Sibirische Kälte und russisches Feuer

Anna Netrebko und Dmitri Hvorostovsky mit dem Orchester des Mariinsky-Theaters unter Valeri Gergiev auf dem Königsplatz

(München, 10. Juli 2009) Dunklen Wolken zogen in schöner Regelmäßigkeit von Westen nach Osten über den Königsplatz und verdüsterten den blauen Himmel, ballten sich gar in der Pause gefährlich über der Antikensammlung, dennoch blieb es den ganzen Abend trocken. Obwohl die sibirischen Temperaturen bewirkten, dass am Ende alle richtig durchgefroren waren, taute die lange etwas unterkühlte Stimmung endlich auf. Gerade hatte das Publikum auf dem Königsplatz noch gestutzt, dass das Ende des Duetts Silvio-Nedda aus Leoncavallos "I pagliacci" fehlte, da wurde die Bitte um einen Kuß und derselbige als erste Zugabe nachgeliefert. Dmitri Hvorostovsky und Anna Netrebko berührten sich scheu, aber lange, was wohl dank der Leinwände mit Goldrahmen links und rechts der Bühne auch in den hinteren Reihen gut zu sehen war, bevor der Bildregisseur die Großaufnahme unscharf machte und der erste wirklich tosende Applaus folgte.

War's Gatte Erwin Schrott, der - selbst exzellenter Bariton - da am Objektiv drehte? Denn die erste Hälfte des Abends war er ganz vorne rechts im Publikum gesessen und hatte seine Frau beobachtet, wie sie Liebeszenen gleich mit zwei Männern hatte. Zuerst mit dem Tenor Sergej Skorokhodov, der kultiviert und mit fein leuchtendem Timbre den Prinzen von Burgund gab, in den sich die gerade in ihrem Rosengarten erwachende Jolanthe in Peter Tschaikowskys gleichnamiger Oper verliebt. Am Ende des ersten Teils sang Netrebko dann mit Hvorostovsky das leidenschaftliche Finale des "Eugen Onegin" mit den subtilen Nuancen einer verheirateten Frau, der der Mann ihres Lebens viel zu spät einen glühenden Heiratsantrag macht. Dass Tatjana Onegin immer noch liebt und er endlich zu seinen Gefühlen steht, machten beide großartig glaubhaft. Auch Valeri Gergiev konnte dem Orchester seines Mariinsky-Theaters in St. Petersburg endlich all die Farben und Klänge entlocken, die diesem Orchester im russischen Repertoire so reich zur Verfügung stehen.

Anna Netrebko hatte mit der schweren, koloraturreichen, langen Arie der Titelpartie von Michail Glinkas "Ruslan und Ludmilla" aus dem vierten Akt begonnen. Von der ersten Sekunde an war sie präsent mit ihrem nach der Babypause größer, etwas dunkler und noch voller, sogar farbenreicher gewordenen Sopran, dessen Timbre so unverwechselbar ist.

Dmitri Hvorostovsky startete ebenfalls großartig mit der Arie des Fürsten Jeletzky aus dem zweiten Akt der Tschaikowskyschen "Pique Dame", deren vergeblichem Liebesgeständnis der Bariton bewegend Ausdruck verlieh. Dass er nicht optimal disponiert war und manchmal etwas angestrengt sang, was einzelne Töne leicht heiser klingen ließ, überspielte er auch in Graf Lunas "Il balen del suo sorriso" aus Verdis "Il Trovatore" mit perfekter Technik. So gelangen sogar berückende Piani in der Höhe. Umso enttäuschender das abenteuerliche Deutsch bei Wolframs "Lied an dem Abendstern" und wie er diese sanfte Klage des Wolfram aus dem "Tannhäuser" mit allzu viel Nachdruck in der Stimme stilistisch verfehlte. Netrebko ging es mit Richard Strauss' "Cäcilie" ähnlich und auch das Mariinsky-Orchester war in der "Tannhäuser"-Ouvertüre nicht wirklich zu Hause.

"Un bel dì vedremo" der Madama Butterfly aus Puccinis Oper allerdings offenbarte, wo Anna Netrebkos Stärken liegen. So schön und ergreifend singt das heute kaum jemand. Wehmütige Erinnerung kam auf an ihre erst kürzlich im Nationaltheater gesungene wunderbare Mimi in "La Bohème", denn die Akustik der Verstärkeranlage auf dem Königsplatz ließ doch Wünsche offen, sei es, dass Nebenstimmen in der Ouvertüre zu Verdis "La forza del destino" über Gebühr betont waren, Tutti-Schläge des Orchesters direkt auf dem Brutkorb landeten oder die drei Kontrabässe so wummerten, dass man sich in der Disco wähnte - und das auf den teuersten Plätzen ganz vorne rechts!

Vergessen war dieses gewichtige Manko allerdings bei Anna Netrebkos Zugabe "Meine Lippen, die küssen so heiß" aus Franz Lehàrs "Giuditta", mit wunderbar erotischem Feuer gesungen (und getanzt!), und dem russischen Volkslied ("Otschi tscherije - Schwarze Augen"), das Dmitri Hvorostovsky noch zum Besten gab.

Klaus Kalchschmid

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