Kultiviertheit und Eleganz

Anna Netrebkos Liederabend in der Philharmonie bei den Berliner Festtagen - Arte sendet ihn am 18. April

(Berlin, 29. März 2010) Es ist schon seltsam: Die russischen Spätromantiker haben viele wunderbare Lieder komponiert, aber hierzulande sind sie nahezu unbekannt. Warum das so ist, darüber mag man spekulieren: Sicherlich mögen so große Liedersänger wie Fischer-Dieskau oder Elisabeth Schwarzkopf schon der russischen Sprache wegen einen Bogen um sie geschlagen haben. Hinzu kommt, dass viele dieser Stücke der Oper näher stehen als dem klassischen Kunstlied.
Die ausgewählten Lieder von Rimsky-Korsakow und Tschaikowsky, die nun Anna Netrebko und Daniel Barenboim bei den Berliner Festtagen zu Gehör brachten, sind zwar weniger dramatisch, aber dem Musiktheater ebenfalls sehr nahe in ihrem ariosen Charakter.
 
Es sind überwiegend sehr lyrische, melancholische, sehnsuchtsvolle, leicht verträumte, mitunter auch leidenschaftlich aufbrandende Serenaden, Wiegen- und Liebeslieder. Anna Netrebko besitzt alles, was diese erfordern: ein warmes, samtenes Timbre, eine schlanke Stimmführung, eine vorzügliche Pianokultur und eine russische Seele! Wie stark erinnern doch dabei vor allem Tschaikowskys Romanzen an seinen Einakter "Jolanthe", als deren Titelheldin sich Netrebko schon im vergangenen Sommer in Baden-Baden zurückmeldete.  Mehr denn je singt sie nach ihrer Babypause mit einer Kultiviertheit und Eleganz, die im Konzertsaal selten geworden ist. Diese zeigt sich vor allem bei den superben, schwebend leichten Kopftönen, noch im höchsten Register im Piano angesetzt. Anna Netrebko, sie ist die liebliche Nachtigall, die zärtlich Liebende, die personifizierte Anmut und Poesie.

Einer solchen Exklusivität steht Daniel Barenboim mit seiner vorzüglichen Anschlagskultur in Nichts nach. Der Pianist, insbesondere der Liedbegleiter Barenboim - der Eindruck erhärtet sich nach schon vorangegangenen ebenso erstklassigen Recitals mit Cecilia Bartoli - überzeugt im Subtilen doch weitaus stärker noch als am Dirigentenpult. Am Schönsten sind die magischen Momente, wenn es ganz leise wird und das Duo die Spannung über den Schlusston hinaus hält.
Nur mit ihrer zweiten Zugabe, "Cäcilie" von Richard Strauss, ist La Netrebko schlecht beraten. Da mangelt es an Farbenreichtum, Schattierungskunst und Textdurchdringung.  Zum Glück blieb es bei diesem einen Ausflug ins Reich des deutschen Kunstlieds, das ihre Sache nicht ist. Mit den russischen Liedern aber hat sie konkurrenzlos Maßstäbe gesetzt. Wie gut, dass sie diese auch mit ihrem kongenialen Begleiter auf CD festgehalten hat.
Kirsten Liese

Das Berliner Konzert wird von Arte am 18. April um 19.15 Uhr auszugsweise gesendet.