Bettina Ehrhardt hat einen Film über Kent Nagano und sein Montreal Symphony Orchestra gedreht - er ist jetzt im Kino zu sehen
Es gibt da diesen Moment in Bettina Ehrhardts Film, wenn Kent Nagano mit einigen Musikern aus dem Montreal Symphony Orchestra am Meer im Inuit-Dorf Nunavik spazieren geht und über die Stille philosophiert. Der Dirigent ist fasziniert von der völligen Abwesenheit störender Geräusche, die man im hohen Norden erleben kann. "In diesem Kontext absoluter Stille gewinnt ein Vogelruf plötzlich eine ganz andere Qualität", sagt er. Diese Szene sagt viel aus über den Musiker und Menschen Kent Nagano, der in einem kleinen, abgeschiedenen Dorf an der kalifornischen Pazifikküste aufwuchs und - bei aller polyglotten Gewandtheit - doch ein sehr kontemplativer, aus der Stille lebender Mensch geblieben ist. Vielleicht erklärt das auch, weshalb es mit Nagano und München letzten Endes nicht klappen wollte. Das laute, manchmal auch "kracherte" Millionendorf und der stille intellektuelle Kosmopolit waren letzten Endes wohl doch zu verschieden.
Seine künstlerische Heimat gefunden hat Nagano stattdessen an einem Ort, der wie prädestiniert für ihn erscheint: im kanadischen Montréal in der Provinz Québec. Dort, am Kreuzungspunkt von Alter und Neuer Welt, von anglophonen und frankophonen Traditionen, von der Unberührtheit des Nordens und der Geschäftigkeit der amerikanischen Ostküste, im Nirgendwo und Überall, hat sich zwischen Kent Nagano und dem Montreal Symphony Orchestra eine künstlerische Freundschaft entwickelt, die die Dokumentarfilmerin Bettina Ehrhardt in "Kent Nagano - Montreal Symphony" sympathisch eindrücklich festgehalten hat.
Ein Jahr lang hat Ehrhardt Orchester und Dirigenten bei besonderen Gelegenheiten begleitet - bei der Tournee ins Inuit-Dorf, beim Konzert vor 15. 000 Zuhörern im Eishockeystadion, bei der Aufführung von Messiaens Mammut-Oper "Saint François d'Assise", bei Mahlers "Lied von der Erde" in Paris. Herausgekommen ist ein kontemplativ-assoziativer Bilderbogen, der vor allem den Dirigenten Nagano in den Mittelpunkt rückt. Hier beginnt man - eher als im lauten München - zu verstehen, was Naganos Größe ausmacht: sein subtiles Gespür fürs Klangewebe, seine undogmatische Offenheit - in den Kehllauten der Inuits entdeckt er ebenso Musik wie im Geplapper des Morning-Man einer kanadischen Radio-Show - und sein besonderer Zugang zu Musik, die sich dem Transzendenten öffnet. Die Ausschnitte aus dem konzertanten "Saint François d'Assise" lassen für die von Nagano geleitete Münchner Festspielpremiere in diesem Jahr Großes erwarten.
Unbeleuchtet bleiben dagegen Naganos übrige künstlerische Stationen - die Bayerische Staatsoper findet nicht einmal Erwähnung, ebensowenig die Geschichte des kanadischen Orchesters und seiner früheren großen Chefdirigentenpersönlichkeiten wie Zubin Mehta oder Charles Dutoit. Im Vergleich zum Berliner Philharmoniker-Film "Trip to Asia" vermisst man zudem einen tieferen Einblick in die Orchester-Psyche, in die Abgründe des Musiker-Daseins, in den Stress der Perfektion. Bettina Ehrhardt hat weniger einen Film über ein Orchester als das Porträt eines feinsinnigen Menschen und Musikers gedreht, der hier ausführlich zu Wort kommen darf. Sein Ende findet der Streifen mit einem von Christian Gerhaher berührend gesungenen "Abschied" aus Mahlers "Lied von der Erde", den Nagano so sphärisch ins Nichts verebben lässt, wie es wohl nur ein Dirigent kann, der die Schönheit der Stille zu lieben weiß.
Markus Schäfert