Die Bayerische Staatsoper präsentiert eine blamable Neuinszenierung von Verdis "Nabucco"
(München, 28. Januar 2008) Nein, nicht "Ernani" oder "I due foscari", "Giovanna d'arco" oder "Attila", die seit Menschengedenken nicht am Münchner Nationaltheater auf die Bühne kamen, "Nabucco", der Publikumsrenner in den Arenen dieser Welt, Verdis dritte Oper also und sein Durchbruch musste es unbedingt wieder sein - nach Pet Halmens Inszenierung in den 90ern. Wenn man schon den frühen Verdi als Programmschiene wählt, dann sollte man - nach dem Start mit einer in jeder Hinsicht aufregenden "Luisa Miller" in der Version von Claus Guth vor einem Jahr - doch die Raritäten spielen. Oder zumindest mit einer ungewöhnlichen, spannenden Aufführung beweisen, warum es genau dieses und kein anderes Stück sein musste.
Doch weit gefehlt! Denn abstrakt und überzeitlich wollte Yannis Kokkos die Geschichte der unterdrückten Hebräer und des größenwahnsinnigen Babylonier-Königs Nabucco inszenieren. Dafür schuf er ein Bühnenbild aus perspektivisch sich verkürzenden, horizontal und vertikal verschieb- und von innen beleuchtbaren Kästen, in denen man ein Dutzend anderer Opern spielen könnte. Dazu entwarf er ebenso neutrale Kostüme. Wahlweise kombinierbar: schwarzer Anzug, Lederkluft, Stiefel und goldschimmernde Hemden und Mäntel. In dieser Ausstattung ereignete sich jedoch keine Inszenierung, sondern sah man allenfalls dekorativ gestellte Bilder mit beliebigem Stehen, Schreiten oder Hasten. Braucht man dafür sechs Wochen Probenzeit?
Wenn es als Ausgleich für schlüssiges Musik-Theater wenigstens ein Sängerfest gegeben hätte! Aber Paolo Gavanelli als Nabucco klingt mittlerweile nur noch schön, wenn er leise singt, alles andere wirkt forciert, die Stimme beginnt zu zittern und verliert jegliche Fokussierung. Auch Maria Guleghina in der Rolle der ihre Machtgeilheit in aberwitziger Virtuosität versprühenden Abigaille hatte nicht ihren besten Tag. Die Russin verfügt zwar immer noch über ein beeindruckend dramatisches Material, das aber in den mit allzu viel Kraft gesungenen Spitzentönen an Rundung einbüßt. Giacomo Prestia als Zaccaria, Hohepriester der Hebräer, war als Sänger wie Schauspieler ein Ausfall. Bleibt das Liebespaar der Oper, dem freilich nur Nebenrollen zugestanden sind: Alexandrs Antonenko - dieses Jahr Otello in Salzburg - als Ismaele, Neffe des hebräischen Königs, und Daniela Sindram als Fenena, Tochter Nabuccos. Antonenko überzeugte weitgehend mit etwas verhalten leuchtendem Tenor-Schmelz, Sindram mit leicht geführtem, vielleicht etwas farbarmem Sopran.
Im "Nabucco" spielt die Hauptrolle das Volk und Münchens Staatsopernchor bot eine solide, wenn auch nicht immer überragende Leistung; der berühmte Gefangenenchor allerdings gelang faszinierend subtil artikuliert, warm strömend, schlicht zu Herzen gehend!
Wäre nicht das Staatsorchester unter Paolo Carignani, der Abend geriete zum größten Flop, den sich die Staatsoper seit langem geleistet hat. Denn der Italiener - bis zum Ende dieser Spielzeit Generalmusikdirektor in Frankfurt und schon mit Verdi ("Don Carlo", "Traviata", "Forza") erfolgreicher Gast an der Staatsoper - hält die Fäden straff in der Hand. Er lässt trotz Verve und Durchschlagskraft nie lärmen, und das Staatsorchester zieht mit Präzision im Spiel und gut ausbalanciertem Klang inspiriert mit. Schwebend klingt Kammermusikalisches wie das Quartett aus Kontrabass, Cello, Englischhorn und Flöte beim letzten Auftritt Abigailles, die sich aus Reue über ihre Intrigen am Ende vergiftet.
Klaus Kalchschmid