Das Nederlands Dans Theater (NDT I) gastierte mit drei Choreografien von Jiri Kylián und Lighfoot León im Festspielhaus Baden-Baden
(Baden-Baden, Mitte Juni 2008) Jiri Kylián gehört zu den prägenden Persönlichkeiten der zeitgenössischen Ballettszene. Seine Tanzsprache ist nie Selbstzweck, sondern - gekoppelt mit einer profunden Musikalität - stets Mittel zur Kommunikation. Wie überzeugend das funktionieren kann, zeigten die erstklassigen Solisten des Holländischen Tanzflaggschiffs, des NDT I in den deutschen Erstaufführungen von "Tar and Feathers" aus dem Jahr 2006 und dem bereits elf Jahre alten "Wings of Wax".
Für das den Abend eröffnende "Teer und Federn" verbannt Kylián die Pianistin Tomoko Mukaiyama in die Höhe eines auf Stelzen stehenden Flügels. Von dieser Position herab lässt sie Mozarts Klavierkonzert Nr. 9 in Es-Dur "Jeunehomme" perlen, das immer wieder von lautem Löwengebrüll übertönt werden. Überraschend dabei: Das Gebrüll scheint den aufgerissenen Mündern der grazilen, sich mit gespreizten "Fängen" sich windenden Tänzerinnen zu entspringen. In der Tat gebärden sich die drei Frauen wie wilde Tiere, impulsiv, dominant (eine von ihnen reitet stehend auf den Rücken vorwärts robbender Männer hinfort) und scheinbar gebeutelt von einer inneren Unzufriedenheit, deren Ursprung uns verborgen bleibt. Mit ihren zwei etwas elegischeren Partnern (bei ihnen können sie andocken, Ruhe finden) verbindet sie der Wunsch, etwas auszudrücken, was über ihre Lippen nicht zu kommen vermag.
In der Weite des Theaters sicher nicht von jedem Platz aus erkennbar, verziehen sie ihre Gesichter und signalisieren mit kodifizierten Hand- und Fingerbewegungen ihre Begierde nach Verständigung. Die Worte jedoch kommen - passagenweise - aus dem Off, nur teilweise verständlich dahingeraunzt und gehustet von Kylián selbst. Er rezitiert Samuel Becketts letztes Gedicht "What is the Word", das er tänzerisch in einer stark plakativ gestikulierenden Gruppe von fünf Gestalten mit Perücken, rot verschmierten Mündern und grotesken Röcken aus Luftnoppen-Verpackungsmaterial gipfeln lässt. Doch Kyliáns dramaturgischer Coup geht noch weiter. Ein schwarzer Vorhang verdeckt sowohl das verschworene Grüppchen wie das markant aufragende Klavier. Allein und verloren bleibt eine Tänzerin zurück, spult erneut Momente der Anspannung und Entspannung ab, gerät ins Rennen und sucht einen Weg, sich diskret zu verdrücken. Lautes Knallen macht ihr einen Strich durch die Rechnung. Um die schützende Kulisse zu erreichen, muss sie einen Läufer aus luftgepolsterter Folie überwinden. So menschlich kann Surreales enden!
Wie sehr Kyliáns Bewegungssprache sich in den letzten Jahren verändert, ja regelrecht in die Körper seiner Tänzer hineinverdichtet hat, offenbart sein "Wings of Wax". 1997 uraufgeführt, ist die Linie der Schritte und Armschwünge, des sich Umfassens und Umspielens hier noch wesentlich klarer, weicher und raumgreifender. Blickfang der zu vier Stücken von Heinrich Ignaz Franz Biber ("Passacaglia für Solovioline"), John Cage ("Prelude for Meditation"), Philip Glass ("Streichquartett Nr. 5", 3. Satz) und Johann Sebastian Bach ("Goldberg-Variationen", Nr. 25 in g-Moll, arrangiert für Streichtrio) wunderbar dahin fließenden Choreografie ist ein riesiger Baum, der - die kahle Krone nach unten gerichtet - vom Schnürboden herab hängt. Umkreist wird er von einem Scheinwerfer, dessen Licht, einem Planetensystem gleich, für immer wiederkehrende Schatten-Nuancen sorgt.
Fast zögerlich lösen sich die acht Tänzerinnen und Tänzer in ihren weinroten bzw. schwarzen Ganzkörpertrikots aus der Dunkelheit, um im warmen Licht zu Paaren zu verschmelzen und in unterschiedlichen Gruppierungen, kurzen Soli, Duetten oder Trios das melancholische Largo der Musik bzw. ihre sich beschleunigende Virtuosität auszukosten. Eine Atmosphäre von Gefahr, wie sie der Titel, auf Ikarus mit seinen Schwingen aus Wachs anspielend, suggeriert, macht sich kaum breit. Dafür mündet das behutsame Erforschen und Erobern der leeren Bühnenweite in die innige Umarmung eines Paares, das ins erlöschende Licht unter der Baumkrone getaucht die zurück geneigten Köpfe immer wieder aufeinander zu kreisen lässt.
Ein viel bejubeltes Bekenntnis zu (den auch düsteren Seiten von) Liebe und Leben, dem ein - ganz Kylián anverwandtes - Stück des um eine "Signing Off", das Tod und Abschied thematisiert, trägt autobiographische Züge und datiert aus dem Jahr 2003, als die beiden Tänzer Paul Lightfood und Sol Léon ihre Festanstellung am NDT kündigten. Heute zählen sie zum festen Choreografenstamm des Ensembles. Getragen wird das Stück vom singenden Melos der ersten beiden Sätze aus Philip Glass' Konzert für Violine und Orchester.
Eine Tänzerin, ganz in weiß gekleidet, beginnt in der Bühnenmitte zu tanzen. Doch ein sich zuerst senkender, dann wieder aufsteigender Vorhang raubt uns kurzzeitig die Sicht - bis wir an ihrer statt einen Tänzer in grau-schwarzem Anzug sehen. Ein erstes Mal binnen der folgenden zwanzig Minuten durchschreitet er die Tiefe der Bühne, gibt den Platz frei für drei Männer in weißen Hosen, die er - ebenso wie die beiden Frauen - nach und nach zu Entscheidungen zwingt. Dazu mischt er sich in ihre Formationen, anfangs kaum wahrnehmbar, dann als Partner eines jeden der Solisten (berührend schön dabei: die Idee des Schwarz-Weiß-Kontrastes). Flexible Stellwände und zwei riesige schwarze Seidentücher, die im Luftzug lodernd zu Wasserfällen mutieren (Ausstattung: Lightfood Léon), verstärken die Sogwirkung des sich ständig wandelnden Bildes. Doch im Gegensatz zu Kyliáns zwei Arbeiten verschwimmen dessen Umrisse, sobald seine Interpreten ins ungewisse Nichts verschwinden. Unfassbar - und doch ein Erlebnis der besonderen Art.
Vesna Mlakar