Welche Musik gehört nach Neuschwanstein?

Foto: Peter Samer

Die Schlosskonzerte Neuschwanstein fanden in diesem Jahr zum 43. Mal statt. Karten dafür zu bekommen ist nicht leicht, doch musikalisch-programmatisch gäbe es einiges zu verbessern

(Hohenschwangau, 22. September 2012) Auch wenn Ludwig II. Schloss Neuschwanstein als erstes seiner Königsschlösser geplant hat, hat er es zeitlebens doch nur als Baustelle erlebt. Auch als der König 1886 starb, war die mittelalterliche Burg noch unvollendet. Ganze 172 Tage hat Ludwig II. auf dem Schloss verbracht und sich in den mit Sagen und Mythen bemalten Räumen in ein Phantasiereich von König Artus bis Parsifal eingesponnen. Der Sängersaal - ein veritabler Konzertsaal - ist neben dem Thronaal der größte Raum des Schlosses, ebensfalls reich bebildert und mit Ornamenten übersät. Kurioserweise ist dort zu des Königs Lebzeiten nie ein Ton erklungen. Seit den 30er Jahren finden jedoch im Sängersaal mit seinen rund 400 Plätzen Konzerte statt, einmal pro Jahr eine kleine Reihe - mehr ist aus konservatorischen Gründen nicht erlaubt. Die Exquisitheit des weltberühmten Ortes und das begrenzte Platzangebot für die wenigen Konzerte sorgen nahezu unabhängig von dem, was erklingt, für einen Ansturm auf die Karten. So kommt es, dass man sich bei den Konzerten eigentlich nie sonderlich um ein musikalisch-künstlerisches Profil bemüht hat. Das aber ist auch ein Grund dafür, dass man in Musikkreisen kaum etwas von den Konzerten vernommen hat. Selbst wenn - wie in diesem Jahr - die Stuttgarter Philharmoniker und das Stuttgarter Kammerorchester auftreten, bleiben Programmauswahl und Ausrichtung beliebig und austauschbar. Das schafft keine Eigentständigkeit und Unverwechselbarkeit.

Man muss in Neuschwanstein über das fehlende Profil der Konzerte nicht unbedingt traurig sein, zumal manche Besucher dem Vernehmen nach schon froh sind, wenn sie auf dem Märchenschloss nicht mit Wagner beschallt werden. Und angesichts der Besonderheit des Ortes, des besonderen Stellenwerts, den die Musik hier in nahezu jedem Raum genießt - und vor allem angesichts der enormen Bedeutung der Musik für Ludwig II. wäre ein wenig mehr Hingabe an die Programmgestaltung kein Fehler. Man könnte Musik auswählen, zu der der König einen besonderen Bezug hatte - da gibt es auch jenseits von Wagner jede Menge...
In diesem Jahr boten das Stuttgarter Kammerorchester und die Stuttgarter Philharmoniker, die als eine Art Orchester in residence fungierten, vom 15. bis zum 23. September eine bunte Mischung aus klassicher und romantischer Orchesterliteratur von Haydn über Mendelssohn bis zu Wagner, Strauss und Janacek.

Am vorletzten Abend ging es mit Haydns Sinfonie Nr. 60 - eine Zusammenfügung von Bühnenmusiken zu der Komödie "Il Distratto" ("Der Zerstreute") - und Rossinis Fagottkonzert mitunter sogar recht heiter her auf Ludwigs mystischer Sagenburg. Die Philharmoniker unter ihrem Chefdirigenten Gabriel Feltz spielten Haydns eigentümliches, voller Witz und Hintersinnigkeit steckendes Werk mit humoristischem Gespür und leichter Agogik - auch wenn die Streicher manchmal zu forciert klangen. Weniger überzeugend agierten die Musiker und ihr Dirigent bei Rossini (mit schönem Ton und virtuoser Technik Michael Roser als Solist) und vor allem bei Beethovens vierter Symphonie nach der Pause. Hier geriet doch manches arg spannungsarm, beiläufig, unmotiviert. Was einigermaßen erstaunt angesichts der herausgehobenen Stellung dieser Orchesterresidenz. Vermutlich waren es einfach zu viele verschiedene Werke in zu kurzer (Proben-)Zeit, die man hier darbot.

Ganz abgesehen davon, dass spätestens bei Beethoven die Grenze dessen überschritten ist, was dem Saal zuträglich ist. Wenn es nur noch rummst und scheppert, dann sollte eigentlich jedem klar sein, dass ein solches Werk hier nicht her gehört. Auch aus diesem Grund wäre es durchaus wünschenswert, wenn man sich bei den Neuschwansteiner Konzerten, die seit einem Jahr unter neuer Führung stehen, sich in Zukunft etwas mehr Gedanken über die Programmgestaltung machen würde - wie wär's z.B. mit verschiedenen Ensembles oder zumindest einer Mischung aus Orchesterwerken, Kammermusik und Liederabenden?...

Robert Jungwirth

25-9-2012


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