Frank Peter Zimmermann und das New York Philharmonic Orchestra unter Alan Gilbert zu Gast in Köln
(Köln, 2. Februar 2012) Dem Kölner Musikpublikum hat Zarin Mehta, Orchestermanager des New York Philharmonic und Bruder des lange Jahre bei diesem Orchester tätigen Zubin Mehta, eine besondere "Qualität des Zuhörens" attestiert. Doch gegen Husten, gerade in der jetzigen Kälteperiode, ist (fast) kein Kraut gewachsen.
Störungen anderer Art ließen vor einiger Zeit ein Kölner Solorecital von Andràs Schiff zum Eklat werden. Eine ähnliche Situation ergab sich vor knapp einem Monat in New York, als Gilbert Gustav Mahlers Neunte unterbrach, weil ein Handy die Stimmung in der Avery Fisher Hall verunstaltete (Reportagen auf Youtube). Nichts davon jetzt, Gott sei Dank, in Köln beim Gastspiel des New York Philharmonic Orchestras unter Alan Gilbert. Im Gegenteil, die Aufführung von Ludwig van Beethovens Violinkonzert mit Frank Peter Zimmermann geriet fast zu einer Weihestunde des Musizieren und gespannten Hörens.
Dabei interpretierte Alan Gilbert, nach viel Ausländerprominenz während der letzten Jahrzehnte wieder ein gebürtiger New Yorker am Pult der Philharmoniker (der letzte war Leonard Bernstein), das Werk im Grunde völlig unspektakulär, ohne die Attitüde eines "That's me". Die leisen Paukenschläge des Beginns legten zwar ein zügiges Grundtempo fest, aber auch das fiel nicht eigentlich aus dem Rahmen. Trotzdem gelang Alan Gilbert etwas, was dann doch als spektakulär zu bezeichnen wäre. Man erlebte eine Interpretation, die wunderbar in sich ruhte, souverän in einem unendlichen Atem dahinfloss, gelassen, ohne dass es an feurigem Esprit fehlte. Subtile Linearität kontrastierte mit machtvollen Steigerungen, lyrisches Verweilen (Larghetto) mit dramatischem Vorwärtsdrängen. Einzigartig in diesem Mittelsatz auch die luftige Pizzicato-Begleitung, die verschiedenen Soloimpressionen von Hörnern, Klarinette, Fagott.
Das Ganze war nicht nur, aber vor allem Klangfundament für den Solisten Frank Peter Zimmermann. Hiertorts bestens bekannt (vor einiger Zeit war er mit seinem Sohn Serge auch beim Gürzenich-Orchester zu Gast), kam er nun als Artist in Residence bei den New Yorkern (mit denen er auch kammermusikalische Auftritte absolviert) in die Philharmonie, sehr gelöst, fast humorvoll wirkend, dann aber voll ung ganzn dem ernsten Anspruch der Musik hingegeben. Technisch ohnehin makellos (bestätigt durch eine Bach-Zugabe) korrespondierte sein singuläres, emotional kontrolliertes, aber doch tief lotendes Spiel ideal mit den Klangwundern des Orchesters.
Über seine 5. Sinfonie sagte Sergej Prokofjew einmal: "Mit ihr wollte ich ein Lied auf den freien und glücklichen Menschen anstimmen, seine schöpferischen Kräfte, seinen Adel, seine innere Reinheit." Der Komponist hatte seine Heimat in den zwanziger Jahren verlassen, weil er internationalen Erfolg suchte. Künstlerische, nicht ideologische Gründe waren also dafür ausschlaggebend. "Ich für meinen Teil kümmere mich nicht um Politik. Die Kunst hat nichts mit ihr zu tun." Nach der Rückkehr in sein Vaterland sollte er es anders erfahren, ähnlich wie sein jüngerer Kollege Dimitri Schostakowitsch. Die Fünfte, geschrieben 1944, ist noch gekennzeichnet von einem stark optimistischen Zug, sie "entstand in mir und verlangte nach Ausdruck."
Das Publikum, welches den jungen Prokofjew noch als musikalischen Provokateur gebrandmarkt hatte, feierte jetzt seinen moderaten Modernismus und dessen Ausdrucksenergie. Auch in Köln fand die Sinfonie, deren Finale der Komponist sogar als volksfesthaft bezeichnete, großen Anklang. Sie fordert den Ausführenden luzides Spiel und ein hohes Maß an Virtuosität ab - für das New York Philharmonic kein Problem. Es ließ die Musik leuchten und glitzern, leichtfüßig dahin brausen. Alan Gilbert dirigierte animiert und inspiriert. Fraglos waren die Zuhörer auf den Rängen hinter dem Podium im Vorteil, weil sie den 45-jährigen Maestro sozusagen von Angesicht zu Angesicht beobachten konnten, denn seine Wachheit und Agilität ist auch optisch faszinierend.
Das finale Stück, Leonard Bernsteins "Lonely Town: Pas de Deux" aus "Three Dance Episodes from 'On the town'", war eine schöne Reverenz an Leonard Bernstein, den großen Kollegen von Alan Gilbert.
Christoph Zimmermann