Derwische tanzen im Dreivierteltakt

Über den Dächern von Hitzacker Foto: Musiktage Hitzacker

Die 64. Sommerlichen Musiktage Hitzacker beginnen mit Cellosonaten von Beethoven, Klaviertrios, türkischer und Tanzmusik

(Hitzacker, 25. Juli 2009) Schon die einstündige Busfahrt von Lüneburg Richtung Südosten durch wunderbare Natur, an alten Fachwerkhäusern und Bauernhöfen vorbei und über klitzekleine Weiler stimmt perfekt ein auf das herrlich abgeschiedene 5000 Seelen zählende, 750 Jahre alte Dorf Hitzacker. Seit Jahren, vor allem aber durch seinen jetzigen Leiter Markus Fein, ist der Ort eine erste Adresse für exzellente Kammermusik in klug thematisch gebauten Programmen.

"Europa" lautet dieses Jahr das Motto und schon die beiden ersten Konzerte wurden diesem Thema auf ganz eigenwillige Weise gerecht. Am Nachmittag spielten Nicolas Altstaedt und José Gallardo drei Cello-Sonaten von Ludwig van Beethoven, gespiegelt in drei zeitgenössischen Klaviertrios, die sich die Europa-Hymne Beethovens, also das "Freude schöner Götterfunken" zum Thema gemacht hatten. Am Abend trafen Deutsche Tänze von Mozart und Beethoven auf klassische türkische Musik dieser Zeit, die den Brückenschlag der Kulturen wagt. Dass dabei Carolina Agüero und Yaroslav Ivanenko vom Hamburger Ballett zwei Sufi-Tänzer auf der Bühne ablösten, war ein wunderbarer Moment eines herrlich heiter gelösten Abends.

Doch zurück zum Eröffnungskonzert: Wie Nicolas Altstaedt und José Gallardo Beethoven spielen, das klingt, in Abwandlung eines Kleist-Zitats, wie die "Verfertigung musikalischer Gedanken beim Spielen"; als ob Beethoven diese Verläufe, dieses subtile Mit- und Gegeneinander gerade komponiere. Nicht nur die Piani sind von einer gläsernen Durchsichtigkeit, einer Zartheit, dass das vor allem bei den beiden späten Sonaten zu unerhörten Entdeckungen führt. Wohl selten hört man strukturelle Details, die Logik einer Phrase, einer kompositorischen Entwicklung so deutlich wie hier. Selten ist wohl auch das "Allegro fugato", die veritable Fuge am Ende des op. 102/2 so klar strukturiert, so durchhörbar wie hier.

Wie sehr der 27-jährige Altstaedt aus der Musik denkt, wird auch daran deutlich, dass er sich wenig darum schert, ob sein schönes altes Instrument bei heftiger Attacke schon mal um des Ausdrucks willen etwas an Klang verliert. Dem Argentinier Gallardo gelingt am Flügel eine geradezu symbiotische Vereinigung mit der Cellostimme, ein Aufeinanderhören und -reagieren und er vermag mit einer solchen Differenzierungskunst und Anschlagskultur zu spielen, dass noch der heftigste Akzent derart abgefedert ist, dass jeder Ton, jeder Akkord immer rund und körperhaft klingt, von perfekt modulierten Läufen ganz abgesehen.

Drei kurze Klaviertrios von jungen Komponisten aus Deutschland (Benjamin Scheuer, geb. 1987), Norwegen (Eivind Buene, geb. 1973) und Island (Gunnar Karel Másson, geb. 1984) waren als Block zwischen die Beethoven-Sonaten gefügt. Aggressiv, wild, kapriziös und mit einem kleinen Originalzitat schließend die "Rhapsodie über die Europa-Hymne" (Scheuer); leise, getragen, voller versprengter Töne das "Wer träumt" (Buene); sehr locker, auch mit Jazz-Anklängen ein "pú skalt efla" betiteltes Stück, das mit der Skandierung dieser drei Worte durch die drei Damen des Boulanger Trios begann. Karla Haltenwanger (Klavier), Birgit Erz (Geige), Ilona Kindt (Cello) spielten die drei Stücke phänomenal gut.

Ein Walzertraum zwischen Orient und Okzident

Abends dann das Kontrastprogramm: Der "Osmanen"-Walzer von Josef Lanner und Deutsche Tänze (also Ländler und Walzer) von Mozart und Beethoven wurden im Wechsel mit Musik von Dede Efendi (1778-1846) vom türkischen Ensemble Sarband und dem Ensemble Resonanz gespielt, teils getrennt, teils gemischt. Leider war das, was Mustafa Dogan da auf Türkisch sang, für einen dieser Sprache nicht Mächtigen kaum zu erahnen. Aber es brachte harmonisch, melodisch und rhythmisch eine ganz eigene Farbe in die sehr westlich anmutende Instrumentalbegleitung der "Walzer" Efendis, wie umgekehrt die beiden wunderbaren Tänzer des Hamburger Balletts aus Mozarts und Beethovens ebenso schlichter wie schöner Musik im Pas de deux reine Kunstwerke machten. Vor allem Yaroslav Ivanenko hat sich als sein eigener Choreograph die elegant gedrechselten, raumgreifenden Bewegungen sozusagen auf den Leib geschrieben. Das monoton mystisch-religiöse Drehen zweier Derwische im Dreiertakt löste sich so in der Begegnung von Mann und Frau im Dreivierteltakt von Walzer und Ländler in ganz zauberhaft schwebender Weise auf.

Am 27. 9. bzw. 3. 10. (jeweils ab 22 Uhr) sind die beiden Konzerte auf NDR Kultur zu hören.

Klaus Kalchschmid

Noch bis 2. August. Programm, Informationen und Karten unter
www.musiktage-hitzacker.de