einer ein Euro-Münze bezahlen. So arg steht es also schon um die Zahlungsfähigkeit der Mittel- und Oberschicht...wahrlich erschütternd.
Vielleicht aber ist manchem dieser bemitleidenswerten Finanzkrisenopfer ja nach dem Konzert mit Mozarts Requiem und den "Liedern der Schwermut und der Trauer" von György Kurtág doch noch die Relativität des Glücksgewinns von gesparten 20 Cent aufgegangen - angesichts der letzten Dinge des menschlichen Lebens, die an diesem Abend musikalisch verhandelt wurden.
Kurtág komponierte seine sechs Chorlieder mit Begleitung durch ein kleines Instrumentalensemble zwischen 1980 und 1994 nach Texten russischer Dichter der Zaren- und Sowjetzeit von 1840 bis 1941: "hundert Jahre Ausweglosigkeit, eine inwendige Chronik der verbotenen Worte, der totgeschwiegenen Trauer, der begrabenen Hoffnungen", wie es Wolfgang Stähr in seinem wunderbaren Programmheftaufsatz formuliert hat. Kurtág vertonte die schwermütigen Texte mit einer eindringlichen, sehr differenzierten und vielgestaltigen Klangsprache für den Chor, oft a cappella, dann wieder mit sparsamen Klanggesten des Orchesters (mit vier Akkordeons) begleitet. Seufzerthematik wechselt ab mit sanft wiegenden Bewegungen, die Trost verheissen, dann aber doch nur wieder in bittere Wahrheiten münden: "Lebe noch, sogar ein Vierteljahrhundert - alles bleibt so. Es gibt keinen Ausweg" (Alexander Blok). Einige der Dichter, haben das stalinistische Unterdrückungssystem nicht überlebt, begingen Selbstmord oder landeten in Lagern. Als Kurtág mit seinem Zyklus zu Ende war, gab es diesen Staat nicht mehr. Doch die Erinnerung daran bleibt in den Menschen noch lange wach und klingt auch fort in diesen Gedichten und Liedern.
Und Yannick Nézet-Séguin dirigierte das ohne Taktstock mit konzentrierten, suggestiven Gesten. Keine Frage, der als Nachwuchsstar gerade hoch gehandelte, aus Kanada stammende Dirigent hat sich diese nicht gerade einfache Literatur mit großer Hingabe und Ernsthaftigkeit angeeignet - Kurtág, der nach der Aufführung auf die Bühne kam, dankte es ihm mit einer herzlichen Umarmung. Natürlich dankte er auch dem fabelhaft disponierten Berliner Rundfunkchor und den Abgeordneten der Wiener Philharoniker nebst Harmonium- und Akkordeonspielern.
Die eigentliche Bewährungsprobe für Nézet-Séguin folgte im Anschluß mit Mozart Requiem, den vollbesetzten Wienern und einer exquisiten Solistenbesetzung. Doch schon das einleitende "Requiem aeternam" kam ungemein breit und träge daher, wie ein langer, träger Fluss (es sang wieder der Berliner Rundfunkchor - weitaus weniger beeindruckend als bei Kurtág). Immer wieder stand das Bemühen um Schönklang vor dem Bemühen um Ausdruck und Expressivität. Existenziell war das nicht, was man hier zu hören bekam - auch die Solisten waren vor allem um sich selbst bemüht (Dorothea Röschmann, Birgit Remmert, Franz-Josef Selig). Nur Michael Schade ließ etwas von dem ahnen, worum es in dieser Musik eigentlich geht. Nézet-Séguin beschränkte sich bei seinem Debütauftritt vor dem berühmten Orchester vorsichtshalber auf die Rolle des Klangverwalters - damit kam er zwar unbeschadet durch die Partitur, in Erinnerung bleibt er damit aber nicht. Wer glaubt die Musik Mozarts bloß "verwalten" zu brauchen, der hat sich sehr getäuscht.
Robert Jungwirth