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Erstmals Tage jüdischer Musik in Mecklenburg-Vorpommern


Ein fast vergessenes Kapitel der Geschichte und Gegenwart Mecklenburg-Vorpommerns wollen die Internationalen Tage jüdischer Musik aufschlagen: Vom 12. bis 14. Dezember 2016 lädt die erstmals stattfindende Veranstaltungsreihe ein, jüdisches Leben, Musik und Geschichte in MV an Originalschauplätzen – den restaurierten Fachwerksynagogen von Stavenhagen, Hagenow und Röbel – zu entdecken. Besucher erwarten hochkarätige Konzerte u. a. mit Ur- und Erstaufführungen ehemals verfemter jüdischer Komponisten, gespielt von David Geringas (Violoncello), Jascha Nemtsov (Klavier), Avitall Gerstetter (Gesang & Band), dem Diplomatischen Streichquartett Berlin u. a. Eine Lesung und Führungen mit Alfred Grosser, Manfred Osten und Robert Kreibig vertiefen das Thema. Die Veranstaltungsreihe wird vom Auswärtigen Amt unterstützt. Der Kartenverkauf startet am 26. November in örtlichen Vorverkaufsstellen.
 
Thomas Hummel, Intendant des Usedomer Musikfestivals: „Beim Usedomer Musikfestival gedenken wir seit 2009 mit unseren jährlichen Synagogenrundfahrten der Geschichte und Musik der Juden in Mecklenburg-Vorpommern. Mit den ‚Internationalen Tagen jüdischer Musik' wollen wir dieses Anliegen nun vertiefen. Wir wollen ein Schlaglicht auf die architektonischen Kleinode der Synagogen und die unbekannte jüdische Geschichte in den Dörfern unseres Bundeslandes werfen. Ein besonderer Dank gilt damit auch den Helfern, Unterstützern und Vereinen, die sich für den Aufbau der Synagogen einsetzen".

Mitte des 19. Jahrhunderts lebten in der Region Pommern und Mecklenburg über 8000 Juden. Ihre Deportation in Deutschland und später in ganz Europa begann 1938 in Pommern. So brannten während der Pogromnacht im November 1938 auch in vielen Städten MVs die Synagogen: in Alt-Strelitz, Güstrow, Neubrandenburg, Rostock, Schwerin, Stralsund, Anklam, Pasewalk, Torgelow sowie im heute polnischen Stettin und Swinemünde. Nach dem Krieg blieben schließlich nur noch knapp 100 jüdische Einwohner auf dem Gebiet des heutigen Mecklenburg-Vorpommern übrig. Heute kümmern sich zahlreiche Initiativen, wie der Verein Alte Synagoge Stavenhagen, der Verein Land und Leute in Röbel oder der Freundeskreis Hagenower Museum e. V. um Erhalt, Pflege und kulturelle Belebung der alten Bauten. Die hochkarätig besetzen Konzerte der „Internationalen Tage jüdischer Musik" laden ein dieses weitestgehend unbekannte Erbe zu entdecken.
 
Am Montag, den 12.12. um 19 Uhr eröffnen der international renommierte litauische Violoncellist David Geringas und der Pianist und Experte für jüdische Musik Jascha Nemtsov in der Synagoge Stavenhagen. Im Konzert erklingen Werke von Max Bruch, Ernest Bloch und Mieczysław Weinberg. Ein besonderes Highlight wird die Uraufführung eines neuentdeckten Sonatenfragments des im sogenannten Dritten Reich verfemten und nach dem zweiten Weltkrieg vergessenen jüdischen Komponisten Walter Braunfels sein, sagt David Geringas: „Wir freuen uns sehr, dass wir in Stavenhagen dieses völlig unbekannte Stück aufführen können. Braunfels war in den 20er Jahren eine Berühmtheit und wurde dann von den Nazis aller Ämter enthoben. Das Fragment, scheinbar ein Frühwerk, ist ein Glücksfund und erinnert im Stil an Musik von Johannes Brahms." Dass der international herausragende russische Pianist Jewgeni Kissin auch komponiert, ist wenig bekannt. Besucher erleben die deutsche Erstaufführung seiner Sonate für Violoncello und Klavier.
 
Von Ausschwitz nach Jerusalem mit Alfred Grosser (Paris)

Dem hochkarätigen Konzert schließt sich eine moderierte Lesung am Dienstag, den 13.12. mit dem deutsch-französischen Publizisten und Politologen Alfred Grosser in der Synagoge in Hagenow an. Im Mittelpunkt des Abends steht ab 19 Uhr sein 2009 bei Rowohlt erschienenes Buch „Von Auschwitz nach Jerusalem. Über Deutschland und Israel". Der 91-jährige gilt als Vordenker des Elysee-Vertrags und hat sich seit der Nachkriegszeit für die deutsch-französischen Beziehungen eingesetzt. Im Gespräch mit dem Autor Manfred Osten folgt er den Spuren der Juden nach dem Holocaust in Europa. Zur Lesung spielt das Diplomatische Streichquartett Berlin Werke von Fanny Mendelssohn-Hensel und Erwin Schulhoff. Am gleichen Tag präsentieren Emilia Lomakova (Cello) und die Noga-Sarai Bruckstein (Violine) 9.30 Uhr u. a. Werke von Toch, Kreisler, Massenet, Vasks und Bock in der Synagoge Stavenhagen.
 
Jüdische Lieder und Geschichten

Den Abschluss der Veranstaltungsreihe bildet am Mittwoch, den 14.12., 19 Uhr ein Konzert mit Deutschlands erster jüdischer Kantorin. Mit ihrer Band singt und spielt sie jüdische Lieder von Bey mir bist du sheyn über Momele bis Yide'l mit n' del. Der Initiator der Rettung der Synagoge in Röbel, Dr. Robert Kreibig führt 18 Uhr mit einem Vortrag zur Geschichte der Juden in Mecklenburg durch das neu erbaute Gotteshaus und auf das Konzert zu. „Das heute die Synagogen in Stavenhagen, Röbel und Hagenow erhalten sind, verdankt sich insbesondere regionaler Initiativen. Sie haben sich oftmals gegen Widerstände für ihren Erhalt eingesetzt, wollen Geschichte lebendig erhalten und die Häuser mit Kultur beleben", freut sich der engagierte Denkmalpfleger auf die neue Veranstaltungsreihe, der die Gotteshäuser ihre Pforten öffnen.
 
Informationen und Karten unter 038378 34647 oder www.usedomer-musikfestival.de in allen in allen örtlichen Vorverkaufsstellen und über
2.500 Vorverkaufsstellen mit dem Ticketportal reservix.de

Veranstaltungsübersicht
 
Montag
 12.12.16 | 19:00 Synagoge Stavenhagen
Eröffnungskonzert
David Geringas, Violoncello
Jascha Nemtsov, Klavier
 
Max Bruch: Kol Nidrei op. 47

Ernest Bloch: Méditation Hébraïque

Walter Braunfels: Sonatensatz (Weltpremiere)
Jewgeni Kissin: Sonate (Deutsche Erstaufführung)
Mieczysław Weinberg: Sonate Nr. 2, op. 63
 
Bustransfer (für 15 Euro) von der Insel Usedom (Hinfahrt 16:00 Uhr Maritim Hotel Kaiserhof, Seebad Heringsdorf / 16:30 Uhr Schloss Stolpe; Rückfahrt im Anschluss)
 
Dienstag
13.12.16 | 09:30 Synagoge Stavenhagen
Junge Meister am Morgen
Emilia Lomakova, Violoncello
Noga-Sarai Bruckstein, Violine
 
Werke von Ernst Toch, Fritz Kreisler, Jules Massenet, Pēteris Vasks, „If I were a rich man" aus dem Musical Fiddler on the roof von Jerry Bock und jüdische Lieder
 
Dienstag
 13.12.16 | 19:00 Synagoge Hagenow
Von Auschwitz nach Jerusalem
 
Lesung mit Prof. em. Dr. h. c. Alfred Grosser, moderiert von Dr. mult. Manfred Osten, und Musik mit dem Diplomatischen Streichquartett Berlin
 
Fanny Mendelssohn-Hensel: Streichquartett in Es-dur
Erwin Schulhoff : Fünf Stücke für Streichquartett, WV 68
 
Mittwoch 14.12.16 | 18:00 Synagoge Röbel
Führung mit Dr. Robert Kreibig durch die Ausstellung „Die Geschichte der Juden in Mecklenburg"
 
Mittwoch 14.12.16 | 19:00 Synagoge Röbel
Jüdische Lieder und Geschichten