Anna Netrebko und Daniel Barenboim mit einem russischen Liederabendevent in Salzburg
(Salzburg, 18. August 2009) Händchenhalten der Stars: Anna Netrebko und Daniel Barenboim machten den Liederabend im Großen Salzburger Festspielhaus zum Event, der schon im Januar restlos ausgebucht war. Am Montagabend nun erschienen die beiden Hand in Hand - so verließen sie auch die Bühne wieder und so verbeugten sie sich mitten in den Liedgruppen mehrmals - vor dem hochgestimmten Publikum, das nach jedem Lied seiner Begeisterung freien Lauf ließ. Die Netrebko, heuer in keiner Oper zu erleben, war da - Grund genug, sich zu freuen.
Sie macht es dem Publikum auch nicht schwer: Strahlend ungezwungen, ein bisschen rundlicher geworden, auch stimmlich voller und in eleganter Robe (war es nun altrosa, zart fliederfarben oder mauve?) nahm Anna Netrebko für sich ein. So konnte sie es wagen, nur russische Lieder - man nennt sie dort Romanzen - zu singen, die keiner verstand. Immerhin standen Texte und Aufschlussreiches im Programmheft, man konnte mit- und in der Pause sogar vorlesen.
Dass Anna Netrebko eins, zwei, drei Romanzen von Nikolai Rimski-Korsakow brauchte, um in Schwung zu kommen, die Stimme zu lockern und sicher zu intonieren, nahm ihr niemand übel. Dass Daniel Barenboim allerdings bis zum Schluss oft nur ungenau und allzu begleitend am Klavier herum nuschelte, stimmte manchen verdrießlich. Mit effektvoll inszenierten Schlussakzenten sicherte er sich dennoch die Sympathie des Publikums.
"Auf den Höhen Georgiens" schließlich kamen die beiden zusammen, umwehte sie eine Spur Geheimnis, so wie es Puschkin und Rimski-Korsakow wohl erdacht haben. In gekonntem Wechsel lockten Klavier und Stimme "Ins Reich der Rose und des Weins" (Afanasi Fet) und umgaben "Die Nymphe" von Apollon Majkow mit Poesie und Höhenglanz. Von ihm stammt auch der "Traum in der Sommernacht", den die Netrebko zur dramatischen Szene aufheizte. Kein Wunder, fand Rimski-Korsakow doch in diesem Gedicht geradezu eine Donna Anna/Don Giovanni-Szene.
Opernhaft ging es auch nach der Pause mit Peter Iljitsch Tschaikowsky weiter. Durch seine Romanzen, ebenfalls Gedichte großer, russischer Lyriker, geistert immer auch die unglückliche Tatjana ("Eugen Onegin"). Auffallend in Alexei Apuchtons schwärmerischem Gesang "Ob Tag herrscht". Anna Netrebko, nun im schwarzen, am Saum mit grünen Medaillons bestickten Gewand, schien ganz bei sich. Freier, geschmeidiger, auch eleganter entfaltete sich ihre Stimme, nahm die Höhen leichter und ließ mehr Farben spielen. "Warum?" fragte sie da mit Lew Mej (nach Heine) so eindringlich, dass sie sogar Barenboim in der Steigerung mitriss. Bei Tschaikowskys abschließender "Pimpinella" (Dichter unbekannt) scheint Richard Strauss nicht weit. Mit dessen "Cäcilie" und einem Zigeunerlied von Dvorak bedankte sich Anna Netrebko für standing ovations und schritt an der Hand von Barenboim noch einmal die Breitwandbühne ab. Im Blitzlichtgewitter.
Gabriele Luster