Bruckner in schwarzweiß

Daniel Harding Foto: Harald Hoffmann / DG

(Berlin, 7. und 8. September 2008) Das Besondere an den Programmen des Berliner Musikfests ist, dass es nicht nur einen zentralen Schwerpunkt mit Werken Messiaens, Bruckners und Stockhausens gibt, sondern dass auch die einzelnen Konzerte Bezüge unter den Werken aufweisen. Das London Symphony Orchestra spielte unter Daniel Hardings Leitung Pierre Boulez' "Livre pour Cordes", Olivier Messiaens Orchesterlieder "Poèmes pour Mi" sowie Bruckners vierte Symphonie in der Erstfassung von 1874. Und wer sich ein wenig mit den Stücken und den Komponisten befasst, oder in den hervorragenden Programmheften des Musikfests blättert, wird feststellen, dass Bruckner und Boulez überaus skrupulöse Komponisten waren bzw. sind, die ihre Werke gerne überarbeiteten, manchmal sogar mehrfach. Die "Livres pour Cordes" für Orchester von 1968 unterzog Boulez genau 20 Jahr später einer Be- und Überarbeitung. Eigentlich gehen sie sogar auf die 1948/49 komponierten "Livres pour Quatuor" zurück, die sich leider als relativ unspielbar erwiesen. Zu dieser Zeit, in der Boulez in engem Kontakt zu John Cage stand, versuchte er eigene Möglichkeiten der Organisation "modulierter Klänge" zu entwickeln. Die späte Orchesterversion dagegen ist natürlich bestimmt von der meisterlichen und klangsinnlichen Beherrschung und Umformung des ursprünglichen Materials.

Bruckners Vierte liegt gar in drei Versionen vor. Die am wenigsten oft zu hörende setzte Daniel Harding aufs Programm und bot damit den Zuhörern die Möglichkeit, dieses wohl meistgespielte Werk Bruckners in einer Art schwarzweiß-Vorlage zu erleben. Vieles darin wirkt tatsächlich wie ein Gerüst, eine Vorstufe, den dritten Satz dieser Version verwarf er später vollständig. So macht diese frühe Version durchaus mitunter Mühe beim Hören, allzu oft brechen Entwicklungen ab, verlaufen sich die Ideen im Nirgendwo. Die Londoner unter dem sehr gewissenhaft und sorgsam agierenden Harding widmeten sich dem gewiss nicht leicht zu spielenden Stück mit großem Engagement.

Beeindruckender noch gerieten die farben- und spannungsreich musizierten Orchesterlieder "Pour Mi", die Messiaen seiner ersten Frau, der Geigerin und Komponistin Claire Delbos gewidmet hat (nach eigenen Texten) - Lieder, die die menschliche und die religiöse Liebe gleichermaßen besingen und feiern. 1936/37 hat Messiaen sie komponiert, wobei im sechsten Lied "Deine Stimme" bereits Anklänge an seine späte Oper "Saint Francois d'Assise" zu hören sind, bis hin zum Vogelgesang des Schlusses: "Du würdest die Zahl der körperlosen Engel vervollständigen. Zum Ruhm der Heiligen Dreifaltigkeit würde deine frische Stimme in ewiger Glückseligkeit erklingen (Frühlingsvogel, der erwacht). Du würdest singen."
Die eingesprungene junge, hochbegabte Sopranistin Measha Brueggergosman (sie gewann vor ein paar Jahren einige Preise beim ARD-Wettbewerb in München) sang die Lieder mit klarer stimmlicher Kontur und guter Artikulation, wenngleich mitunter vielleicht noch die letzte Perfektion in der Ausgestaltung fehlte.

Das war bei Christine Schäfer und Matthias Goerne tags darauf selbstverständlich nicht der Fall. Deren Interpretation der Liebeslieder nach Tagore von Alexander Zemlinksy aus dem Jahr 1922/23, die dieser als "Lyrische Symphonie" veröffentlichte, ließ deren fiebrig-expressiven Gestus mit großer Eindringlichkeit, aber ohne Pathos aufscheinen. Christoph Eschenbach und das Orchestre de Paris waren ihnen jederzeit inspirierte Begleiter. Es wurde ein Abend der Klangfarben-Magier: mit Ravels illustrativ-witziger Ballett-Musik "Ma Mere l'oye" (die Messiaen als bevorzugtes Studienobjekt diente) und Messiaens erstem veröffentlichtem Orchesterwerk "Les Offrandes oubliées" von 1930 - ein enorm selbstbewußtes Werk zwischen rhythmischer Brutalität und elegischer Transzendenz.
Eschenbach, der das Orchestre de Paris seit 2000 als Chefdirigent leitet, konnte wie selbstverständlich die wunderbare Klangfarbensensibilität und Homogenität dieses Ensembles zur Gestaltung großartiger Klangbilder abrufen.

Robert Jungwirth