An die Grenze und weiter

Kent Nagano Foto: Bayerische Staatsoper

Der bayerische GMD Kent Nagano über die bevorstehende Eröffnung des renovierten Cuvilliéstheaters mit der Premiere von Mozarts "Idomeneo" am 14. Juni.

Was bedeutet es für Sie, Mozarts "Idomeneo" an dem Ort zu dirigieren, an dem die Oper uraufgeführt wurde?

Ein Werk wie Idomeneo am Uraufführungsort zu dirigieren, an jenem Ort, für den es komponiert wurde, ist etwas sehr seltenes und besonderes. Vor allem, wenn dieser Ort so außergewöhnlich ist wie das Cuvilliés-Theater, ein wunderschönes Rokkoko Theater, vielleicht sogar das schönste Theater der Welt. Es ist sehr bedeutsam für mich, bei der Wiedereröffnung des Theater nach der langen Renovierung dabei sein zu können. Mozart versuchte mit der Komposition des "Idomeneo", ein Auftragswerk für Kurfürst Karl Theodor, eine Anstellung in München zu bekommen. München war eine von Mozarts bevorzugten Städten. Er liebte die künstlerische Atmosphäre in der Stadt und er wußte auch sicher von ihrer bedeutenden musikalischen Tradition. Mit vielen Musikern der Hofkapelle, die Karl Theodor von Mannheim mitgebracht hatte, war er befreundet. Und er schätzte nicht nur die musikalische Kompetenz und das Wissen der Adeligen, sondern auch jene Leuten, die nach Wegen suchten, ihn durch eine Position bei Hof in München zu halten. Ich sehe die Möglichkeit, an diesem "Idomeneo" mit meinen Musikern, die ja Nachfahren der früheren Hofkapelle sind, auf eine neue Weise zu arbeiten, die etwas einzigartiges hervorbringt, und es ist ein wertvolles Geschenk für mich, diese Produktion dirigieren zu können.

Warum haben Sie "Idomeneo" gewählt?

Es kam von Anfang an kein anderes Werk in Frage. Alles sprach für dieses Werk, nicht nur aufgrund seiner Originalität, sondern auch wegen seiner außerordentlichen Qualität und dem hohen Stellenwert, den es im Opern-Repertoire besitzt.

Was ist die Lesart der Münchner Aufführung?

Der Regisseur der Oper, Dieter Dorn, ist der Intendant des Münchner Residenztheaters. Dorn hat in den vergangenen Jahren zwei der drei Da Ponte Opern an der Staatsoper inszeniert und dabei eine faszinierende und außergewöhnliche Sensibilität für die Emotionalität und Psychologie von Mozarts Figuren gezeigt.
"Idomeneo" ist ein komplexes Drama über die menschliche Natur mit der Formung durch Mozart. Das Drama entwickelt eine besondere Kraft und Faszination. Das ist die große Herausforderung in dieser Produktion. "Idomeneo" bringt einen an die Grenze dessen, was ein Drama schildern kann und darüber hinaus.

Gibt es Kürzungen?

Wir werden die Oper ungekürzt spielen, inclusive der Ballettmusik. Das gibt der Aufführung eine zusätzliche Dimension, die diese Oper zu eine wahren Festspielaufführung macht.

Warum gibt es so wenig Vorstellungen dieser Produktion? Viele, die dieses Werk gerne sehen möchten, werden Schwierigkeiten haben, Karten zu bekommen.

Unglücklicherweise ist die Sitzplatzkapazität in dem Theater sehr beschränkt. Sicher werden viele die Vorstellung nicht im Theater sehen können, aber sie können die Premiere live mit einer Stunde Verzögerung im Bayerischen Fersehen sehen. Wir werden sicher auch Möglichkeiten finden, die Oper in den kommenden Jahren mehrmals aufzuführen, um so möglichst vielen Besuchern, die Gelegenheit zu bieten, sie zu sehen.

Mit der Wiedereröffnung des Cuvilliéstheaters hat München ein weiteres Theater. Wie wollen Sie es nutzen? Haben Sie schon Ideen, welche Aufführungen dort stattfinden werden?

Es gibt viele Gründe, warum eine regelmäßige Bespielung des Theaters nicht möglich sein wird, abgesehen von den finanziellen. Aber es wird bei bestimmten Gelegenheiten möglich sein, und wir denken über diese Gelegenheiten gerade nach. Natürlich sollte dieses wunderbare Theater für Musiktheater genutzt werden, aber man sollte es auch nicht zu oft tun, damit es immer etwas Besonderes ist. Es verlangt ganz besondere Inszenierungen, und die benötigen Zeit. Man könnte es eine Art Festspielhaus nennen, aber mit eigenen Gesetzen.

Interview: Franco Soda