Neeme Järvi dirigiert in München Tubin, Nielsen und Dvorak
(München, 29. Februar 2008) Seit Beethoven sind fünfte Symphonien mit einer besonderen Bedeutung aufgeladen. Schicksalssymphonie wird die Fünfte des großen Klassikers ja auch gerne genannt. Eine solche Schicksalssymphonie komponierte auch der Este Eduard Tubin 1946, kurz nach seiner Emigration aus dem von sowjetischen Truppen besetzten Estland nach Schweden.
Ähnlich wie in mancher Schostakowitsch-Symphonie - Tubin war ein Zeitgenosse Schostakowitschs - wird auch in Tubins Fünfter eine bedrohliche Atmosphäre durch insistierende Marschrhythmen deutlich. Eine unheilvolle Atmosphäre von Militarismus, Unfreiheit und Angst. Als Gegenentwurf zu dieser Klangwelt ist der zweite Satz komponiert, der in seiner lyrischen Ausprägung unter Verwendung eines estnischen Volkslied verklärenden Rückblick und hoffnungsvollen Ausblick gleichermaßen darstellt.
Der estnische Dirigent Neeme Järvi, der sich seit vielen Jahren für das kompositorische Schaffen seines Landsmanns Eduard Tubin einsetzt, hat das Werk jetzt mit dem Symphonieorchester des BR aufgeführt - und beide demonstrierten eindrücklich, welch sinfonische Klasse dieser Komponist besitzt. Absolut zu unrecht ist diese Fünfte kaum bekannt, dabei steht sie neben den Schöpfungen Schostakowitschs nahezu gleichrangig was Komplexität, Tiefe und kompositorische Meisterschaft anbelangt. Ein in jedem Satz faszinierendes Werk, das die BR-Symphoniker mit vibrierender Spannung und Eindringlichkeit aufluden.
Die Aladin-Suite von Carl Nielsen eröffnete den Abend. Ein virtuoses und effektvolles Stück, zusammengestellt aus einer fürs Theater geschriebenen Bühnenmusik. Hier zeigt sich die mitunter etwas gering geachtete Meisterschaft dieses großen dänischen Komponisten, der auch der dänische Beethoven genannt wird. Nach allen Regeln eines Erfolgsstücks vom Dirigenten und dem Orchester präsentiert.
Nicht mit heißer Nadel gestrickt, sondern mit heißem Cellobogen gestrichen wurde Dvoraks Cellokonzert, nachdem für den plötzlich erkrankten Truls Mork von jetzt auf später Johannes Moser eingesprungen war und die Liveübertragung rettete (nachdem das Konzert am Donnerstag ohne Dvorak auskommen mußte). Moser hielt sich trotz kleiner Unsicherheiten, die gar nicht zu vermeiden waren, überaus wacker, überzeugte vor allem im langsamen und im Schlußsatz mit tief empfundener Ausdrucksstärke. Ein beeindruckender Konzertabend, der mit dem zugegebenen Andante Festivo von Sibelius einen ebenso ungewöhnlichen wie bewegenden Abschluss fand. Mit Neeme Järvi war einer der großen alten charismatischen Dirigenten zu erleben, die keine äußerliche Show brauchen, um Tiefe, Ausdruck und Intensität zu evozieren.
Heinrich Grün